Professor Pavel Filipi, 1936–2015

303004Am 7. Januar 2016 war die Kirche der Evangelischen Kirchengemeinde der Böhmischen Brüder in Vinohrady komplett voll. Viele Menschen mussten im hinteren Teil der Kirche stehen. Sie alle waren gekommen, um Pavel Filipi, der fast 50 Jahre lang an der Prager Theologischen Fakultät gelehrt hatte und der am 28. Dezember 2015 im Alter von 79 Jahren verstorben war, die letzte Ehre zu erweisen. Neben der Predigt der Gemeindepfarrerin Ester Čašková konnten sie Ansprachen des Synodalseniors der EKBB, Daniel Ženatý, und des Dekans der Evangelisch-theologischen Fakultät, Jiří Mrázek, vernehmen. Als ich mich in der Kirche umsah, sah ich zahlreiche Pfarrer aus verschiedenen Gemeinden, die gekommen waren, um sich von ihrem ehemaligen Lehrer zu verabschieden, Gemeindeglieder der Gemeinde, in der Filipi regelmäßig gepredigt hatte, Kirchenvorsteher verschiedener tschechischer Denominationen und Gäste aus dem Ausland. Neben mir saß eine katholische Ordensschwester. Filipis Leben und Wirken reichte weit über die Evangelisch-theologische Fakultät hinaus.

 

Es war jedoch die Fakultät, an der er den Großteil seines Lebens wirkte. Nachdem er 1959 an der Fakultät sein Examen abgelegt hatte, arbeitete er zunächst als Pfarrer in Gemeinden der EKBB, um 1968 erneut an die Fakultät zurückzukehren; diesmal als Assistent des bekannten Theologen J.L. Hromádka, mit dessen Theologie sich einige seiner Bücher auseinandersetzten. 1978 wurde er zum Professor ernannt, 1999-2005 hatte er das Amt des Dekans der Fakultät inne, zudem war er jahrelang Leiter des Fachbereichs für Praktische Theologie und des Ökumenische Instituts. Die Hauptinteressen seiner akademischen Arbeit lagen in Homiletik, Liturgik und ökumenischer Theologie. In diesen Bereichen schrieb er eine Reihe von Büchern, die zu Standardwerken für tschechische Theologiestudenten wurden.

Als äußerst intelligenter und gebildeter Mann, war ihm außerdem ein Talent darin gegeben, nicht nur seine Theologiestudenten, sondern auch Gemeindeglieder an seinem Wissen teilhaben zu lassen. Dies tat er still, zurückhaltend, in einer Diskussion über einer Tasse Kaffee. Er liebte es jedoch auch zu predigen und wurde deshalb von Gemeinden der EKBB oft als Gastprediger eingeladen. Auf diesem Wege nahmen seine akademischen Interessen praktisch Gestalt an.

Dies taten seine akademischen Interessen auch auf ökumenischer Ebene. Er pflegte rege Kontakte mit Kirchenrepräsentanten in der Tschechischen Republik und im Ausland. Er war Mitglied mehrerer ökumenischer Gremien, wie zum Beispiel dem Tschechischen Kirchenrat, dem Weltkirchenrat und besonders der Leuenberger Kirchengemeinschaft als Moderator der tschechischen Leuenberger Synode. Bevor er Dekan der Fakultät wurde, war er als Vizedekan für internationale Kontakte tätig gewesen. So wurde er auch in ökumenischen Kreisen außerhalb der Tschechischen Republik bekannt.

Seine letzten Lebensjahre waren nicht einfach. Er sorgte für seine ernsthaft erkrankte Ehefrau und auch sein eigener Gesundheitszustand war nicht gut. Er ging seiner Arbeit aber im Rahmen der Möglichkeiten auch weiterhin nach. Seine letzte Vorlesung an der Fakultät hielt er nur zwei Wochen vor seinem Tod. Ende Oktober, zwei Monate vor seinem Tod noch, predigte er in seiner Heimatgemeinde in Vinohrady über ein Predigtwort aus Psalm 8: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Die letzten Worte möchte ich Pavel Filipi selbst überlassen: Unser Schöpfer wollte nicht ohne Menschen sein, er wollte nicht ohne mich sein, auf dass ich nicht ohne Gott leben musste. Alles, was ich tun kann, ist staunen und dankbar sein: In Krankheit und in Gesundheit, in Glück und Unglück, ja, sogar auf dem Sterbebett, selbst dann werde ich in Gottes Erinnerung bleiben, der einzigen Erinnerung, die nicht verblasst.

 

Peter Stephens, International Office der ETF

Leave a Reply