Roma unter uns. Die Geschichte einer Abiturientin

IMG_3891 - kopieEin schüchternes Klopfen ist zu hören. Dann wird die Tür aber ungestüm aufgerissen und zwei kleine Mädchen stürmen herein. Sie stürzen sich auf Andrea und bitten sogleich: „Andy, spielen wir Zucker- Kaffee?“ Andrea Bendíková wird umschlungen und antwortet geschwind: „Aber erst nach dem Nachhilfeunterricht, einverstanden?“ Die Mädchen stimmen zu.

Wir sind in dem diakonischen, niedrigschwelligen Klub Kruháč- zu Deutsch „Kreisverkehr“ in Jablonec nad Nisou (Gablonz). Die achtzehnjährige Andrea hilft den Kindern schon seit einigen Jahren bei den Schulaufgaben. Sie gibt Nachhilfe in Mathe, Tschechisch, Englisch und anderen Fächern, wenn sie gebraucht wird. Nächstes Jahr wird sie ihr Abitur am Wirtschaftsgymnasium machen, wo es ihr gut gefällt.

Als sie sechs Jahre alt war, beschied ihr die pädagogisch-psychologische Beratung eine ganz andere Zukunft. Nach Aussage der Experten, gehöre sie auf eine Sonderschule. Andrea Bendíková ist eine Roma.

Hip-Hop hilft

Schwer zu sagen, was die Mitarbeiter der Beratungsstelle zu dieser Schlussfolgerung kommen ließ. Andrea hatte, als sie klein war, Probleme mit den Nieren und sie kämpfte mit einer Meningokokkeninfektion. Sie war verängstigt und nervös, was sich sicherlich nicht positiv bei der Begutachtung durch die Pädagogen und Psychologen ausgewirkt hat. Ihre Mutter schritt jedoch ein.

Andrea hat zwei ältere Brüder. Beide besuchten eine ganz normale weiterführende Schule. Die Mutter bestimmte resolut, dass, wenn ihre beiden Söhne die Schule geschafft hätten, sie keinen Grund sehe, warum dies nicht auch ihre jüngste Tochter könne. Sie bewegte sich nicht vom Fleck, bis sie ihren Willen durchgesetzt hatte. Andrea erinnert sich, dass ihre Eltern sie nicht weiter in den Kindergarten schicken wollten, in den vorwiegend Romakinder gingen. Vielleicht deshalb, weil sie das Stigma loswerden wollten, dass sie „ungebildet“ seien.

Die ersten Schuljahre waren bitter für Andrea. Lernen fiel ihr leicht, aber sie erinnert sich an Schikanen. Sie kamen sowohl von den weißen, als auch den Roma-Mitschülern, dafür, dass sie dick war, dass sie gut lernte, dass sie Taschengeld von ihren Eltern und Lob von den Lehrern bekam. Bis heute denkt sie nicht gern an die Zeit. Eine Zuflucht fand sie im Tanzen. Schon mit sechs Jahren begann sie an Tanzgruppen teilzunehmen, in denen moderner Hip-Hop-Tanz mit Elementen aus Gymnastik und Akrobatik trainiert wurde. Das half ihr die schwierige Zeit zu meistern.

Einfaltspinsel oder Ökonomin?

Später half auch der niedrigschwellige Club. Die Diakonie eröffnete ihn an einem Kreisverkehr in Jablonec nad Nisou, daher der Name. Andreas Mutter las davon in der Zeitung und ermunterte ihre Kinder hinzugehen und ihn sich anzusehen. Andrea wollte anfangs überhaupt nicht, doch schließlich siegte die Neugierde, und das war gut so. Sie hatte sich immer gut mit älteren Leuten verstanden und im Leitungsteam fand sie jemanden, mit dem sie über ihre Sorgen sprechen konnte, aber auch Ausflüge machen konnte. Das kannte sie von daheim nicht. Ihre Eltern verbrachten die meiste Zeit zu Hause. Der Vater arbeitete als Gießer und die Mutter setzte in einer örtlichen Fabrik Ketten aus Kristallen für teure Lüster zusammen.

foto Marcel Rozhoň (13)Das Umfeld des niedrigschwelligen Clubs und die Unterstützung durch dessen Leitung halfen Andrea dabei, ihren Weg zu ihren Mitschülern zu finden und unterstützten sie bei ihrer weiteren Schulbildung. Ihre Eltern möchten, dass wenigstens eines ihrer Kinder Abitur hat. Jablonec bietet dafür zwei Möglichkeiten – ein Gymnasium oder eine weiterführende Wirtschaftsschule. Auf das allgemeine Gymnasium wollte Andrea nicht, sie wollte etwas Konkretes, etwas womit sie nach dem Abitur direkt arbeiten könne, allerdings hatte sich auch vor der Wirtschaftsschule Angst. Sie stellte sich vor, dass sie dort zwischen Kindern aus wohlsituierten Elternhäusern säße und dass sie als Roma aus der Arbeiterschicht nicht akzeptiert würde. Im Club machten sie ihr Mut und halfen bei der Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen.

Verlockende weiße Welt

Sie erinnert sich an etwas, was sie aus der Bahn warf: Im September, gleich nach Schuljahresbeginn, ging sie mit einer ihrer neuen Mitschülerinnen die Straße entlang und auf der anderen Straßenseite lief eine Gruppe Romakinder. Ganz selbstverständlich kommentierte die Mitschülerin: „Ich hasse diese Zigeuner.“ Andrea hat sie ungläubig angestarrt. Und begriffen, dass sie für ihre Klassenkameraden keine Roma ist. Sie hat zwar schwarze Haare und ein dunkleres Gesicht, aber das muss nichts heißen. Aber es heißt etwas, dass sie auf die Wirtschaftsschule geht, doch dass Roma es da eigentlich nicht hin schaffen. Andrea verlebte einen bitteren Monat. Im Oktober gab es in ihrer neuen Klasse einen dreitägigen Kennenlernkurs. Was sollte sie da ihren Mitschülern erzählen? Wäre es nicht besser, sie im Unklaren zu lassen?

Sie betete zu Gott und beriet sich mit dem Leitungsteam des Clubs. Am Ende des Vorstellungskurses, bei dem jeder ein paar Worte zu sich selbst sagen sollte, wussten alle, dass sie Roma ist, dass sie sich dafür nicht schämt und dass sie sich damit nicht beleidigen lässt. Vor allem ist sie ein Mensch und als solchen sollen ihre Mitschüler sie behandeln.Es ging gut. Die Klassenlehrerin unterstützte sie deutlich und lobte ihren Mut. Die Klassenkameraden passten sich an.

foto Marcel Rozhoň (15)Nach einer Weile begann jedoch auch Andrea sich anzupassen, auch wenn das nicht unbedingt wünschenswert war. Mit Bewunderung und einem Stich Neid begann sie zu beobachten, wie das Leben in einer wohlsituierten weißen Familie erscheint. Beispielsweise, dass Eltern mit ihren Kindern in den Urlaub fahren oder wie Eltern ihre Kinder für ihre verschiedenen Erfolge loben. Unter Roma geschieht dies gewöhnlich nicht.

Romafamilien halten untereinander zusammen und helfen einander, auch wenn sie dafür ein Opfer bringen müssen, das schafft Freundschaften und man feiert zusammen, (auch wenn es nicht mehr so ist, wie es einmal war). Und als Andrea ihrer Mutter stolz erzählt, dass sie mit ihrer Hip-Hop-Gruppe eine Weltmeisterschaftsteilnahme erkämpft hat, ist deren Reaktion kühl – dies bedeute nur eine weitere Ausgabe für die Familie. Familienurlaub hat Andrea nie erlebt, obwohl die Familie davon eigentlich nichts abgehalten hat.

Andrea begann sich aus der Welt der Roma zurückzuziehen. Wenn sie mit ihren weißen Mitschülern auf der Straße ging und sich eine Gruppe bekannter Roma näherte, sah sie weg, um sie nicht grüßen zu müssen. Schließlich schritt der Leiter des „Kreisverkehrs“ ein und führte mit ihr einige Gespräche und dies war hilfreich.

Die Geschichte von Andreas Leben wäre unvollständig, wenn der Glaube an Gott nicht Erwähnung fände. Er spielt in ihrem Leben die Hauptrolle. Sie kam bei ihrer Tante und ihrem Onkel zum Glauben, als deren kleine Tochter starb. Damals trafen sie sich mit dem Romapfarrer aus Mähren und dieser begann ihnen von Gott zu erzählen. Das Kind starb, der Glaube blieb dennoch. Andrea verbrachte Wochenenden bei ihrer Tante und ihrem Onkel, gemeinsam beteten sie, lasen in der Bibel und sprachen miteinander. „Seitdem bin ich überzeugt, dass eine Romafamilie Gott braucht. Ohne Gott gibt es nichts.“

Und wie sieht ihre Zukunft aus? Letztlich wird sie nach dem Abitur doch weiterstudieren, Pädagogik oder Sprachen. „Es kann sein, dass ich bei der Diakonie lande. Vielleicht ist das mein Schicksal.“, sagt sie mit einem Lächeln.

Adam Šůra