Wie und warum hilft die Diakonie der EKBB in Flüchtlingslagern weltweit

Eliáš MolnárEin Bericht von Eliáš Molnár vom diakonischen Zentrum für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit aus dem Flüchtlingslager Dawida (Nordirak)

Ahmed erzählte mir, wie er eine Kalaschnikow nahm und zur Verteidigung bereit war. Als er erfuhr, dass sich seinem Dorf die räuberischen Truppen des “Daesch”[1] nähern, handelte er, wie es sich für einen ehemaligen Soldaten gehört. Frauen und Kinder wurden in Sicherheit gebracht. Ahmed und seine Nachbarn rüsteten sich zum Kampf, zur Verteidigung.

Die Angreifer hatten schweres Kriegsgerät zur Verfügung. Die Verteidiger nur ein paar Maschinengewehre. Ihre Häuser schafften sie drei Stunden lang zu verteidigen. Dann kam die Stunde der Entscheidung, zu Hause bleiben und einem Massaker zum Opfer fallen, oder den Frauen und Kindern folgen. Die zweite Möglichkeit gewann. “Daesch”, wie man im Nahen Osten verächtlich den Islamischen Staat nennt, gewann ein weiteres Gebietsteil. Und aus Ahmed wurde ein Flüchtling.

Zuerst dachte er, dass er nur ein paar Monate fern von seinem Zuhause sein würde. Er glaubte nicht, dass die räuberischen Truppen das Gebiet halten können. Weil er kein vermögensloser Mann war, verbrachte er den ersten Monat seines geflüchteten Lebens im Hotel. “Daesch” hielt aber seine Position weiterhin und Ahmed ging das Geld aus. Anstelle des Hotels begann er im Wald zu übernachten. Dann kam der Winter. Ahmed begab sich in ein Flüchtlingslager in Kurdistan, im Norden Iraks. Dort bin ich ihm auch begegnet.

 

Auf der Grenze des Machbaren

 

Mancherlei Verteidiger “unserer Werte”, wie sie sich jetzt in Tschechien und in ganz Europa zusammenrotten, behaupten, dass die Menschen im Nahen Osten nicht gegen “Daesch” kämpfen wollen. Wegen ihres Unwillens wählen sie lieber das Flüchtlingslos. Das ist nicht richtig. Genauso wenig stimmt es, dass sich all diese Menschen in Bewegung setzen mit der Vision, einen Weg ins wohlhabende Europa zu finden. Ahmed und seine etwa 5000 neuen Nachbarn im Lager Dawida wollen gar nicht nach Europa. Sie wollen die Zeit des anhaltenden Terrors abwarten, und das so nah bei ihren Städten und Dörfern wie möglich – sobald sich die Situation beruhigt hat, wollen sie nach Hause zurückkehren.

Das Warten inmitten eines provisorisch eingerichteten Flüchtlingslagers verlängert sich nun und die Aussicht, bald nach Hause zurückkehren zu können, verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Für viele Flüchtlinge wird so der gefährliche, teure und illegale Weg nach Europa zur realen Alternative. Ihre Bereitwilligkeit im Provisorium der Lagerstadt auszuhalten entscheidet sich auch daran, inwieweit das Leben im Lager erträglich ist.

Schon ein flüchtiger Blick auf das Lager in Dawida zeigt, dass die Flüchtlinge viel ertragen. Um das Lager herum zieht sich ein Stacheldraht. Auf dem matschigen Boden stehen weiße Zelte, die überwiegend Wohnungen ersetzen. Wohnlichere Wohncontainer gibt es nur wenige. Zwischen den Zelten sind Wäscheleinen gespannt. Ins Auge fallen auch die kleinen gebauten Erhöhungen aus Beton und Stein, die an eine Brunnenöffnung erinnern, das sind improvisierte Öfen, um draußen Brot zu backen.

Vor dem Lager befindet sich ein kleiner Marktplatz. Für die Lagerbewohner könnte er ein Mittel des Erwerbs und der Aufbesserung sein. Mit dem Handel aber hapert es. Das 5000-köpfige Lager liegt in den Bergen abseits von allen größeren Zentren.  In der Nachbarschaft gibt es nur ein kleines Dorf. Da ist so gut wie niemand, mit dem man Geschäfte machen könnte.

Im Lager herrschen oft Bedingungen, die an die Grenzen des Machbaren gehen. Im ersten Winter, der Schnee mit sich bringt und Temperaturen von minus 15 Grad, konnten nicht genügend Ölöfen ausgegeben werden. Das konnte man mittlerweile begeben. Den Schulen fehlt beispielsweise weiterhin eine Grundausstattung. Sie sind überfüllt und die Kinder müssen auf dem Boden sitzen. Dieses Jahr misslang die Versorgung mit Lebensmittelpaketen. Es fehlten in ihnen Mehl, Grundzutaten für Brot. Die Menschen mussten sich nur von Reis, Bohnen und Öl ernähren. Das reicht grade mal fürs bloße Überleben.

 

Zusammen und Frei

Die Diakonie der EKBB entschied sich, ihre Hilfe im Norden Iraks vor allem auf das Lager Dawida zu richten. Die dürftigen Bedingungen bringen dabei eine Reihe von sympathischen Zügen in der Lagerorganisation hervor. Das Lager ist für alle Menschen jeglicher ethnischer Zugehörigkeit und Herkunft offen. Das erinnert an die buntzusammengesetzte Gesellschaft von Syrien oder dem Irak zu Friedenszeiten. Christen, Jesiden und Muslime leben Seite an Seite.

Das ist auf diesem Gebiet bei weitem nicht gewöhnlich. Es war zum Beispiel üblich, dass örtliche Klöster ausschließlich Christen aufnahmen, oder bestimmte Flüchtlingslager nur Araber. Ein weiterer sympathischer Zug im Lager in Dawida ist, dass ihre Bewohner sich frei bewegen können. Das ist ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. In vielen Lagern ist es die Regel, dass die Bewohner nicht hinaus dürfen. Sie leben danach im Grunde in einem Gefängnis, obschon die Bedingungen innerhalb dieser geschlossenen Lager oft vielfach besser sind als im Lager Dawida.

Die Hilfe des diakonischen Zentrums für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit hat zum Ziel, dass sich die Lebensbedingungen der Bewohner im Lager Dawida verbessern und dass das Lager seine Offenheit bewahrt.

Spenden, um den Menschen im Lager Dawida zu helfen, können sie an das Konto 2400 3847 00/2010 überweisen.

Übersicht:

Die Diakonie der EKBB, mit der Abteilung für Entwicklungszusammenarbeit hilft in folgenenden Flüchtlingslagern:

Flüchtlingslager Za´atarí, Jordanien

  • Zugestellt wurden 45 Wohncontainer, 18000 Sommerschuhe für Kinder, 6300 Winterschuhe für Kinder, 5100 Hygienepakete, 7300 Kleidungsstücke für Kinder
  • Tageszentrum “Peace Oasis” eingerichtet, für Jugendliche im Alter von 14 – 30 Jahren

Flüchtlingslager Dawida, Nord-Irak

  • Zugestellt wurden 1020 Hygienepakete für Familien
  • Verbesserte Bedingungen in den Schulen

Flüchtlingslager in Griechenland, Serbien, Ungarn

  • Bereitstellung von Essen, Trinken, Hygieneartikeln
  • Angebot der psychosozialen Hilfe

Flüchtlingslager in Myanmar

  • Hilfe bei der Brandprävention im Lager: Schulungen und Freiwilligenorganisation

In Jordanien, im Nordirak und in Myanmar hilft die Diakonie der EKBB in Zusammenarbeit mit dem Lutherischen Weltbund.

Eliáš Molnár, Diakonie ČCE – Středisko humanitární a rozvojové spolupráce (Zentrum für Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit)

[1] Steht für die Abkürzung von “al Daula al-Islamiyya fi l-‚ Iraq wa al-Sham”, übersetzt: “Der Islamische Staat im Irak und in Sham” (das Gebiet des Sham umfasst die heutigen Länder Syrien, Libanon, Israel Palästina und Jordanien sowie Teile der Türkei).

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