Interdisziplinäre und internationale Konferenz für Soziologie und Soziale Arbeit an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karlsuniversität

foto 6  fotka 3In der ersten Septemberwoche 2017 fand die siebte internationale Konferenz, zu der sich Soziologen und Sozialarbeiter treffen, statt. Der Grundstein zu dieser interdisziplinären Veranstaltung wurde vor einigen Jahren auf Initiative britischer und holländischer Soziologen und Sozialarbeiter gelegt. In den letzten Jahren hat sich der Radius und die Teilnahme der internationalen Konferenz auf Tschechien ausgeweitet; die diesjährige fand zum ersten Mal in Prag, in den Räumlichkeiten der Evangelisch- Theologischen Fakultät statt, mit ca. 50 Teilnehmern aus elf Ländern. Als thematischer Schwerpunkt der Konferenz wurde die Ausrichtung der Soziologie und Sozialarbeit in postsäkularen Gesellschaften ausgewählt.

Die Vorsilbe „post“ wird oft verwendet und umschreibt leidlich den Zustand nach dem Wendepunkt der modernen Ära. Die Moderne wurde mit der Säkularisierung verbunden, aber wie sich am Ende des 20. Jahrhunderts zeigte, wurde die Säkularisierung niemals und nirgends komplett umgesetzt.

Der öffentliche Bereich von modernen Staaten ist zwar größtenteils vom kirchlichen getrennt und wird ohne direkten Einfluss religiöser Institutionen verwaltet, aber Kirchen und Religionen sind schon immer präsent und bieten eine bedeutende Alternative zu den vorherrschenden rational-technokratischen und ökonomisch-pragmatischen Perspektiven des modernen Menschen und der modernen Gesellschaft, sie verweisen auf eine andere Dimension des Lebens und der Welt. Die Konferenz befasste sich damit, wie die Kirchen sich an der Bildung der derzeitigen Gemeinschaft beteiligen können, wie in der sozialen Arbeit die Spiritualität des Menschen aufgenommen werden kann und wie man geistliche Bedürnisse erkennen und erfüllen kann.

Hauptredner waren Prof. Walter Lorenz, Theologe und Sozialarbeiter, in den letzten Jahren an der Universität Bozen wirkend, Prof. Grace Davie, Soziologin von der Universität Exeter in Großbritannien, mit Schwerpunkt Religiösität und Dr. André Mulder, Theologe mit Erfahrung als Sozialarbeiter, von der Universität Windesheim in Holland. Walter Lorenz gab uns Einblicke in  europaweite historische und kulturelle Kontexte der heutigen sozialen Arbeit, die ohne die weitreichenden christlichen Wurzeln undenkbar ist. Auch André Mulder führte die geistliche und tief existenzielle Ebene der Probleme vor Augen, die als soziale Probleme zum Vorschein und zur Lösung kommen.

foto 6 mezinar. konf.sociologie a socialni prace fotka 1Grace Davie gab den Denkanstoß, ob Kirchen irgendetwas von dem Fürsorgeauftrag des sich immer mehr verschlankenden und zurückziehenden modernen Staats übernehmen dürfen. Schon heute sind sie einer der bedeutendsten Anbieter sozialer Dienste, auch in der Tschechischen Republik.

In den Beiträgen der Teilnehmer, welche eine bunte Themenmischung brachten, schwangen sowohl existenzielle und geistliche Themen (Spiritualität im Alter) als auch gesellschaftliche Probleme (Migration, Armut, Ausgrenzung) mit. Einige wiesen auf neue Anforderungen an die Ausbildung von Sozialarbeitern hin z. B. auf dem Gebiet kommunaler Arbeit, andere beschäftigten sich mit den Arbeitsbedingungen (hot-desking) oder der Nutzung sozialer Netze zur Eingliederung isolierter Personen.

Soziale Arbeit heute ist nicht nur Arbeit mit Einzelnen oder Familien, sondern oft mit großen Gruppen oder Gemeinschaften. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der sozialen Arbeit ist es möglich, bildende Künstler oder Medienexperten einzubeziehen. Es ist wahrscheinlich, dass Theologie und Kirchen auch Menschen etwas bieten können, die sich nicht als gläubig im traditionellen Sinne betrachten oder gar keine Kirchenmitglieder sind. Dies wird besonders beim Thema Krankenhausseelsorge in der Tschechischen Republik deutlich.

Die Zusammenarbeit zwischen sozialer Arbeit und Soziologie wird nicht in allen Ländern als grundsätzlich wichtig betrachtet. In Großbritannien zum Beispiel muss ein Sozialarbeiter keine Kenntnis struktureller Zusammenhänge von sozialen Problemen haben.  In den portugiesischen Beiträgen gab es im Gegensatz dazu große Zustimmung zur kritischen Sozialarbeit, welche gesamtgesellschaftliche Faktoren sozialer Probleme aufdeckt, und dafür sind soziologische Erkenntnisse grundlegend. Soziale Arbeit profiliert sich heute als ein Fach, das verschiedene Zugangsmöglichkeiten und weitgefächerte Praxisansätze bietet.

Fotostrecke unter: http://www.etf.cuni.cz/zezivota/Sociology_Sep17/

Eva Křížová, Lehrstuhl Pastorale und Soziale Arbeit der Evangelisch- Theologischen Fakultät an der Karlsuniversität Prag