Wege zur Versöhnung und Vergebung in den tschechisch-sudetendeutschen Beziehungen. In persönlicher Blick.

zap_hr (1)Liebt. Vergebt. – „Aber in Bezug auf Sudetendeutsche? Das ist doch nicht so einfach!“ höre ich den Einwand.

Ich (Jahrgang 1952) bin im Sudetenland aufgewachsen, in dem einst deutschsprachigen Dorf Hackelsdorf /Herlíkovice an der oberen Elbe im Riesengebirge. Wir wussten nichts. Nichts von der ehemaligen Zweigstelle des KZs Groß Rosen. Keine Ahnung, was früher die Häuser waren – dass es eine Schule, eine Mühle, ein Geschäft und Kneipen gegeben hatte. Mit anderen Kindern schaute ich neugierig durch die Fenster in die leeren Holzhäuser am Berghang und stocherte mit Stöcken in den Gräben (vielleicht liegt da ein toter Deutscher?). Die Leute kannten sich untereinander nicht, jede Familie von woanders her zugezogen, misstrauisch. Es gab keine Vergangenheit, keine Gemeinschaft. Vielleicht – die Sehnsucht.

Viel später haben mir die Texte  des Historikers Ján Mlynárik (im Sozialismus unter dem Pseudonym Danubius) die Augen geöffnet.  Nach ihm brachte das Leben in den Sudeten für viele Tschechen, die deutsche Häuser „eingenommen“ hatten, kein Glück. Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Ich kann es am Beispiel meiner Familie bezeugen. Glauben Sie an die Kraft des Fluches?

Das andere Ende meines Lebensbogens:  Im September 2017 nehme ich am Treffen des Heimatkreises Hohenelbe im bayerischen Marktoberdorf teil. Unter den Anwesenden habe ich Bekannte, Freundinnen und Freunde: Die Heimat verbindet uns. Mehrere von ihnen sind gegenüber uns Tschechen so empathisch und verständnisvoll, dass ich ihnen manchmal widersprechen muss. Und umgekehrt –  meine Schwäche für die alten Landsleute wird mir bewusst. Nur weil ich Germanistin bin oder weil mein früherer Mann Sudetendeutscher ist? Für mich sind Sudetendeutsche diejenigen, die „den Kürzeren“ gezogen haben – als eine unfreiwillige Minderheit in der Zeit der ersten tschechoslowakischen Republik, als „Kanonenfutter“ für Hitler an der Ostfront, als Opfer der auf Kollektivschuld gegründeten Vertreibung aus der Tschechoslowakei, und auch als verachtete Flüchtlinge im zerstörten Nachkriegsdeutschland.

Herlík hřbitovBei Diskussionen mit den Befürwortern der Vertreibung frage ich (mich) oft: Wie hätten wir uns  politisch verhalten (und gespalten), wenn wir Deutsche gewesen wären? Hätten wir in der Krisenzeit bestanden?

Sehnsüchte tendieren dazu, in Erfüllung zu gehen. So durfte ich nach der Wende helfen, Kontakte und Zusammenarbeit mit dem Heimatkreis Hohenelbe aufzubauen. (Endlich Leute, die in meiner Stadt Wurzeln hatten!) Ich durfte bei der Planung des Begegnungszentrums in Vrchlabí mitmachen, das schließlich leider doch nicht zustande kam. Die Freude an persönlichen Freundschaften ist jedoch geblieben.

Das Leben neigt dazu, sich sinnvoll zu schließen. Ich wurde Mitglied des  kleinen Vereins „Přátelé Herlíkovic/Freunde von Hackelsdorf“, unsere Aktivitäten (Renovierungsarbeiten an einem alten Hackelsdorfer Haus und an der kleinen Bergkirche, das Reinigen des deutschen Friedhofs im Nachbarort, alljährliche thematische tschechisch-deutsche Wochen, Kirchweihjubiläen) sind für mich beglückend, – weil wir da eben die Gegenwart mit der Vergangenheit zu versöhnen versuchen…

Eure Ältesten sollen Träume haben. Auch ich  habe Träume. Dass wir einmal Gottfried und Günther Fischer finden, die 1946 als kleine Kinder  ihr Haus in Hackelsdorf verlassen mussten, um welches sich jetzt unser Verein kümmert. Dass sie kommen und wir sagen: „Ihr Haus!“ – Oder dass auf dem Hohenelber Bahnhof eine Gedenktafel für die fast 45.000 Deutschen angebracht wird, die von hier 1945 – 1946 in Güterwaggons „abtransportiert“ wurden. – Ich träume davon, dass der Geschichtsunterricht bei uns nicht mit dem zweiten Weltkrieg endet. – Und ich wünsche, dass unser Staat endlich dem Kriegsgräberabkommen mit Deutschland beitritt (wobei unter „Kriegsgräbern“  auch Gräber von den infolge des Krieges umgekommenen Zivilisten verstanden werden).

„Alles wird gelöst, nachdem sie ausgestorben sind“, fasste ein Bekannter für sich die Problematik zusammen. Nur außerordentliche Menschen können über den eigenen Schatten springen. Viele Tschechen und viele böhmische Deutsche sind immer noch in ihren Positionen eingegraben. Mein Problem ist nicht die deutsche Schuld. Auf mir liegt das Versagen meines Volkes. „Es ist schwer, sich menschlich in einer menschenfeindlichen Zeit zu verhalten und nicht neues Unrecht entstehen zu lassen“, sagt unser Freund, Pfarrer Erich Busse aus Dresden.

In den Gesprächen in Marktoberdorf  kam immer wieder der Wunsch zum Ausdruck: den ewigen Kreis von Unrecht und Vergeltung zu durchbrechen. Ingrid Mainert, die Betreuerin der Hohenelber und von Beruf Psychotherapeutin, spricht von Notwendigkeit eines Mediators.  Auch sie ist gegen die Beneš-Dekrete („Wer wäre nicht dagegen!“), es ist ihr jedoch bewusst, wie äußerst kompliziert diese Angelegenheit für die Tschechen ist. – Sind aber unsere von Wahl zu Wahl agierenden Politiker überhaupt gewillt, das Problem zu lösen? Liegt es da nicht auch an uns? Es gibt keine rein „privaten“ Lebensläufe, jeder tragen wir Verantwortung in unserer konkreten historischen Zeit. Und als Christen sind wir doch zu keiner Kreisbewegung verurteilt, sondern – als lebendige „Ichthys“ – zum Schwimmen gegen den Strom vorgesehen. Ist der Geist Gottes nicht der berufenste Mediator?

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Der Bekannte von mir hatte mit seinem Satz wohl recht, – wenn auch anders, als er ihn meinte. Wenn es nämlich keine von uns vertriebenen Sudetendeutschen mehr gibt, – dann erst kommen sie. Sie kommen zurück in ihrer Literatur, die wir zu entdecken beginnen. Es werden Gedenkstätten und Museen eröffnet werden, deutsches Kulturerbe wird geachtet werden. Und in Prag wird sicher einmal eine große, viel besuchte Ausstellung mit einem kurzen Titel stattfinden: ODSUN. – Aber dies wird nichts mehr mit Versöhnung und Vergebung zu tun haben.

Hana Jüptnerová