Bulletin 41 – Sommer 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

soll sich die Kirche ums politische Geschehen kümmern? Ja, natürlich. Gegenüber dem Unrecht in der Welt können wir nicht gleichgültig sein und es kann uns auch nicht egal sein, wer in unserem Land regiert, ob die Regierung moralisch handelt und ob sie das Wohl ihrer Bürger oder nur ihr eigenes im Blick hat. Politik ist nicht schmutzig, wie es heißt und schon das ist gefährlich; Politik ist die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten, die man nicht ganz aus der Hand geben darf – gerade weil wir Christen sind.

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Daran erinnert der Ruf der Synode der EKBB zu den kommenden Wahlen in der Tschechischen Republik (Parlaments- und Präsidentschaftswahlen), den Sie in diesem Bulletin finden. Es ist eine Erklärung auf allgemeiner Ebene, die zugleich deutlich macht, dass den Synodalen, die wir gewählt haben und die daher für uns sprechen, nicht egal ist, wer sich wie um unser Land kümmert und eben auch, wen wir an die Spitze unseres Landes wählen.

Ich weise auch mit Freude auf ein Interview mit einem Mitarbeiter der EKBB-Zentrale hin, den viele von Ihnen persönlich kennen und der im März nach vielen Jahren offiziell seinen Dienst beendet hat, sich aber keinesfalls zur Ruhe gesetzt hat.

Von den weiteren Texten, die sicherlich interessant sind, erwähne ich nur einen Artikel aus der Rubrik Diakonie. Es lohnt sich die ungewöhnliche Geschichte von den Statuen der Diakonie Litoměřice/Leitmeritz zu lesen – sie ist lustig und hat ein gutes Ende.

Unsere nächste Ausgabe des Bulletins kommt erst in der Adventszeit. Bis dahin wünschen wir Ihnen eine gute und sinnvoll verbrachte Zeit, Hoffnung und Frieden in allem was Sie tun und was Sie erwartet.

Jana_PliskovaFür den Redaktionsrat

Jana Plíšková

Die Wunder des Kirchentages

DSC_0370Voller Eindrücke sind wir vom Kirchentag nach Tschechien zurückgekehrt. Zwischen Himmelfahrt und dem darauf folgenden Sonntag kamen über 100.000 Christen in Berlin und Wittenberg zusammen. Mit orangefarbigen Schals „überfluteten“ sie das Berliner Messegelände, das Stadtzentrum und viele weitere Orte der deutschen Hauptstadt. Auf die Besucher warteten laut Programmheft 2.500 Programmpunkte, unter denen jeder auswählen konnte. Gottesdienste, moderierte Debatten, Konzerte, Ausstellungen, Workshops, Morgenandachten und Bibelarbeiten, Markt der Möglichkeiten. Das erste Wunder ist, dass es gelingt, ein solches Vorhaben überhaupt zu organisieren. Die Wunder des Kirchentages weiterlesen

Viele kleine Fische. Der evangelische Kindergarten in Tábor

DSCN0922Am 2. Juli 2017 wurden wieder 30 Schulanfänger aus dem Kindergarten der evangelischen Gemeinde in Tábor feierlich verabschiedet. Traditionell geschah dies auf dem Sommerfest des Kindergartens. In einer großen Feier mit Kindern, Eltern und Verwandten, musikali-schen Darbietungen und einem bunten Spielprogramm wurden die Vorschulkinder zu Rittern geschlagen, damit sie dann im Herbst in die erste Klasse aufgenommen werden können. Viele kleine Fische. Der evangelische Kindergarten in Tábor weiterlesen

Prager Theologen im Heiligen Land

Vom 06.-20. Mai. 2017 machten sich Prof. Martin Prudky und Dr. Filip Capek zusammen mit Studenten der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karls-Universität Prag auf ins Heilige Land nach Israel.  Anlass der Reise der zehnköpfigen Gruppe, welche im New Imperial Hotel nahe des Jaffatores unterkam, war die Einladung Yuval Gadots, eines Archäologieprofessor der Universität Tel-Aviv, am „Ancient Jerusalem Excavation Project“ in der sogenannten Zone E in der Davidsstadt südöstlich der heutigen Jerusalemer Altstadt teilzunehmen. Unter Leitung von Gadots Mitarbeiterin Helena Roth und Johanna Regev, einer Expertin für Radiokarbon-Datierung, verfolgte die Gruppe zusammen mit weiteren Archäologiebegeisterten das Ziel, verwertbare Materialien wie Asche, Knochen, Olivenkerne oder Keramikstücke aus möglichst vielen Sedimentschichten freizulegen, welche für die spätere Analyse im Labor hilfreich sein könnten. Der wissenschaftliche Hintergrund ist das Anliegen eine lückenlose Chronologie für Jerusalem zu erstellen, anhand derer man weitere historische Ereignisse und Funde datieren kann. Hauptaugenmerk liege laut Gadot auf dem Eisenzeitalter (11.-7.Jahrhundert v. Chr.), weshalb die Grabung durch Sedimentschichten ebendieses Zeitalters ein primäres Anliegen war und ist. Am Ende der zweiwöchigen gemeinsamen Arbeit ließ sich resümieren, dass man mehr Material und Sichten als erwartet gefunden hat und deshalb eine weitere Grabung an selbem Ort im Juli angesetzt wurde, um mehr Materialien zu sichern und ein geschlossenes chronologisches Bild erhalten zu können. Zudem stellte Gadot einen Besuch in Prag im nächsten Jahr in Aussicht, um die Ergebnisse der Grabung vorzustellen. Man darf also gespannt sein, zu welchen archäologischen Erkenntnissen über Jerusalem die Arbeit der Prager Delegation beigetragen hat. Prager Theologen im Heiligen Land weiterlesen

Ökumene erweitert den Horizont. Ein Gespräch mit Gerhard Frey-Reininghaus

Aus den ursprünglich gedachten zwei Jahren in Prag wurden ein paar mehr…

DSC_0402Gerhard Frey-Reininghaus (*1951) wuchs in seiner Familie mit drei Geschwistern in Württemberg auf. Nach dem Abitur verbrachte er ein Jahr in Amerika, er studierte Theologie und elf Jahre war er Pfarrer in Köngen bei Stuttgart. Im Jahre 1990 kam er nach Prag. Zuerst für ein zweijähriges Stipendium an der Evangelischen Theologischen Fakultät. Später aber bekam er das Angebot, im Kirchenamt der EKBB zu arbeiten. Aus der Funktion des Leiters des Ökumene-Referats und als Chef der Abteilung für Außenbeziehungen ist er im April 2017 nach mehr als 20 Jahren in den Ruhestand verabschiedet worden. Ökumene erweitert den Horizont. Ein Gespräch mit Gerhard Frey-Reininghaus weiterlesen

Unermüdlicher Siebzigjähriger als Bewahrer des Glaubens. Auszeichnung PRO ECCLESIA für Jaroslav Kalousek

zmenšDie EKBB hält seit langem Kontakt mit den Gemeinden der Auslandstschechen, die, trotz der Entfernung den evangelischen Glauben bewahren und teilweise auch die tschechische Sprache. Es würde den Rahmen hier sprengen alle zu nennen, die einmal eine Gemeinde leiteten. Einige will ich aber doch erwähnen: Mit Dankbarkeit denke ich an das bereits verstorbene Ehepaar Hajek aus Serbien und den verstorbenen Bruder Josef Janček aus Bohemka in der Ukraine, der am Ende seines Lebens die Gemeindefürsorge an Schwester Ludmilla Sverdlová übergab. Marie Provazniková aus dem ukrainischen Veselynivka, Zdenka Pagačova aus der Gemeinde im kroatischen Bjeliševac, Karel Pospišil und Vera Pospišil im polnischen Zelów – sie alle sind oder waren Säulen der dortigen Gemeinden. Unermüdlicher Siebzigjähriger als Bewahrer des Glaubens. Auszeichnung PRO ECCLESIA für Jaroslav Kalousek weiterlesen

Das Jahr 2016 war für die Diakonie erfolgreich

Die Diakonie wächst – es gibt mehr als 130 Einrichtungen in der ganzen Tschechischen Republik. In der Diakonie arbeiten rund 2000 Mitarbeitende. Die Schulen und Kindergärten der Diakonie werden von 423 Kindern besucht. Es gelang auch, dass die Diakonische Akademie, die verschiedene Weiterbildungskurse anbietet, jetzt auch Angebote für die Sozialen Dienste miteinschließt. Die Kurse stehen nicht nur Mitarbeitenden der Diakonie offen, sondern auch weiteren Interessierten der Sozialen Arbeit. Aktuell bietet die Diakonische Akademie 50 verschiedene Themen der Weiterbildung an und ist die einzige Akademie auf dem tschechischen Markt, die auch Langzeit- (6 monatige) Fortbildungen anbietet, für Management im Sozialen Dienst, für Mitarbeitende, die mit Menschen mit Demenz arbeiten und für Assistenten, die Menschen mit Behinderungen und Autismus unterstützen. Das Jahr 2016 war für die Diakonie erfolgreich weiterlesen

Professor Pokorný von der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Prag erhält den prestigeträchtigen Preis Donatio Universitatis Carolinae

Im Oktober 2016 kündigte der Rektor der Karlsuniversität eine neue hochrangige Auszeichnung an, die Donatio Universitatis Carolinae. Diese Auszeichnung soll führenden Forschern zuteilwerden, die einen wesentlichen Anteil am internationalen Prestige der Universität haben. Sie ist von einem Preisgeld in Höhe von einer Million CZK begleitet, mit der Absicht, das Forschungsinteresse des Ausgezeichneten weiter zu unterstützen.Karolinum

2017 wurden von einem internationalen Beratungsorgan aus einer Anzahl von 17 Nominierten aus der ganzen Karlsuniversität fünf Forscher für diese Auszeichnung ausgewählt. Einer der fünf Empfänger, die den Preis bei einem Festakt am 6. März 2017 von dem Rektor erhielten, war Professor Petr Pokorný von der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Der Festakt fand am Jahrestag der Gründung der Karlsuniversität statt.

Prof Petr PokornyPokorný ist seit vielen Jahrzenten ein weltweit bekannter Neutestamentler. Er ist Mitglied von vielen führenden tschechischen, wie auch internationalen Wissenschaftsvereinigungen. Er war schon in den siebziger Jahren Mitglied der Arbeitsgruppe für die neue tschechische ökumenische Bibelübersetzung; er war Vorsitzender für die Untergruppe zum Neuen Testament. Der Preis Donatio Universitatis Carolinae gilt als Anerkennung seiner Sonderforschung im Bereich der koptischen gnostischen Literatur, in der Genealogie der Schriften der synoptischen Evangelien und Deutero-paulusbriefe, wie auch in der Bibelhermeneutik. Das Preisgeld wird den Verlauf seiner jetzigen Forschungsprojekte weiter unterstützen, vornehmlich seine Arbeit an der Publikationsreihe Der tschechische ökumenische Kommentar zum Neuen Testament, und auch die historische Forschung zu Jesus von Nazareth.

Schottischer Universitätskaplan in Prag

7 fotka Skotský studentský farářPfarrer Dr. Alistair Donald kam im frühen Mai dieses Jahres zu einem von dem Erasmusprogramm organisierten Besuch nach Prag, als Gast der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Er ist Pfarrer einer Schwesterkirche der EKBB, der Church of Scotland, und er arbeitet als Kaplan an der Herriot-Watt-Universität, eine Wissenschafts- und Technikuniversität in Edinburgh. Hier seine Eindrücke von dem Besuch:

Obwohl ich schon vorher Prag für einen kurzen Urlaub besucht hatte, ermöglichte mir die Woche, die ich jetzt hier verbrachte, ein viel komplexeres Bild der Stadt, der Kirche und des Studentenkontextes. Ich hatte hilfreiche Diskussionen mit den Unterrichtenden, wie auch mit den Studierenden und anderen, die im Studentendienst tätig sind.

Es gibt viele interessante Ähnlichkeiten, wie auch Unterschiede, zwischen den Städten Edinburgh und Prag. Sie sind beide von einer großen, auf einem Berg platzierten Burg dominiert, und sie haben beide eine Geschichte, die mehr als ein Jahrtausend zurückreicht. Nur in Edinburgh gibt es kein Äquivalent des Flusses, der durch die Stadt Prag fließt. Es war interessant zu sehen, was für eine prominierte Stelle das Denkmal von Jan Hus auf dem Altstädter Ring hat. Daneben erfuhr ich, dass Hus sogar für diejenigen ein Nationalheld ist, die nicht religiös sind. Im Gegensatz dazu schämen sich heute viele in Schottland für unseren Reformator John Knox, und sie neigen dazu, ihn zu verunglimpfen und seinem riesigen Einfluss auf unser Bildungssystem zu ignorieren.

Der säkulare Kontext, in dem die Kirchen in unseren zwei Ländern tätig sind, hat natürlich ganz unterschiedliche Geschichten; doch sie ähneln sich. Es gibt eine bestimmte Offenheit für Fragen des Geistes, und gleichzeitig Skeptizismus und sogar Feindseligkeit gegenüber dem Christentum.

Da ich einen naturwissenschaftlichen Hintergrund habe, ist eines meiner Interessen die Beziehung von Wissenschaft und Glaube, und ich versuche darauf aufmerksam zu machen, dass sie keine „Feinde“ sind, wie man oftmals denkt. Es war schön, nach meinem Vortrag an der Hussitischen Theologischen Fakultät eine Zeit voll von lebendigen Fragen mit den Dozenten und Studenten zu erleben.

Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Peter Stephens für seine wertvolle Hilfe, da er mir viele Kontakte und Begegnungen vermittelte. Ich bedanke mich auch bei vielen Mitgliedern der Fakultät und bei anderen aus dem Prager studentischen Umfeld, für ihre Zeit und Assistenz beim Austausch von wertvollen Erfahrungen.

Alistair Donald