Seelsorge in der Diakonie – geistliche Begleitung als Mehrwert

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Ein Gespräch mit Štěpán Brodský, zuständig für die Weiterentwicklung von seelsorglichen Angeboten.

Die Diakonie der EKBB soll seelsorgliche Dienste anbieten. Aber was ist Seelsorge? Menschen außerhalb der Kirche wissen es nicht und auch innerhalb der Kirche geraten Menschen bei der Antwort teilweise in Verlegenheit. In der Diakonie ist die Unkenntnis  umso größer, da die Mehrheit ihrer Klienten und Angestellten nicht in der Kirche ist und sich der christlichen Tradition nicht bewusst ist. Gibt es angesichts dessen überhaupt einen Grund, Seelsorge in der Diakonie der EKBB anzubieten?

 

Es gibt zwei Gründe. Der erste ist rechtlicher Art. Die Diakonie ist eine kirchliche Einrichtung und die Aufgabe der Kirche ist es, sich auch um die geistliche Komponente in der Pflege um einen Menschen zu kümmern. Weder die Kirche noch die Diakonie können sich dieses Auftrags einfach so entziehen. Die geistliche Begleitung kann ein besonderes Gewürz unserer Sozialen Arbeit sein, ein Mehrwert, den man in unsere sonstige Arbeit einbringt. Das ist der zweite Grund.

 

Jede diakonische Einrichtung der EKBB hat ihre eigene Partnergemeinde. In der Person des Ortspfarrers sollte es dann zur Zusammenarbeit kommen. Der Pfarrer sollte sich in der zugeteilten diakonischen Einrichtung um die geistliche Begleitung kümmern. So soll die Seelsorge in der Diakonie gesichert werden.

Oft ist sie es aber nicht. Die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden und der Diakonie läuft auf Freiwilligenbasis und kommt häufig zu kurz. Der Pfarrer hat meist so viele Verpflichtungen in seiner Gemeinde und die Arbeit in der Diakonie stellt er hinten an. Wenn die diakonische Einrichtung aus einer Initiative von Menschen aus der Gemeinde gegründet wurde, dann läuft die Zusammenarbeit problemlos. Es gibt aber eben auch Einrichtungen, die ohne  gemeindliche Unterstützung aufgebaut wurden. Dort ist die Zusammenarbeit von Anfang an schwach. Deshalb wollen wir die Seelsorge stärker in den Blick nehmen, sie professionalisieren. Die Arbeit lässt sich nicht von der Ferne, vom Schreibtisch aus delegieren. Die pastorale Arbeit hat dann Sinn, wenn der kirchliche Mitarbeiter mit den Klienten und Angestellten häufig in Kontakt ist. Und wenn das außer der Kraft des Ortspfarrers der Partnergemeinde steht, soll ein Anderer auf die Stelle des seelsorglichen Betreuers berufen werden.

Wie gehen Sie damit um, dass viele Angestellte und Klienten der Diakonie nicht wissen, was Seelsorge ist, sie nicht wertschätzen und sich manchmal vor ihr fürchten?

Hier ist es wichtig zu betonen, dass Seelsorge, wie wir innerhalb der Diakonie von ihr sprechen, nicht missioniert. Darin unterscheidet sie sich von der klassischen Arbeit in den Kirchengemeinden. Das Ziel ist nicht, jemanden zum Glauben zu bringen. Die Betonung liegt vielmehr auf der Unterstützung, darauf einen geistlichen Lebenskontext anbieten. Damit die gesundheitliche und soziale Arbeit der Diakonie mit Menschlichkeit ausgeführt werden kann, die von grundsätzlichen christlichen Werten getragen wird. Der Seelsorger muss erklären, dass seine Arbeit nicht darin liegt, jemanden zum Christen machen.

Ist dann nicht für diese Arbeit ein Psychologe passender?

Seelsorge unterscheidet sich von der Psychologie und von der Psychotherapie. Es ist ein anderer Anspruch. Sie diagnostiziert nicht. Sie behandelt nicht, sondern begleitet. Darüber hinaus arbeitet sie mit einem bestimmten Gebiet, mit der die Psychologie nicht arbeitet, man kann das mit den Begriffen Gott, Religion, Glauben bezeichnen  – auch wenn bei der einzelnen geistlichen Begleitung die Bezeichnungen überhaupt nicht auftauchen müssen.

 

Woher nimmt man die Seelsorger? Gibt es überhaupt ein Interesse an der Ausführung dieser Tätigkeit?

Gute Leute gibt es immer zu wenig. Aber unter Pfarrern und Ehrenamtlichen in den Gemeinden finden sich viele Menschen, die mit einem besonderen Gefühl für das Gegenüber und einem Talent für die Seelsorge ausgestattet sind. Von Vorteil ist Lebenserfahrung, was man eher von älteren Menschen erwartet. Aber ich kenne auch junge Menschen, die auf die richtige Art und Weise “gestimmt” sind – sie haben “Antennen”, mit denen sie erkennen, was das Gegenüber braucht. Eine Grundbedingung ist, dass der Seelsorger gern mit Menschen arbeitet, was sich in Geduld, Verständnis, Respekt und eine Fähigkeit dem anderen Raum zu geben, ausdrückt.

Die Fragen stelle Adam Šůra, Diakonie ČCE

 

 

Štěpán Brodský studierte Theologie an der Ev. Fakultät in Prag, und in Kampen (NL). Er war Pfarrer in Třebenice (Nordböhmen) und im Kreis Ústí in der Kirchenbezirksleitung, anschließend war der Pfarrer in Hradec Králové. Zusätzlich wirkte er als Gefängnisseelsorger. Mit seiner Frau Rut, ebenfalls Theologin und Pfarrerin, haben sie zwei Kinder, Judit (*1997) und Jáchym (*2002).

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