Hoffnung bewahren. Wem und wie eine Spende aus der Fastensammlung hilft

IMG_5386Nach Zaatari, einem der größten Flüchtlingslager der Welt, gelangt man bequem mit dem Auto. Meist fährt man über die Autobahn los, die von Amman, der Hauptstadt Jordaniens, an die syrische Grenze führt. Dort biegt man auf die sogenannte Bagdader Straße ab, fährt durch eine leicht hügelige Wüstenlandschaft und sieht schon von Weitem so etwas wie eine große Stadt. Vor 2012 stand der Name Zaatari für ein kleines Dörfchen. Doch alles änderte sich, als in Syrien die Gewalt des Krieges ausbrach. Nach Jordanien kamen immer mehr Flüchtlinge.

Zaatari erwies sich aus mehreren Gründen als geeigneter Ort, um ein Flüchtlingslager anzulegen – es gab dort etwa ein Grundwasservorkommen, was in einer dürren Wüstengegend eine grundlegende Sache ist. Das Lager entstand in Zusammenarbeit internationaler Organisationen und unter Aufsicht erfahrener jordanischer Behörden; das Land hat wiederholt mit der Ankunft von Flüchtlingen Erfahrungen gemacht (siehe Kasten).

Es gab Zeiten, zu denen sich im Lager über 200 000 Menschen drängten; heute hat sich ihre Zahl bei 80 000 stabilisiert. Im Lager ist es dennoch sehr eng: Würde man die Bewohner von Zlín auf die Fläche des Prager Stadtteils Žižkov stapeln, hätte man ähnliche Verhältnisse wie dort. Davon abgesehen erinnert das Lager an eine normale Stadt, wenn auch eine mit besonderen Regeln.

Treffen auf den Champs-Elysées

IMG_5335Hinein gelangt man natürlich nur mit besonderer Erlaubnis und vorbei an Polizei- und Militärposten. Die sind allerdings recht freundlich und kontrollieren so oberflächlich, wie man es von Grenzen befreundeter Länder kennt. Was dann im Lager einen unerfahrenen Besucher zuerst fesselt, ist das endlose Gewirr von Gebäudezellen, die wie zufällig angeordnet scheinen. In jeder wohnt eine bis zu sechsköpfige Familie. Natürlich bemühen sich die Bewohner, ihre Behausungen auf die eine oder andere Weise zu verbessern – Anbauten aus Wellblech und anderem Material, oft Reste, die zur Hand sind. Ein Mensch, der geordnete europäische Städte gewöhnt ist, hat den Eindruck von permanentem Chaos.

In Wirklichkeit allerdings herrscht im Lager Ordnung. Jede Gebäudezelle hat eine Konskriptionsnummer (auch wenn der Besucher deren Logik nicht verstehen wird), die Wege dazwischen haben ihre Bezeichnung und das Herz des Lagers bildet eine Art Hauptstraße, die die Leute vor Ort nach dem berühmtesten Pariser Boulevard „Champs-Elysées“ nennen. Das tun sie freilich mit Ironie, aber auch mit Stolz – Stolz darauf, dass selbst unter äußerst schwierigen Bedingungen Kreativität und Lebenslust siegen können. Dieser Hauptboulevard des Flüchtlingslagers bietet nämlich fast alles. Im Lager gibt es zwei offizielle Supermärkte, wo man mittels besonderer Lagerkarten einkaufen kann. Mit den beiden Supermärkten konkurrieren jedoch halblegale Geschäfte und Betriebe auf dem Boulevard – ihre Zahl wird auf mehrere Tausend geschätzt – die so gut wie alles anbieten. Hier findet man einen Hochzeitssalon, Läden mit Handys, Apple-Computern und manches mehr. Es wird für Geld oder auch mit Waren gehandelt; hier werden Informationen und Klatsch ausgetauscht. Im Grunde pulsiert das Leben hier wie in Paris …

IMG_5343Man sieht also, dass die Lagerbewohner nicht ums Überleben kämpfen müssen. Vorbei sind die Zeiten, als sie nur in Zelten lebten, die weder dem Wüstensturm noch dem Winter standhielten, und als die Leute froh waren, überhaupt etwas zu essen zu haben. Heute wird eine Kanalisation gebaut, das Lager ist schon seit geraumer Zeit elektrifiziert (daran hatte im Jahre 2015 auch die tschechische Regierung einen bedeutenden Anteil). Die größte Gefahr für die Bewohner lauert heute woanders – vor allem im Nichtstun. Es gibt hier einfach nichts, womit sich die Zeit füllen ließe.

Das Ende der Träume und Ambitionen

„Irgendwann überzeuge ich mich morgens selbst, dass ich irgendwohin eilen und tausend Dinge erledigen muss. Ich stehe schnell auf, ziehe mich an und frühstücke in Eile. Ich breche auf und gehe schnellen Schrittes irgendwohin. Es ist egal wohin, denn in Wirklichkeit habe ich nichts zu tun …“ So beschrieb vor einiger Zeit die heute dreiundzwanzigjährige Syrerin Alad ihr schlimmstes Lagertrauma einem Mitarbeiter der Diakonie. Als sie mit ihrer Familie aus Syrien floh, war sie gerade im dritten Jahr der Oberschule. Sie plante, später Jura zu studieren. Heute hätte sie das Studium wahrscheinlich abgeschlossen und sähe sich nach einer ersten Anstellung um. Stattdessen steckt sie schon seit einigen Jahren in einem eintönigen Lagerprovisorium fest. Mit ihren Gefühlen ist sie nicht allein, denn Flüchtlinge dürfen in Jordanien nicht arbeiten, um nicht mit den Einheimischen zu konkurrieren. In dem nicht allzu reichen Land ist das der Tribut für die Erhaltung des sozialen Friedens. Es gibt zehn Millionen Jordanier und an die drei Millionen Flüchtlinge.

IMG_5407In Syrien regierte vor dem Krieg ein autoritäres Regime, das seine Gegner mit schockierender Brutalität beseitigen konnte. Wer sich dagegen nicht für Politik interessierte, dem bot das Land einen ordentlichen Lebensstandard – die Leute konnten ein Unternehmen betreiben, reisen, an soliden staatlichen Schulen kostenlos studieren. Oft hatten sie ähnliche Ambitionen und Lebenspläne, wie wir sie in Europa haben. Der Krieg jedoch machte alles zunichte.

„Als die Flüchtlinge hierher kamen, meinten sie ursprünglich, einen oder zwei Monate hier zu bleiben. Heute sind sie vielleicht schon fünf Jahre hier“, sagt der tschechische Botschafter in Jordanien, Petr Hladík. Damit räumt er mit dem Mythos auf, das Ziel aller Flüchtlinge sei es, nach Europa weiterzureisen. „Meine persönliche Erfahrung – und ich treffe mich seit mehr als vier Jahren mit diesen Menschen – ist eine andere. Sie möchten nach Hause zurückkehren.“ Das jedoch ist weiterhin nicht möglich und es scheint auch in absehbarer Zeit nicht möglich zu werden. Der Krieg in Syrien dauert an, er ist unübersichtlich, und wie er zu stoppen wäre, weiß niemand. Man rechnet im Übrigen auch damit, dass es Syrien in seiner ursprünglichen Gestalt nicht mehr geben wird.

Vielen Dank für Ihre Hilfe

Das Wichtigste ist es nun, den Leuten im Lager zu helfen, ihre Hoffnung zu bewahren und Frustrationen zu bewältigen. Darum bemüht sich die Diakonie in der sogenannten Oase des Friedens (Peace Oasis). In Zusammenarbeit mit der Tschechischen Regierung und dem Lutherischen Weltbund (LWF) wurde im Lager ein Komplex aus mehreren Zellen errichtet, wo Nähkurse an Nähmaschinen und Computerkurse stattfinden. Es gibt dort auch ein Kinderspielzimmer und einen Spielplatz im Freien, wo man Fußball spielen kann. Als grundlegend stellt sich aber zunehmend heraus, dass den Menschen ein offenes Gespräch über ihre Schmerzen, Sorgen und Hoffnungen ermöglicht werden muss. Auch professionell geschulte Begleiter sind vonnöten. Ein häufiges Thema ist die Gewalt, die junge Mütter und Kinder auf der Flucht durchgemacht haben. Kinder und junge Leute wiederum haben unter den Verhältnissen des Lagers eine schwierige Jugend und müssen sich über ihre Sorgen aussprechen können. So wird Konflikten und Radikalisierung vorgebeugt.

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Neben der Oase des Friedens gibt es noch ein freies Stück Land. Die Diakonie plant dort gemeinsam mit der tschechischen Botschaft in Jordanien, die Räumlichkeiten für Treffen zu erweitern – entstehen sollen eine Bibliothek und ein gemeinschaftliches Café. Einen Teil des Geldes für die Erweiterung steuert die tschechische Botschaft bei, einen anderen wollen wir gern aus Spenden der Fastensammlung finanzieren. Vielen Dank!

Adam Šůra