Hieronymus von Prag – 600 Jahre

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Hieronymus von Prag, 1378? – 30.5.1416, ein tschechischer Philosoph, religiöser Denker, Politiker, Reisender und ein Ketzer. Er wuchs in einem interkulturellen Prag auf, wohin zahlreiche Studenten, vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, zum Studieren kamen. Seit der Herrschaft Kaiser Karls IV. war Prag eine europäische Großstadt, in der der Kirche eine zentrale Stellung zukam.

 

Hieronymus begann sein Studium der Philosophie an der Prager Karls-Universität und führte es anschließend im englischen Oxford fort, wo er die Lehren des Reformatoren John Wyclif näher kennenlernte. Wyclif reagierte in seinen Schriften kritisch auf die damalige Situation der Kirche, die sich weitaus mehr ihren herrschaftlichen und ökonomischen Interessen widmete als der Verkündigung des Evangeliums. Eine Besserung dieser Lage war laut Wyclif nur durch eine Rückkehr zum biblischen Vorbild aus apostolischer Zeit möglich. Die weltliche Macht sollte der Kirche ihren Besitz abnehmen und sie so wieder zu ihrem wahren Auftrag zurückführen. Wyclif stellte sich gegen alles, für was er keinen Beleg in der Heiligen Schrift fand: Ablässe, das Fegefeuer, den priesterlichen Zölibat, die Beichte, die Wandlung von Brot und Wein während des Abendmahls, das Mönchtum, ein Bettelleben u.v.m. Hieronymus machte die Werke Wyclifs seinen Freunden in Böhmen zugänglich, die sie zusammen häufig und gerne rezipierten. Große Zustimmung erhielt der Gedanke, dass die sichtbare Kirche in Diskrepanz zu der wirklichen Kirche Gottes stehe, dass ein gottloser Priester bzw. Bischof kein Teil dieser wahren Kirche darstelle und die Menschen deshalb nicht auf sie hören müssten. Die böhmische Begeisterung für Wyclif wurde von den ausländischen Gelehrten, die an der Prager Universität in der Mehrzahl waren, nicht geteilt. Hieronymus konnte Wenzel dazu bewegen, das Machtverhältnis an der Universität zu ändern und bewirkte auf diese Weise ihre Bohemisierung.

Hieronymus von Prag war ein großer Philosoph, der von vier Universitäten einen Magistertitel verliehen bekam – von Paris, Köln, Heidelberg und Prag. Er beeindruckte überall mit seinen rhetorischen Fähigkeiten – er reagierte schlagfertig, zitierte zahlreich aus klassischen Werken, war witzig, oft auch ironisch und hatte vor allem eigene Ideen. An vielen Orten wurden seine Ansichten als eine ketzerische Provokation aufgenommen, so dass Hieronymus vor Ermittlungen der Inquisition fliehen musste.

In seinem Leben hat sich Hieronymus auf viele Reisen begeben. Neben der studentischen Wanderung nach Westeuropa, begab er sich auf eine Reise, die ihn über Konstantinopel nach Jerusalem führte. Er war für eine kurze Zeit in Ungarn und Österreich und durchreiste Polen und Litauen, wo die orthodoxe Kirche als eine mögliche Alternative zur verdorbenen römischen Kirche seine Aufmerksam auf sich zog. Auf seinen Reisen traf er mindestens drei ausländische Herrscher persönlich. Überall verwunderte er die Leute mit seiner Bildung und erregte Aufsehen durch seine Ansichten.

Seit seiner Studienzeit war Hieronymus eng mit dem Prager reformatorischen Prediger und universitären Funktionär Jan Hus befreundet. Das Ringen ihrer Zeit erlebten sie gemeinsam – darum, die Werke Wyclifs studieren zu können, um die böhmischen Unversität, um die Freiheit zu Predigen, um einen gerechten Prozess vor dem kirchlichen Gericht, gegen den schrecklichen Verkauf von Ablässen in Prag und vor allem um eine Kirche nach göttlichem Willen. In Reaktion auf seine Bemühungen wurde Hus der Ketzerei beschuldigt. Als er sich aufmachte, um sich vor dem Konzil in Konstanz zu verteidigen, versprach Hieronymus ihm seine Unterstützung, obwohl er selbst mit dem Ketzertitel gebrandmarkt war. Ebenso wie Hus, wurde Hieronymus gefangen genommen und erfuhr im Gefängnis von Hussens Verbrennung auf dem für Ketzer bestimmten Scheiterhaufen (6.7.1415). Neben Hus benötigte das Konzil auch einen auf den rechten Weg zurückgebrachten Sünder. Hieronymus wurde brutal gefoltert und musste sich anschließend ernsthaften Gesprächen über Möglichkeiten, sich von Hussens Ketzertum loszusagen, unterziehen. Hieronymus gab nach und entsagte mit einer diplomatischen Formel Wyclifs und Hussens Irrlehren und hoffte auf Freilassung. Er wurde jedoch nicht freigelassen, im Gegenteil: nach einiger Zeit kam ein weiterer Angriff von den Anklägern des Konzils. Hieronymus lehnte sich auf. Er bekannte sich, mit klarer Kenntnis darüber, dass er dem Tod entgegenging, zu Hus. Seine zahlreichen Reden vor dem Konzil müssen großen Auftritten gleichgekommen sein. Selbst seine Gegner anerkannten seine Bildung und Redegewandtheit. Auffällig war allerdings auch Hieronymus´ großer Glaube an Jesus Christus, den Richter aller Gerechten. Ein Glaube, der mit den verknöcherten Ansichten der Kirche nicht vereinbar war. Hieronymus wurde verurteilt und am 30.5.1416 als Ketzer verbrannt. Seine Asche wurde in den Rhein geschüttet. Die Kirche in Tschechien fing an, ihn zusammen mit Jan Hus als Märtyrer zu verehren.

Jiří Tengler

Übersetzt von Christine Schoen

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