Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe

34464167621_9a17386be9_k„Die Welt ist kein guter Ort, sie ist voll von Gewalt und Leiden.“ Mit diesen Worten begann Dr. Denis Mukwege, Arzt aus der Demokratischen Republik Kongo, seine Rede zu den Delegierten auf der diesjährigen Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes.

Dieser kongolesische Arzt weiß, wovon er redet. Seit 20 Jahren widmet er sich in seiner Arbeit Frauen und Kindern, denen im vergessenen Konflikt im Osten der Republik Kongo Gewalt angetan wurde. Es gibt keine Aussicht auf Frieden, die Ausgaben für die Kriegsführung zahlen die Rebellengruppen aus dem illegalen Abbau von Diamanten und anderen Mineralen – alles unersetzliche Rohstoffe für die Herstellung von Computern, Tablets und Mobiltelefonen. Der riesige mineralische Reichtum, der anderswo ein Segen sein könnte, ist für dieses Land ein Fluch.

Vergewaltigungen als zerstörerische Waffe

Vergewaltigungen werden in diesem Konflikt als Kriegswaffe eingesetzt. Das Ziel ist nicht eine sexuelle Befriedigung, sondern die Verstümmelung und psychische Zerstörung von Frauen. Das führt  zum Zusammenbruch des Gemeinwesens, weil es meistens Frauen sind, die die Bewirtschaftung der Gemeinschaften stemmen. Opfer werden nicht nur erwachsene Frauen, junge wie alte, sondern auch Mädchen, einschließlich Kleinkinder. Man schätzt, dass es über 300.000 Opfer gibt, jeden Tag kommen weitere dazu. Manche werden mehrfach vergewaltigt. Gewalt gegen Frauen wird in der Gesellschaft zur Normalität, die Täter werden in den seltensten Fällen strafrechtlich verfolgt.

Panzi Hospital

34211444810_e6fce600da_kAls sich Dr. Mukwege entschied Arzt zu werden, ahnte er nicht, dass er zu einem Experten für die Behandlung von Genitalverstümmelungen werden würde. Das erste Krankenhaus, in dem er arbeitete, wurde während einer kriegerischen Auseinandersetzung zerstört; viele Ärzte, Mitarbeiter und Patienten wurden ermordet. Die Gewalt an Frauen, die in der Zeit zunahm, schockierte Dr. Mukwege so sehr, dass er sich dafür entschied, diesen Frauen und Mädchen helfen zu wollen.

Im Jahr 1999 gründete er mit schwedischer Unterstützung ein Krankenhaus, das Panzi Hospital, dessen Ziel es ist, Opfern sexueller Gewalt vielseitige Hilfe zukommen zu lassen, in erster Linie medizinische. Die Mädchen und Frauen müssen viele Operationen durchlaufen, bis sie die normalen Alltagsfähigkeiten zurück erlangen (beispielsweise dass Urin und Stuhl wieder kontrolliert aus den richtigen Öffnungen ausgeschieden werden können). Viele von ihnen können keine Kinder mehr bekommen. Hand in Hand mit der medizinischen Versorgung geht die psychologische, soziale und rechtliche Unterstützung. Viele Frauen können auch nach der abgeschlossenen Behandlung nicht nach Hause zurückkehren, weil ihre Familien vertrieben wurden. Sie haben die Möglichkeit, sich ausbilden zu lassen und werden darin unterstützt, selbstständig für sich sorgen zu können. Das Krankenhaus hat seit seiner Gründung über 50.000 vergewaltigte Mädchen und Frauen behandelt.

Appell an die internationale Gemeinschaft

Dr. Mukwege operiert und führt nicht nur ein Krankenhaus, sondern er reist auch um die Welt und versucht die internationale Gemeinschaft aufzurütteln, damit sie den Konflikt im Osten Kongos ernst nimmt. Er kämpft dafür, dass die Gewalt gegen Frauen im Rahmen von kriegerischen Konflikten überall auf der Welt dieselbe Aufmerksamkeit erhält und dieselbe Ächtung wie zum Beispiel der Einsatz von Chemiewaffen.

Im Jahr 2012, kurz nachdem Dr. Mukwege auf der UN-Versammlung in seiner Rede unter anderem die kongolesische Regierung kritisierte, wurde ein Attentat auf ihn verübt. Sein Mitarbeiter wurde getötet und Familienmitglieder wurden als Geisel genommen. Dr. Mukwege floh deswegen mit seiner Familie nach Belgien. Nach großem Drängen seiner ehemaligen und aktuellen Patienten kehrte er 2013 jedoch zurück. Er arbeitet wieder im Krankenhaus Panzi und appelliert weiterhin an das Gewissen der Staatengemeinschaft.

Die Panzi Foundation

Es gibt einen Weg direkt im Kongo zu helfen. Die Arbeit im Krankenhaus finanziert sich durch die Stiftung Panzi Foundation. Die Leitung der EKBB hat sich entschieden, diese Stiftung mit einem besonderen Spendenaufruf zu unterstützen, der in allen Gemeinden bis zum Ende des Jahres 2017 läuft. Weitere Informationen zur Arbeit des Panzi Hospital und zur Panzi Foundation finden Sie auf der Seite: www.panzifoundation.org

Über die Arbeit von Dr. Mukwege und die Gewalt an Frauen im Kongo wurde 2015 ein belgischer Film gedreht: L’homme qui répare les femmes: la colère d’Hippocrate (Der Mann, der die Frauen repariert: der Zorn des Hippokrates).

Olga Navrátilová, Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbunds und Teilnehmerin an der Vollversammlung in Windhoek, Namibia.