Wir und die Migranten

srbsko-chorvatská hranice_říjen 2015_foto Lubor Vokrouhlický (11)Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. (Hebräer 13,2)

Das große Thema der in diesem Jahr geführten öffentlichen Debatten sind die Flüchtlinge, Menschen, die aus den verschiedensten Ländern kommen und Sicherheit und zufrieden stellende Lebensbedingungen in der Europäischen Union suchen. Nach Angaben der internationalen Organisation für Migration kam in diesem Jahr weit mehr als eine halbe Million nach Europa und Millionen sind außerhalb der EU-Grenzen auf der Flucht. Es sind Junge, Alte, Mütter mit Kindern, ganze Familien und auch die, die den Tod ihrer Nächsten erlebt und überlebt haben. Jeden Tag kommen Tausende, Tag für Tag wächst die Zahl derjenigen, die die Flucht nicht überlebten. Mit dem Einbruch des Winters wird die Lage weiterer Migranten immer schwieriger. Es droht eine riesige humanitäre Tragödie.

 

In einigen EU-Ländern werden Entgegenkommen, Mitgefühl und eine freundliche Aufnahme von Menschen in Not betont. In der Öffentlichkeit unseres Landes aber verbreiten sich vor allem Gefühle der Bedrohung, der Belastung und der Gefahr der zunehmenden Kriminalität. Daran sind auch die Medien beteiligt und unsere Politiker können oder wollen dieser Atmosphäre nicht entschieden entgegentreten. In Anbetracht dessen, wie bei uns mit den Migranten beispielsweise in den sog. Auffanglagern umgegangen wird, hat die Tschechische Republik jetzt einen sehr schlechten Ruf und stößt wegen dieses Verhaltens im Ausland auf Kritik.

Wir bitten euch, in dieser Zeit unter Beweis zu stellen, dass wir Christen sind, dass wir wissen, welchen hohen Stellenwert die Barmherzigkeit hat. Wir bitten euch, in unserem Umfeld gegen die Atmosphäre des Hasses und der Angst vor den Ankömmlingen angehen. Es ist unsere Aufgabe, Zeugnis davon abzulegen und unseren Mitbürgern Menschlichkeit und Mitgefühl in Erinnerung zu rufen. Hunger und Durst zu stillen, Bedürftige mit Kleidung zu versorgen und Gefangene zu besuchen sind nicht nur christliche Gebote, sondern ein solches Verhalten gehört auch zu den Grundprinzipien der europäischen Kultur.

Die Hauptlast dieser riesigen Flüchtlingsströme tragen einige wenige Staaten. Von mehr als einer halben Million Asylanträgen in diesem Jahr entfallen mehr als 200 000 auf Deutschland, fast 100 000 auf Ungarn, gefolgt von Schweden, Italien, Frankreich und Österreich. Die Forderung, diese Last auf alle Mitgliedsländer der europäischen Gemeinschaft zu verteilen und in guten wie in schlechten Zeiten gegenseitige Solidarität zu zeigen, sollte für alle EU-Länder eine Selbst-verständlichkeit sein.

Wir wenden uns an Sie mit der Bitte, mit dem erforderlichen Mut unter Ihren Nächsten und Freunden die Notwendigkeit der Solidarität auf internationaler Ebene zu verteidigen und dabei der apostolischen Ermahnung zu folgen, die Last der Anderen auf uns zu nehmen. Jede menschliche Gemeinschaft kann nur dann stabil sein, wenn auch Solidarität zu ihrem Fundament gehört.

Dabei wissen wir, dass die Tschechische Republik in der Lage ist, jährlich eine große Anzahl von Menschen aufzunehmen, auch wenn sie dabei hinter vielen Partnerländern zurückbleibt. Tausende sind – ungeachtet ihrer ethnischen, religiösen und kulturellen Unterschiedlichkeit – bereits in den letzten Jahren unsere Mitbürger geworden. Wir sind all denen dankbar, die sich dieser Menschen annehmen, die sich als Freiwillige in die Betreuung der Flüchtlinge eingeschaltet haben und die Bedürftigen helfen.

Von unseren staatlichen Einrichtungen erwarten wir, dass sie Bedingungen sowohl für die Integration an sich als auch für die Lösung der damit verbundenen Probleme schaffen, auch wenn es sich dabei manchmal um Konfliktsituationen handelt. Wir wissen, dass das Energie, organisatorische und gesetzesrechtliche Bereitschaft und nicht geringe Kosten erfordert.

Wir bitten Sie, dass Sie als Christen in Ihrem Umfeld die Angst im Vertrauen darauf zerstreuen, dass Barmherzigkeit, Solidarität und Hilfe für unsere Nächsten in Not Grundbestandteil einer reifen Menschlichkeit sind. Wenn wir etwas von unserer Bequemlichkeit, unserem Reichtum und unseren Mitteln opfern, können wir dazu beitragen, dass die Zahl der Opfer an Menschenleben sinkt. Auch wenn es scheint, als würde diese Aufgabe unsere Kräfte übersteigen, dürfen wir nicht vergessen, dass wir uns auf Gottes Hilfe verlassen können.

Beratungsausschuss für gesellschaftliche und internationale Angelegenheiten des Synodalrates der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB)

  1. November 2015

Übersetzung: Ingeborg Šestaková

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