Drei Dinge, die ich bei meinem Studienaufenthalt in der Tschechischen Republik gelernt habe

Double degree programme fotka2Die Evangelisch-Theologische Fakultät in Prag (ETF) führte 2015/16 einen neuen Bachelorstudiengang ein, der in vielerlei Hinsicht innovativ und ungewöhnlich ist. Er wird in Zusammenarbeit mit der Diakonischen Fachhochschule (Diak) in Helsinki, Finnland, und der Internationalen Akademie für Diakonie und soziales Handeln, Mittel- und Osteuropa (Interdiac) im schlesischen Teil der Tschechischen Republik durchgeführt, und der Unterricht wird von Dozenten aller drei Institutionen gemeinsam abgehalten. Die Studenten sind sowohl an der ETF als auch an der Diak eingeschrieben, und mit ihrem Abschluss erwerben sie akademische Abschlüsse von beiden Partneruniversitäten. Das Studienprogramm heißt „Soziale Dienste mit Schwerpunkt auf Diakonie und christlicher sozialer Praxis“, und die Unterrichtssprache ist ausschließlich Englisch. Die meisten Studenten kommen aus östlichen europäischen oder außereuropäischen Staaten, und Ziel des Programmes ist es, ihnen sowohl theoretische als auch praktische Kenntnisse auf dem gesamten Gebiet der Sozialarbeit und der sozialen Dienste zu vermitteln, wobei auf einen partizipativen Ansatz, auf Befähigung zur Selbsthilfe und auf Gemeinwesenarbeit ein besonderer Fokus gelegt wird. Das Programm beinhaltet auch das Studium der Sozialarbeit im Umfeld der Kirchen und Glaubensgemeinschaften (Diakonie) ‒ ein Zusatzstudium, das die Absolventen befähigt, im kirchennahen Umfeld tätig zu werden. Die Studenten müssen im Rahmen des Studiums umfangreiche Praktika absolvieren.

Das Studienprogramm nähert sich nun dem Ende, nämlich wenn die Studenten ihr Studium 2018/19 abschließen. Einer von ihnen blickt nun hier auf seine Studienzeit und die Praktika zurück und erzählt uns, welche Erfahrungen er dabei gemacht hat.

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Ich danke Gott dafür, dass er mich in die Tschechische Republik geführt hat, wo ich viele neue Dinge gelernt habe. Ich stamme aus Indonesien und bin dort Hilfspfarrer in einer Kirche in Bandung in der Provinz West-Java. In Prag studiere ich Diakonie und christliche Sozialarbeit an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karlsuniversität. Was ich früher dachte und was zu meinem Grundsatz wurde, hat sich nun, nach diesem Lernprozess in Prag, grundlegend geändert, zum Beispiel in Bezug auf Führungsverhalten und Gemeinschaftsbildung. Diese beiden Dinge unterscheiden sich, denn sie haben unterschiedliche Zwecke und Funktionen. Ein Leiter spielt eine Rolle vor den Leuten, ein Sozialarbeiter spielt eine Rolle „hinter den Kulissen“. Immer bemühte ich mich, ein guter Leiter zu sein, doch nun versuche ich, ein Sozialarbeiter zu sein, der Leute beeinflusst und sie dazu bringt, selbst und füreinander tätig zu werden.

In diesem Studienprogramm ist jeder Student verpflichtet, praktisch tätig zu werden. Im ersten Semester leistete ich Sozialarbeit in Bethel, einem Tageszentrum und Nachtquartier für Obdachlose in der Stadt Český Těšín an der polnischen Grenze. Im zweiten und dritten Semester arbeitete ich an einer kirchlichen Einrichtung in Prag beim Dienst für Obdachlose mit. Im vierten Semester waren es Flüchtlinge aus dem Irak und aus Syrien, um die ich mich bei meiner Sozialarbeit kümmerte. Und im fünften Semester absolviere ich nun ein Praktikum am Militärischen Universitätskrankenhaus (ÚVN) in Prag, wo ich mich auf die Arbeit mit älteren Menschen konzentriere, die Kriegsveteranen sind.

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Die Patienten sind dort alle über 90 Jahre alt. Manche sind noch rüstig, laufen ohne Hilfe, während andere im Alltag unterstützt werden müssen. Durch die Zusammenarbeit mit älteren Menschen denke ich viel über den Sinn des Lebens und meine Bestimmung auf dieser Welt nach. Einmal traf ich dort eine Freiwillige. Sie ist bei einem Unternehmen in Prag angestellt, doch sie ist gleichzeitig ehrenamtlich am ÚVN tätig. Ich fragte sie, warum sie eine Freiwillige sein wolle, und sie antwortete, dass Arbeit für sie eine Tätigkeit sei, um Geld für die täglichen Bedürfnisse zu verdienen, und sie meinte etwas im Leben zu vermissen, wenn sie nur für die Arbeit lebte. Zu arbeiten, nur um etwas Geld zu verdienen, machte sie nicht glücklich. „Ich bin glücklich, wenn ich etwas für andere tun kann, ohne irgendetwas dafür zu bekommen“, sagte sie. Die Antwort überraschte mich – ich hätte sie nicht erwartet. Was für eine bemerkenswerte Antwort, und welcher Edelmut darin zum Ausdruck kommt!

Wenn ich darüber nachdenke, was ich während meines Studiums der Sozialarbeit und bei den Praktika gelernt und erfahren habe, sind es drei Dinge, die ich hier festhalten möchte:

  1. Diakonie ist die Aufgabe der ganzen Gemeinde, nicht nur die eines Pfarrers oder Diakons. Wir alle sind dazu berufen, dem Herrn in unserem Alltag zu dienen, indem wir anderen dienen. Es gibt so viel, was wir anderen Menschen tun können. Bei der Arbeit am ÚVN wurde mir bewusst, dass ein kleines Lächeln Menschen glücklich machen kann. Die älteren Menschen sind glücklich, wenn sie uns freudig mit ihnen arbeiten sehen.
  2. Diakonie wird ihre wesentliche Bestimmung verlieren, wenn sie sich von Jesus Christus löst. Die Arbeit mit den Älteren am ÚVN bewegte mich dazu, die Gnade der Erlösung durch unseren Herrn Jesus Christus zu vermitteln, indem ich ein geistliches Lied mit ihnen singe und mit ihnen bete. Sozialarbeit ohne Jesus ist keine Diakonie.
  3. Diakonie verändert sich gemäß dem zeitlichen Fortschritt und der Entwicklung menschlicher Bedürfnisse. In Indonesien findet diakonische Praxis noch in einem sehr abgesteckten Rahmen statt, es geht etwa um die Beschaffung von Geld, Reis oder anderen Notwendigkeiten des täglichen Lebens für Arme und Bedürftige. In Wirklichkeit umfasst Diakonie viele Aspekte, bei denen auch die Regierung, Institutionen, Organisationen und die Gesellschaft einbezogen werden, und sie wächst auch weiter mit der allgemeinen und technologischen Entwicklung.

Blicke ich darauf zurück, wie ich war, als ich vor fast drei Jahren hierher kam, bin ich sehr dankbar für die Güte unseres Herrn Jesus, der mich hierher gebracht hat, um meine tschechischen Brüder und Schwestern und auch Menschen anderer Nationen zu treffen, und dabei so viel Weisheit und Wissen zu erlangen, die so wertvoll für mich persönlich sind.

Billy Tambahani