Friedensgruß – Gedanken über meinen Studienaufenthalt in den USA

 „Gebt einander ein Zeichen des Friedens.“

7. Jordan Tomes výřez_foto bulletinAls ich den Pfarrer diese Worte sprechen hörte, stand ich auf, bereit zu lächeln und ruhig die Hände der Leute in den benachbarten Bänken zu schütteln, so wie wir es in der Kirche meiner Heimatstadt in der Tschechischen Republik zu tun pflegen. Doch was ich erlebte, war etwas völlig anderes. Die Leute sprangen plötzlich von ihren Plätzen auf. Die Band stimmte unvermittelt ein rasantes Stück an. Alle rannten durch die Kirche, grüßten jeden, der ihnen zufällig über den Weg lief. Viele herzliche Umarmungen, Küsschen und kräftige Handschläge wurden lautstark ausgetauscht. Nachdem dieses Chaos mindestens fünf Minuten angedauert hatte (und alle außer mir mindestens eine Runde durch die ganze Kirche gedreht hatten), schienen die Leute sich langsam wieder zu beruhigen. Als sie schließlich ihre Plätze wiedergefunden hatten, ging der Gottesdienst weiter, als wäre nichts gewesen. Doch ich konnte nicht einfach weitermachen. Ich hatte so viele Fragen! „Was war passiert? Was sollte dieses Chaos mit Zeichen des Friedens zu tun haben? Und am allerwichtigsten: Welche der vielen Einladungen zum Mittagessen, die ich gerade erhalten hatte, sollte ich nur annehmen?!“

Überraschende Momente wie diesen erlebte ich während meines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten täglich. Ich hatte die Gelegenheit, das Herbstsemester 2017 am Columbia Theological Seminary (CTS) in Decatur im Bundesstaat Georgia zu verbringen. Und ich liebte es.

Zwischen dem CTS und meiner „Alma Mater“, der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Prag, besteht eine langjährige Beziehung. Die Institutionen tauschen regelmäßig Studenten und manchmal sogar Dozenten aus. Darüber hinaus besucht alle paar Jahre eine Gruppe Studierender vom CTS Prag, um etwas über die Geschichte und die gegenwärtige Situation der christlichen Kirchen in der Tschechischen Republik zu erfahren.

Seit das Columbia Theological Seminary ein Seminar ist, ist der Unterricht dort etwas praxisorientierter. Die überwältigende Mehrheit der Studenten studiert mit dem Ziel, als Pfarrer, in der Beratung, der Jugendarbeit oder Ähnlichem tätig zu werden. Doch das bedeutet keinesfalls, dass das Studium zu einfach oder oberflächlich sei und der Tiefe des theologischen Wissens keine Beachtung geschenkt würde; das Vermächtnis von Walter Brueggemann, dem weltberühmten Professor und Alt-Testamentler, der 17 Jahre am CTS wirkte, ist noch immer sehr gegenwärtig.

Ich glaube, dass die Gemeinschaft das Stärkste war, was ich am CTS erfahren habe. Anders als ich es gewohnt bin, leben dort die meisten Studenten auf dem Campus, und viele Lehrende haben Häuser in den benachbarten Straßen. Gemeinsame Abendessen, Potlucks oder abendliche, tiefschürfende Gespräche bei einem Glas Wein (oder einem Glas mit einer der einheimischen Biersorten) sind Dinge, die schnell geschätzter Teil meines Lebens am CTS wurden. Die Hochschule trifft sich zudem vier Mal pro Woche in einer ihrer Kapellen zu Gebeten und Gottesdiensten. Sowohl die Lehrenden als auch die Studierenden sind außerdem sehr aktiv im Kampf für soziale Gerechtigkeit.

Ich habe während meines Aufenthaltes viel gelernt. Auch wenn die Kultur, das Essen, die Spiritualität und noch viele weitere Dinge anders waren (ich brauchte zum Beispiel durchaus eine Weile, um mich an die allgegenwärtigen Klimaanlagen zu gewöhnen), erfuhr ich, was es bedeutet, akzeptiert zu sein. Trotz meines sprachlichen Unvermögens und der vielen Fettnäpfchen spürte ich, was es heißt, willkommen zu sein. Und ich lernte, dass es Frieden in Vielfalt gibt.

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Mein koreanischer Zimmergenosse und ich beim Besuch von Savannah im Bundesstaat Georgia, als wir zum ersten Mal den Atlantischen Ozean erblicken.

Mögen wir in der Tschechischen Republik, in Europa oder überall sonst einander ebenfalls Zeichen des Friedens geben.

Jordan Tomeš