Reformationsjubiläum und Wege zur Versöhnung nach der samtenen Revolution

0iluWenn wir und heute fragen, wie die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) mit ihrer veränderten gesellschaftlichen Position seit dem November 1989 umgeht, besonders im Blick auf Versöhnung und Vergebung, könnte der Blick auf die Reformation von Bedeutung sein. Das Reformationsjubiläum, Luthers Auftreten vor 500 Jahren, steht uns noch gut vor Augen.

Martin Luther war Mitglied und bewusst Teil der katholischen Kirche, also der allgemeinen. Auch für Jan Hus war die Kirche schlicht gegeben. Trotzdem war der Widerstand gegen die reformatorische Lehre groß. Vor allem gegen Luthers Erkenntnis, dass die Kirche weder Eigentümerin des Heils noch Mittel zum Heil ist. Buße oder Vergebung sind nicht käuflich, genauso wenig wie ein Leben in Fülle. Hoffen nicht auch wir heute, so wie Luther damals, dass wir Teil der unsichtbaren Kirche sind, die Gott selbst bewahrt? Warum sind wir denn so besorgt um unsere Kirche, wenn wir wissen, dass sie unter Gottes Ratschluss steht?

Die Kirche im totalitären Staat

Überlegen wir einmal, worin sich die Lage der Kirche in der Tschechoslowakei in den Jahren 1948–1989 von der Situation zur Zeit Luthers unterscheidet. Im Unterschied zum Mittelalter waren die tschechischen Kirchen im Totalitarismus durch kirchliche Gesetze eingeschränkt, die der Staat aufgezwungen hatte. Es gab viele Vorschriften und Anordnungen. Die tschechischen Kirchen waren in ihren eigenen Angelegenheiten nicht rechtsfähig. In diesen Punkten sehe ich den grundsätzlichen Unterschied zu der Zeit der Reformatoren.

Um dem internationalen Bedürfnis nachzukommen, mit anderen demokratischen Staaten gut auszukommen, unterschrieb der tschechoslowakische Staat die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Genau darauf verwiesen Regimekritiker, als sie anboten, bei der Einhaltung der Menschenrechte zu helfen. Unter ihnen waren auch Mitglieder der Kirchen. Es zeigte sich, dass die Regierenden bereit waren, der Weltgemeinschaft zynisch ein freundliches Gesicht zu zeigen, während sie ihren Kritikern mit gefletschten Zähnen gegenüber traten.

Die Kirche geriet von zwei Seiten unter Druck. Auf der einen Seite stellte der Staat die Spielregeln auf, an die sich die Kirche zu halten hatte. Manche der Reglementierungen waren nur schwer zu ertragen und widersprachen teilweise sogar dem Gesetz. Auf der anderen Seite setzten Regimekritiker aus den eigenen Reihen, also von innen, die Kirche unter Druck, indem sie den gesteckten Rahmen der Kirche überschritten und sich stark machten für eine Verbesserung der Lage. Waren sie in ihren Bestrebungen nicht den Reformatoren ähnlich, die für eine „Besserung der menschlichen Sache“ (Johann Amos Comenius) kämpften?

Bürger und Gemeindemitglieder unter Druck

Ich versuche einige Haltungen zu beschreiben, die durch die Verschärfung des Drucks nach 1968 hervortraten. Hier will ich sie mit einigem Abstand reflektieren.

- Die innere Emigration: Menschen ziehen sich zurück auf ihr Privatleben, bewegen sich nur noch im familiären Umfeld, im Freundeskreis, im Verein oder in der Kirche. Das lässt sich teilweise bis heute erleben.

- Kirche und Welt als Gegenpole: Die Kirche wird als von der Welt abgeschieden wahrgenommen.

- „Bloß kein Aufsehen erregen“:  Das war das allgegenwärtige Argument, warum man nicht eindeutig Stellung bezog. Man versuchte schlimmere Folgen zu vermeiden, indem man  seine eigene Meinung bedeckt hielt.

- Atmosphäre des Misstrauens: Vernehmungen, Verschwiegenheit, Angebote zur „Zusammenarbeit“ kamen immer wieder vor. Es konnte passieren, dass auch ein naher Kollege erklärte, wie man auf zwei Seiten spielt. Da frage ich mich heute: Wo ist das Maß menschlicher Schwachheit? Können wir es wagen zu richten?

- Engagierter Einsatz (auch Widerstand): Aus verschiedenen Gründen wählten Menschen den Weg sich politisch zu engagieren, manchmal aus der Not heraus, manchmal aus Kalkül, manchmal aus Prinzip. In jedem Fall kann man sagen, dass solche Entscheidung das Ende irrationaler Befürchtungen war. Die Angst um das innere Bestehen nahm ab. Auf überraschende Weise stand man nicht mehr allein da, sondern es fand sich eine Gemeinschaft beim gemeinsamen Weg mit anderen.

Nach der Wende

Nach Jahren der andauernden Situation, in welcher viele von uns erstarrt waren in Angst und Furcht, Unsicherheit und Gesichtsverlust, kam die Wende.

War das eine Prüfung der Gläubigen, ob sie der Führung Christi vertrauen? Kann man das so sagen? Und haben wir damals die Prüfung bestanden? Bestehen wir sie heute?

Aufbrechen zur Befreiung

Es scheint mir, dass manche, zumindest vor sich selbst, ihre Schwächen und ihr Versagen eingestehen. Manche sogar offen. Andere jedoch weigerten sich, jegliche Fehler zuzugeben.

Vor einigen Jahren hatte der Theologe Jan Šimsa während des Pfarrkurses eine Idee. Er meinte, es fehle eine Möglichkeit, seine Schuld zu bekennen und Beichte abzulegen. Beispielsweise innerhalb des Kurses, oder vor den Vorsitzenden des Pfarrvereins oder vor Einzelnen. Egal wie. Zur Sicherheit habe ich gefragt: „Und du denkst, dass da jemand kommt?“ „Aber sicher, ich kenne eine Reihe von Menschen, denen eine Beichte Erleichterung versprechen würde.“ Es kam, soweit ich weiß, nicht einer. Später wurde Jan Šimsa, ein kämpferischer Mann, der in Fragen nach der Wahrheit resolut war und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte, Seelsorger für die, die er damals vor Augen hatte.

Herlík_kostel2013Zum Schluss wiederhole ich die gewagte Behauptung: Das kommunistische Regime war erfolgreich in seinen Angriffen auf die Einheit der kirchlichen Gemeinschaft. Das Privileg der Kirche Christi ist es aber, darin nicht einen Grund zum Aufgeben zu sehen, sondern als eine Kirche in Verschiedenheit zu leben und dabei frei Argumente auszutauschen, Konsens und Dissens zu pflegen. Und gleichzeitig wollen wir weiterhin darauf hoffen, dass wir eines Tage alle eins seien, wie es bei Johannes 17,21 („auf dass sie alle eins seien“) heißt.

Tomáš Bísek