Gespräch mit Alena Fendrychová: Koordinatorin für die Arbeit mit Flüchtlingen

Alena Fendrychová

Bevor die Flüchtlinge ankommen, können wir für sie Grundlagen schaffen

Es gibt bei uns bis jetzt wenige Flüchtlinge. Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass sie bald auch in die Tschechische Republik kommen. „Es ist nützlich, sich die Geschichten der Menschen anzuhören, die auf der Suche nach einem neuen Zuhause zu uns kommen. Dann nämlich wird uns deutlich, warum sie auf der Flucht sind; dann scheint es lächerlich zu fragen: warum bleiben sie nicht dort und kämpfen?“, sagt Alena Fendrychová, die sich der Arbeit mit Flüchtlingen widmet.

 

Seit Anfang des Jahres sind Sie als Koordinatorin für die Arbeit mit Flüchtlingen in der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder tätig. Der Arbeit mit Migranten widmen Sie sich aber schon seit über zehn Jahren. Inwiefern hat sich ihre Arbeit verändert?

An meiner Arbeit mit den Menschen hat sich nicht viel geändert, ich werde mich aber vermehrt auf die Arbeit mit Gemeinden konzentrieren. Wenn in Zukunft wirklich eine größere Zahl an Flüchtlingen zu uns kommen wird, dann werden sich einige Gemeinden vielleicht verbinden und einige von ihnen unter sich aufnehmen. Sie benötigen dazu allerdings Informationen, wie die Integration von Seiten des Staates vonstattengeht, was für sie vorbereitet ist, was nichtstaatliche Organisationen bereitstellen und was die Gemeinden tun können.

Inwiefern haben sich die Menschengruppen, denen Sie sich widmen, verändert?

Ich besuche seit ca. zehn Jahren das Internierungslager in Bělá pod Bezdězem (Weißwasser). Bis zum vergangenen Jahr lebten dort vor allem Menschen aus der ehemaligen UDSSR, Vietnam oder China, die entweder illegal in der Tschechischen Republik einer Arbeit nachgingen, oder ungültige Papiere hatten. Nachdem sie mehrfach von der Ausländerpolizei festgenommen worden waren, wurden sie interniert. Internierung – von der Ausländerpolizei festgenommen zu werden – all dies sollte bei der Absicht einen Ausländer abzuschieben seltene Maßnahmen sein, da Sie sie ihrer Freiheit berauben. Während dieser Zeit gab es dort wenige Menschen, größtenteils Frauen, die nach Europa gekommen waren, um Geld für ihre Kinder oder ihre Familien zu verdienen und dabei leider festgenommen wurden.

Was haben Sie dort getan?

Ich leitete dort eine Nähgruppe, wo Interessierte, Frauen oder Männer, sich etwas für sich selbst nähen konnten. Wir haben dort alle zusammen gearbeitet. Sie lernen die Menschen dabei sehr gut kennen. Ich bewundere die Frauen, die sich dagegen entschieden haben, zu warten bis etwas passiert und sich auf den Weg gemacht haben, um ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder zu verändern. Obwohl sie eingesperrt waren und nicht hinaus durften, haben wir oft untereinander gespaßt. Die Arbeit gab mir augenblicklich das Gefühl, dass sie etwas nützt. Diese Menschen hatten auf einmal die Möglichkeit sich normal zu fühlen, jemand wandte sich ihnen zu und sprach mit ihnen auf Augenhöhe.

Wann hat sich die Situation in Bělá verändert?

Im Herbst des vorvergangenen Jahres, als diese Zielgruppe verschwand, kamen Albaner aus dem Kosovo in dieses Lager. Die Arbeiter sagten, dass es sich im Kosovo herumgesprochen hatte, dass in Deutschland alle ausgezeichnete Sozialhilfe erhielten. Diese Menschen wurden dann durch eine neue Flüchtlingswelle ausgewechselt. Das war irgendwann im Sommer, als in Bělá über 700 Menschen interniert waren, obwohl die Einrichtung nur über eine Kapazität für 250 Personen verfügt. Es handelte sich größtenteils um Syrer, Iraker und Afghanen. Und ich hörte auf dorthin zu fahren. Zum einen wollte man mich dort nicht mehr haben, weil es bereits zu viele Leute gab, zum andere wollte ich dort auch nicht mehr hin. Früher waren die Frauen beispielsweise ein halbes Jahr dort und wir kannten sie. Auf einmal aber waren es sehr viele Menschen und sie wechselten sehr schnell. Dies ist für die Arbeit in einer Nähgruppe nicht unbedingt konstruktiv.

Haben wir das Recht dazu, Flüchtlinge auf diese Weise einzusperren?

Nichtstaatliche Organisationen sagen, dass es ungesetzlich ist, aber ich nehme auch die Argumente des Innenministeriums wahr, dass diese Menschen keine Papiere haben, ohne Erlaubnis zu uns kommen und kein Asyl beantragen wollen. Der Staat sagt, dass er das Recht dazu hat, sie festzuhalten, um ihre Identität festzustellen. Sie argumentieren damit, dass sie sich versuchen an das Dublin-Abkommen zu halten und sie in die Länder zurückschicken wollen, wo sie Europa betreten haben. Ein weiterer Aspekt ist, dass zu diesem Zeitpunkt bereits weder Österreich noch Ungarn Flüchtlinge zurücknahm, so dass dies keinen Sinn mehr machte. Meiner Meinung nach bestand das hauptsächliche Problem aber darin, dass Bělá völlig überfüllt war. Ich denke, dass das Innenministerium schneller reagieren und neue Kapazitäten hätte schaffen müssen, anstatt die Kapazität der Einrichtung auf dem Papier zu erhöhen. Als sie diesen Weg wählten, hätten sie dafür sorgen sollen, dass die Leute dort in menschenwürdigen Verhältnissen leben können. Anfang letzten Dezember waren in Bělá nur ein Paar Menschen übriggeblieben. Ein Großteil wurde freigelassen oder ist in neu eröffnete Einrichtungen gezogen.

Kann man absehen, wie die Flüchtlingssituation bei uns in den kommenden Monaten aussehen wird?

Ich rechne damit, dass sie auch zu uns kommen. Die Zahl sowohl der positiven Asylbescheide als auch der subsidiäre Schutz, was eine schwächere Form des Asyls darstellt, steigt. Auf diese Weise haben im vergangenen Jahr hunderte Menschen eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, vor allem Ukrainer, Kubaner und Syrer, deren Familien beispielsweise bereits hier waren. Es sind allerdings nur eine wenige aus der Welle, die nun über Europa hereinbrach. Die Tschechische Republik hat sich dazu verpflichtet, Flüchtlinge im Rahmen der Umsiedelung und Relokalisierung aufzunehmen. 400 Menschen in einem Lager in Jordanien bekommen die Möglichkeit in die Tschechische Republik umzuziehen und einige Tausend Menschen könnten aus Lagern in Griechenland oder Italien umgesiedelt werden. Sie würden dann in der Tschechischen Republik Asyl beantragen.

Was, wenn sie nicht zu uns wollen?

Niemand kann sie dazu zwingen. Wenn sie nicht zu uns wollen, dann müssen sie nicht. Momentan denken alle, dass Deutschland ideal sei, aber je mehr Flüchtlinge bereits dort sind, desto schlechter gestalten sich ihre Bedingungen. Mit der Zeit wird sich diese Situation ändern und die Flüchtlinge werden dann auch zu uns kommen. Es werden dann vielleicht einige Tausend sein – also im Vergleich zu den anderen Staaten nicht viele – aber ich glaube, dass dies für uns einen Aufruf darstellt. Es werden Menschen zu uns kommen, die Probleme haben werden die bei uns auch arme Menschen haben, wie zum Beispiel Geldprobleme, Probleme mit Steuern, der Arbeit, sie werden aber auch mit dem Unverständnis der hiesigen Gesellschaft, einer Sprachbarriere und Vorurteilen von Seiten der Tschechen zu kämpfen haben.

Was können wir tun?

Ich denke wir sollten die Zeit nutzen, die wir haben, solange noch niemand hier ist. Daran zu arbeiten, dass wir es schaffen die Flüchtlinge gut aufzunehmen und dass es gut ausgeht. Und darin sehe ich ein großes Potential unserer Gemeinden. Ich beziehe mich dabei nicht unbedingt auf die Erstaufnahme, da die durch den Staat, die Caritas in der Tschechischen Republik und nichtstaatliche Organisationen, gesichert ist. Die Sicherung des Allernötigsten ist jedoch nur der Anfang. Eine Integration ist eine Frage mehrerer Jahre. Die Flüchtlinge werden sich in einer Gemeinschaft, in verschiedenen Städten, Dörfern, wiederfinden. Und es wird viel davon abhängen wie offen diese Gemeinschaft sein wird, wie sie sie aufnimmt. Es ist besser wenn die Menschen euch unter sich aufnehmen, als dass sie euch anschauen wie potentielle Terroristen. Darin sehe ich die Aufgabe der Gemeinden. Wir können uns darauf vorbereiten, ein Netz an Freiwilligen knüpfen und Erfahrungen im Ausland sammeln, wo bereits Flüchtlinge sind.

Wie sind Sie zur Arbeit mit Flüchtlingen gekommen?

Ich habe vier Kinder und war lange mit ihnen zu Hause. Vier Jahre habe ich für die amerikanische Radiostation Radio Free Europe gearbeitet. Erst als Sekretärin, dann habe ich ein wenig Luft geschnappt, Englisch gelernt und dort für angestellte Ausländer ein kulturelles Leben, Weihnachten und verschiedene Feiern organisiert. Meine Aufgabe war die Kommunikation mit ihnen. Die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht. Danach habe ich von Jana Plíšková erfahren, dass die Diakonie auf der Suche nach jemandem sei, der mit Flüchtlingen arbeiten würde. Ich ging zum Vorstellungsgespräch und fing an dort zu wirken. Von Anfang an suchte ich nach Dingen, die man machen könnte. Damals wurden vor allem materielle Sammlungen für die Lager organisiert. Dann bin ich einmal nach Velký Přílepy (Klein Pschilep) in das Internierungslager gefahren und sah, wie unglücklich die Lage dort war. Damals sagte ich mir, dass man mit den Frauen nähen könnte, um es dort ein wenig zu verbessern. Als sie das Lager schlossen, begann ich in das Internierungslager in Bělá pod Bezdězem zu fahren.

Wenn wir die Internierungslager bei Seite lassen, mit welchen Menschen treffen Sie sonst noch zusammen?

Es sind einzelne Ausländer, manchmal aber auch ausländische Familien, die Wert darauf legen, sich regelmäßig mit einem Tschechen zu treffen. In einem solchen Falle suche ich dann Mitarbeiter in den Gemeinden. So gab beispielsweise Tomáš Matějovský in der Gemeinde in Jablonec (Gablonz) tschetschenischen Jungen Sprachunterricht, eine Frau aus Usbekistan ging in Liberec (Reichenberg) in die Gemeinde, in Mladá Boleslav (Jungbunzlau) haben wir eine Näherei für Kasachinnen und Tschetscheninnen organisiert, und auch Frauen aus der Gemeinde nähten mit ihnen. Mir gefällt es Leute zu verbinden. Ich glaube dies stellt einen guten Weg dar, um sich der Xenophobie und der Angst zu stellen. Die Flüchtlinge haben Probleme, aber es sind Menschen wir wir und das erkennt man am besten, wenn man zusammen ist.

Wie verständigen Sie sich mit den Flüchtlingen?

Ich habe mein eingestaubtes Schulrussisch aufgefrischt. Manchmal sprechen wir Englisch, aber das ist nicht häufig, oder Französisch, beispielsweise mit den Menschen aus Afrika. Wenn wir keine gemeinsame Sprache haben, dass verständigen wir uns mit Händen und Füßen. Und wenn die Menschen länger hier sind, dann können sie schon ganz gut Tschechisch.

Können Sie zusammenzählen, wie viele Flüchtlinge Sie während Ihrer Arbeit trafen?

Es sind viele. Allein in Bělá haben nach einander hunderte Menschen gewohnt. Aber wenn es um die Menschen geht, die ich beim Namen kenne, die ich mehrmals gesehen habe und mit denen ich mehrfach etwas geregelt habe, dann werden es etwas über Hundert sein.

Sie hören viele Geschichten. Welche davon kommt Ihnen als erste in den Sinn?

In Bělá habe ich einmal eine Mutter getroffen, die mit ihrem kleinen Kind inhaftiert worden war. Die Frau sollte dann freigelassen werden und wir halfen ihr eine Unterkunft zu finden, damit sie mit dem Säugling, den sie stillte, nicht auf der Straße bleiben musste. Dann riefen sie mich an, dass in das Internierungslager Mitarbeiter des OSPOD gekommen seien, der Frau das Kind abgenommen und es mitgenommen hätten, weil die Eltern des Kindes aus irgendeinem Grund in seinen Unterlagen nicht verzeichnet waren. Das war sehr dramatisch, aber die Geschichte fand ein gutes Ende und das Kind wurde ihr zurückgegeben. Manchmal passieren unglaubliche Dinge. Die Geschichten der Leute aus Tschetschenien beispielsweise sind hart. Wenn sie von den Bombardements auf den Straßen erzählen, davon wie sie in den Kellern bleiben mussten und die Kinder wegen des Krieges mehrere Jahre nicht zur Schule gingen. Es ist sehr nützlich da hinzuhören, weil Ihnen dann klar wird, warum diese Menschen flüchten und es scheint Ihnen dann lächerlich wenn jemand fragt: „warum bleiben sie nicht dort und kämpfen?“

Welche Reaktionen werden Ihnen hinsichtlich Ihrer Arbeit entgegengebracht?

Sie sind eigentlich recht positiv, was mit der Gruppe an Menschen, mit der ich verkehre zu tun hat. Manchmal ruft mich zwar jemand an, um mir zu sagen, dass ich keine Patriotin bin, wenn ich Ausländern helfe, während unsere eigenen Leute so viele Probleme haben, aber das sind eher Ausnahmen. Vor allem bei jungen Leuten fühle ich eine gute Stimmung. Ich sehe aber auch, dass die Leute Angst haben, was ziemlich verständlich ist. Sie haben keine Chance die Flüchtlinge selbst zu treffen und schöpfen ihre Informationen vor allem aus den Medien. Und wenn sie sich nicht selbstständig Informationen besorgen, dann ist das Ergebnis, dass ein Muslim für sie einen potentiellen Terroristen darstellt. Wenn ich aber auf Vorträge in die Gemeinden fahre, dann höre ich trotz der Angst heraus, dass wir den Flüchtlingen helfen sollten. Als Gläubige haben wir es in uns, wir sehen, dass sie unsere Nächsten sind und dass wir hier sind, dass wir mit Ihnen in Kontakt treten. Die, die nicht in die Kirche gehen, haben es wahrscheinlich nicht so sehr in sich. Ich sage nicht, dass sie schlechter oder besser sind, aber sie haben nicht dieselbe Auffassung.

Was motiviert Sie?

Die Vielfalt meiner Arbeit. Einmal fahre ich nach Bělá, dann wieder in die Gemeinden, ein anderes Mal helfen wir jemandem, wir sammeln Gelder, ich sehe die Ergebnisse. Ich würde keiner Arbeit nachgehen wollen, wo ich die nicht sehen würde.

Das Gespräch führte Jana Vondrová

Übersetzt von Christine Schoen

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