Gedenkorte der Toleranzzeit. Das Erbe hat seinen Wert.

DSCF6766Es ist schade, dass es in Prag keine Dauerausstellung gibt, die sich der Geschichte der Reformation in Böhmen widmet. Im Ausland ist dies üblich – in Frankreich oder Deutschland gibt es eine Reihe von evangelischen Museen, so zum Beispiel auch in Budapest. Sie sind notwendig, um die Aufmerksamkeit auf die gegenwärtige Reihe an Gedenktagen zu lenken: auf die Kralitzer Bibel, Jan Hus, Hieronymus von Prag, Martin Luther und in diesem Jahr auf die Generalversammlung der tschechischen Protestanten, bei der im Jahr 1918 die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder gründet wurde. Und dann haben wir der Öffentlichkeit etwas zu bieten: Hus und seine Vorgänger als Vorboten der weltweiten Reformation, Jahre des Religionsfriedens und die Brüderunität, die Zeit nach dem kaiserlichen Toleranzpatent und die wirklich einmalige Vereinigung zweier unterschiedlich gewachsener protestantischer Traditionen.

Einen neuen Anstoß in dieser Sache bot die Entdeckung des Bethauses aus der Toleranzzeit in der Tischlergasse (Truhlářská) in Prag. Ursprünglich hielten hier beide Prager Gemeinden, die tschechische und die deutsche, unter der Beteiligung sowohl lutherischer als auch reformierter Gläubiger, ihre Gottesdienste. Da das leerstehende und baufällige Gebäude der Prager Stadtverwaltung gehört, erschien es naheliegend und unproblematisch, es zum Standort des „Evangelischen Museums“ zu machen. Esa stellte sich jedoch heraus, dass die Stadt andere Pläne mit dem Gebäude hat und dass die nötigen Reparaturarbeiten am Gebäude sehr aufwendig wären, weshalb der Aufbau des Museums in nächster Zeit nicht realisierbar ist.

Ganz anders ist die Situation auf dem Land. Dort eröffneten vor einiger Zeit zwei Ausstellungen zur Geschichte der Reformation bzw. der religiösen Toleranz. Da ist zum einen das Museum der tschechischen Reformation in Velká Lhota bei Dačice, welches unlängst durch die Initiative des dortigen Museumsfreundeskreises entstand und zum anderen die Gedenkstätte für die Toleranzzeit in Vysoká bei Mělník. Diese wurde auf dem Gelände der Evangelischen Kirche in Vysoká errichtet und ihr Begründer ist die Gemeinde der EKBB in Mělník. Das ganze Gelände ist ein bedeutender Gedenkort der Toleranzzeit, es umfasst, neben der Kirche aus Jahr 1786, ein Pfarrhaus mit Nebengelassen und den Friedhof. Die Ausstellung, welche den Besuchern die Zeit nach dem Toleranzpatent näherbringt, wurde in der früheren Aufbahrungshalle eingerichtet und widmet sich erst den einzelnen Toleranzgemeinden in der Region und dann auch zwei Prager Gemeinden – der St. Clemens-  und der St. Salvator- Kirche. Schade, dass das Bethaus in der Tischlergasse unerwähnt bleibt.

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Umsichtig mit alten Dingen!

Würdigen wir die Gemeindearchive. Aber auch auf den Dachböden unserer Pfarrhäuser lagern viele Schätze. So wurde zum Beispiel in Libiš die erste mit einem Kelch bebilderte Bibel gefunden, sie stammt von Jan Wégh und dient seit mehr als 200 Jahren als Symbol der evangelischen Kirche. Das Archiv der der Salvatorkirche wiederum beherbergt die Entwürfe einer Kirche, die wohl ursprünglich als Anbau zu dem Haus in der Tischlergasse gedacht war. Auch wenn gegenwärtig kein evangelisches Museums und kein zentraler Aufbewahrungsort existiert, sollten wir an die Zukunft denken und nicht nur unserer Dokumente, die Zeugnisse der Vergangenheit unserer Kirche sind, sondern auch das antike Mobiliar unserer Gemeinden, das heute oft aus Unkenntnis dem Verfall preisgegeben wird, erhalten. Vielleicht würde es sich lohnen, wenigstens ein zentrales Register solcher Artefakte einzurichten.

Jan Mašek