Kuba-Tag 2016. Eine Demonstration mit weißen Schirmen und Ballons – schon zum sechsten Mal

DSC_7436Nach etwa 90 Jahren erhielt Kuba wieder Besuch vom amerikanischen Präsidenten. Nur einige Stunden vor dem Besuch Barack Obamas hielten kubanische Behörden etliche Mitglieder der Oppositionsgruppe “Damen in Weiß” zurück. Zwei Tage zuvor, am 18. März, veranstaltete die evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) zusammen mit der Organisation “Mensch in Not” (Člověk v tísni) den Tag für Kuba. Als Hauptrednerin war die kubanische Aktivistin Rosa María Payá geladen. Sie forderte, dass die Welt nicht die Augen vor den Problemen ihrem Land verschließe.

Der Tag für Kuba begann am frühen Abend in Prag mit einer Demonstration von etwa 60 Menschen mit weißen Schirmen und Ballons, die über die Karlsbrücke zogen. Auf der Kleinseite schloss sich dann ein Gottesdienst in der Kirche St. Tomas an, bei dem der Synodalsenior Daniel Ženatý predigte. Den Gottesdienst begleiteten tschechische und spanische Gesänge aus Taizé und Gebete für Verfolgte.

Mit Rosa María Payá und dem Europa-Abgeordneten Pavel Telička folgte dann eine Podiumsdiskussion in den Räumen des Klosters. Das Thema dieses Jahres “Kuba – ein Flirt mit der Freiheit?” ist eine Reaktion auf das aktuelle Geschehen des Inselstaats. Der Präsident der USA begann im vergangenen Jahr, seine diplomatischen Beziehungen mit Kuba wiederaufzunehmen. Amerikanische Firmen können nun auf Kuba investieren und manche Produkte aus kubanischer Herstellung werden in die USA eingeführt. Nach mehr als einem halben Jahrhundert wurde im Sommer 2015 die amerikanische Botschaft auf Kuba wiedereröffnet und es wird darüber diskutiert, ob man das Handelsembargo nicht vollständig aufhebt. Vom kubanischen Präsidenten Raúl Castro aber erwartet die Welt außer der Freilassung ein paar politischer Gefangener so gut wie nichts. Weitere Zeichen des Entgegenkommens sind nicht zu erkennen. Das Regime unterdrückt immer noch die Meinungsfreiheit und macht eine freie Opposition unmöglich. Wir wissen von etwa 27 – 30 politischen Häftlingen.

Den Tag für Kuba richtet die EKBB in Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation “Mensch in Not” als Erinnerung an den 18. März 2003 aus, als auf Kuba 75 Dissidenten verhaftet und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Die Freiheit erlangten sie 2010 zurück, die Mehrheit von ihnen floh unter dem Druck der Regierung ins Exil.

Die oppositionellen Gruppen auf Kuba hoffen, dass der Besuch des amerikanischen Präsidenten zur Beendigung der Repressionen gegenüber den Opponenten des Regimes beiträgt.

 Gespräch mit Rosa María Payá: Betet für uns und vergesst uns nicht

Rosa María Payá ist die Tochter des bekannten kubanischen Dissidenten Oswald Payá, der auf Kuba lange Zeit für Demokratie gekämpft hat und der zu den Freunden von Václav Havel zählte. Rosa María Payá tritt nun in seine Fußstapfen. Ihr Ziel ist es, auf Kuba einen verbindlichen Volksentscheid zu erreichen, durch den die Kubaner ihr Schicksal selbst entscheiden könnten. Im März dieses Jahres besuchte Rosa María Payá die Tschechische Republik und nahm an der alljährlichen Aktion Tag für Kuba teil.

Ihr Vater, Oswald Payá, führte die christliche Opposition auf Kuba. Wie stark ist der Glaube junger Kubaner?

Rosa portrétDas kubanische Volk durchlief eine große Etappe der Entchristlichung. Nach der kommunistischen Revolution flohen viele Geistliche aus dem Land, weil sie Angst vor Repressionen hatten. Viele Menschen hörten auf in die Kirche zu gehen. Mein Vater war drei Jahre lang in einem Arbeitslager zusammen mit einigen Priestern und Seminaristen, ihre Meinungen wichen von der offiziellen Ideologie ab. Der Glaube im gesellschaftlichen Leben litt immens. Nach dem Besuch Johannes Paul II. im Jahre 1998 gab es jedoch eine gewisse Öffnung, aber die Repression ist bis heute gegenwärtig, sie hat sich nur verändert. Die Staatssicherheit belangt uns zum Beispiel nicht mehr dafür, dass wir sonntags in die Kirche gehen. Sehr aufmerksam hören sie aber, was die Priester den Menschen sagen, und haben sie unter Beobachtung; und das vor allem, wenn sie das Regime kritisieren. Manche wurden festgenommen oder endeten im Gefängnis.

 Wie war das für Sie auf Kuba aufzuwachsen, als Tochter eines Dissidenten?

Dazu lässt sich aus zwei Betrachtungsweisen etwas sagen. Die erste negative Sicht ist  verbunden mit Repressionen, unter denen die ganze Familie litt, mit Problemen in der Schule; als Kind müssen Sie das irgendwie absorbieren. Je älter der Mensch aber wird, desto mehr wird ihm das Positive bewusst. Kinder wurden meistens so erzogen, dass sie nirgends das sagen, was sie zu Hause hören, und so ergibt sich eine Atmosphäre der Angst. Mein Vater aber erzog mich so, dass ich sage, was ich möchte. Er zeigte mir, wie ich frei sein kann.

Was ist aus dem Varela-Projekt geworden, das an die tschechische Charta 77 erinnert?

Dieses Projekt entstammt einer juristischen Initiative. Die kubanische Verfassung besagt, wenn eine Petition mehr als 10.000 Unterschriften erlangt, dann muss sie verhandelt werden. Dieses Projekt, das ein Referendum darüber durchsetzt, welche Form der Regierung die Kubaner wollen, erlangte mehr als 25.000 Unterschriften, viel mehr, als die Verfassung verlangt. Die Regierung hat jedoch mit neuen Repressionen geantwortet. Das Projekt ist weiterhin offiziell am Laufen, und die Regierung ist also immer noch in der Pflicht auf diese Initiative zu antworten. Wir fordern, dass das Referendum, das schon lange hätte stattfinden sollen, in die Tat umgesetzt wird.

 An ihren Vater wird auf der ganzen Welt als Oppositionsführer und Aktivist gedacht, der für den Nobelpreis nominiert war; wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Ich nehme natürlich auch diese Ebene wahr, ich sehe ihn als einen Menschen, der für die Menschenrechte kämpfte und das lässt sich nicht komplett trennen von dem, wie ich ihn als Vater erlebte. Er war ein riesiger Optimist, auch unter den Bedingungen, unter denen wir lebten. In unserem Haus wurde immer ein Grund zum Feiern gefunden.

 Im vergangenen Jahr besuchte unseren Tag für Kuba Sonia Garro, für deren Freilassung wir im Jahr zuvor gebetet hatten. Wie viele politische Gefangene gibt es derzeit auf Kuba, hat sich im vergangenen Jahr die Situation erkennbar verändert?

Ich kenne die konkreten Zahlen nicht, aber allgemein lässt sich sagen, dass die Problematik der politischen Gefangenen sich verändert hat, wie eine Trophäe des Regimes. Sie sperren einfach jemanden ein, und wenn die internationale Gesellschaft protestiert, dann lassen sie ihn frei und verweisen ihn des Landes. Das ist keine Lösung. Einen einsperren, dann ihn freilassen und einen Anderen einsperren.

Im Juli letzten Jahres wurde auf Kuba die amerikanische Botschaft festlich wiedereröffnet, wie hat die kubanische Opposition diesen Schritt empfunden?

Kuba1Auf der einen Seite bedeutete dies, dass z.B. einige Kurse für unabhängige Journalisten ausgerichtet wurden. Auf der anderen offiziellen Seite ist der Unterschied minimal und eine Wirkung auf die kubanische Bevölkerung hat das im Grunde gar nicht. Weiterhin gibt es die eine Regierung, die entscheidet; mit der eröffneten Botschaft hat sich nichts verändert.

 Wie funktionieren auf Kuba Kirchen? Sind sie unabhängiger nach den Veränderungen, die eingetreten sind, oder sind sie weiterhin unter der direkten Kontrolle des Staats?

Hier gibt es einen Unterschied zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche. Ich weiß, dass viele protestantische Geistliche eingesperrt wurden, der Staat will über die ev. Kirche die Kontrolle haben. Was die katholische Kirche angeht, lässt sich sagen, dass der kubanische Kardinal sie mit dem Staat in eine Friedenszeit geführt hat. Das heißt aber nicht, dass die Institution selbst und alle Gläubigen von dem Staat manipuliert sind.

 Warum lieben die Kubaner ihr Land so, wenn sie doch unter solchen Bedingungen leben?

Kuba ist ein wunderschönes Land, die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen sind schlecht, aber in einem fremden Land wird es nie wie zu Hause sein. Und niemand möchte ein Fremder sein.

 Glauben Sie, dass die heutige Aktion Tag für Kuba einen Sinn auch für die Menschen bei Ihnen hat?

Selbstverständlich hat es das, Kuba braucht viele Menschen, die für sie beten und über die dortige Situation Bescheid wissen. Wir brauchen diese Solidaritätsbezeugungen und Aktionen.

 Was raten sie uns tschechischen Gläubigen? Um was würden sie uns bitten?

Betet für uns, wir brauchen das.

Und was würden sie jungen Tschechen in Ihrem Alter sagen?

Dass es wichtig ist, immer im Gedächtnis zu haben, wie zerbrechlich die Demokratie ist. Und dass wir unsere Freiheiten nicht aufgeben.

 vorbereitet von Šárka Schmarczová, Jana Škubalová, Jana Vondrová und Olga Blaťáková, Foto:  D. Ženatá