Wir sind auf einer Wellenlänge. Mit Jan Kaloš darüber, was Freiwilligenarbeit in der Diakonie dem Menschen geben kann

IMG_8853Das ganze Leben war er im ökonomischen Sektor tätig und vor seiner Pensionierung stellte er sich die Frage, wie er die freie Zeit nutzen möchte. Er entschied sich dafür, anderen zu helfen. So hilft er  schon seit sechs Jahren im Rahmen eines der Programme für Freiwillige unter dem Dach der Diakonie in Familien, und zwar Kindern bei der Schulvorbereitung. Und er ergänzt sich darin sehr gut mit seinen um einiges jüngeren Kollegen.

Wie haben Sie als Freiwilliger den Weg zur Diakonie gefunden?

Das ist ganz zufällig passiert. Ich wollte ehrenamtlich helfen und ich habe irgendwo gelesen, dass es eine Ausbildung für Freiwillige geben soll. Mehrere Tätigkeiten wurden dort erwähnt – darunter auch Nachhilfe für Schüler, was mich interessierte. Ich habe mich angemeldet, aber wegen meiner Rückenprobleme konnte ich nicht teilnehmen. Sie waren so nett zu mir und haben mich in den nächsten Kurs angemeldet. Den absolvierte ich und so kam ich zur Diakonie.

Wieso fanden Sie gerade Nachhilfe-Geben interessant?

Ich habe meinen Kindern früher mit dem Lernen geholfen, und einigen Kindern meiner Bekannten. Es machte mir Spaß, einem Kind zuzusehen, das über verschiedene Fähigkeiten verfügt, und Wege zu finden, wie man ihm den Lehrstoff so beibringen kann, dass es ihn versteht.

Macht es Ihnen nach sechs Jahren immer noch Spaß? Sie arbeiten ja mit Kindern, denen das Lernen manchmal schwer fällt. Kam es bei Ihnen nie zu einer Krise?

Zu einer Krise kam es nicht. Wahrscheinlich habe ich mit den Jahren schon eine gewisse Gelassenheit erlangt. Aber die jüngeren Kollegen aus dem Freiwilligenteam haben manchmal mit Frustration zu kämpfen. Meistens sind es Studenten, junge Menschen. Sie kommen mit riesiger Begeisterung an und manchmal sieht man, dass sie enttäuscht sind. Sie wollen schnell Ergebnisse ihrer Arbeit sehen, doch die lassen auf sich warten. Ich weiß, wie es in den Familien meiner Bekannten aussieht, deren Kinder sehr gute Ergebnisse zeigen. Ihre Eltern kümmern sich fast täglich um sie. Sie kontrollieren ihre Hausaufgaben, wiederholen den Lernstoff. Wir arbeiten mit Kindern, denen ihre Familie aus verschiedenen Gründen nicht helfen kann. Man merkt schnell, dass eineinhalb Stunden in der Woche, die wir zur Nachhilfe zu Verfügung haben, nicht ausreichen. Aber es geht doch nicht nur um ein Zeugnis mit lauter Einsen. Ich denke, dass es für ein Kind – und ich unterrichte jetzt schon das vierte – einen Wert hat, wenn sich jemand regelmäßig um es kümmert. In der Regel freuen sich die Kinder. Also finde ich meinen Freiwilligendienst befriedigend.

Was kann die Freiwilligenarbeit einem Menschen darüber hinaus geben?

IMG_8862Ich sehe zwei weitere Pluspunkte für mich. Ich habe mich mit anderen Freiwilligen angefreundet, prima Leute, die helfen wollen. Der zweite Bonus ist die Arbeit mit dem Lernstoff. Ich bin Ökonom, jahrelang habe ich mich detailliert mit Buchhaltung beschäftigt, vieles ist mir bekannt. Aber so manche Kenntnisse aus dem Lernstoff muss man doch auffrischen, erneut überdenken – Formeln, die Zerlegung geometrischer Körper, Physik, Fremdsprachen … Ich für meinen Teil finde das wertvoll, der Geist wird dadurch fit gehalten.

Erzählen Sie uns etwas über die Kinder, denen Sie Nachhilfe gegeben haben.

Es waren vier und jedes war anders. Ládík war mit seinen Kenntnissen irgendwo zwischen der ersten, zweiten und dritten Klasse. Die Nachhilfe konnte nicht bei ihm stattfinden, dazu war es dort zu laut. Wir trafen uns in der Nähe seiner Wohnung in einem Büro der Kinder- und Jugendhilfe. Für´s erste hatten wir einen leeren Raum zur Verfügung, dann nur noch einen freien Platz am Tisch und später nicht einmal das. Also lernten wir direkt in der Diakonie im Zentrum Prags, was für Láďa aber schwierig war. Das Pendeln ermüdete ihn ziemlich. Wir haben auch zwei Ausflüge zusammen unternommen und wir konnten uns, denke ich, ziemlich gut leiden. Bis heute denke ich manchmal an ihn. Mein weiterer Schüler war Ibrahim, ein Viertklässler –  eine ganz andere Situation. Seine familiären Wurzeln hatte er irgendwo in einer der postsowjetischen Republiken, in einer muslimischen Familie. Sein Vater war irgendwo in Russland, Ibrahim lebte hier mit seiner Mutter und zwei jüngeren Schwestern. Die Familie funktionierte gut, Ibrahim war klug – aber ein Schlendrian und nicht einmal seine aufopferungsvolle Mutter wusste sich damit Rat. Wir trafen uns bei ihm in der Schule, was für den Nachhilfeunterricht wahrscheinlich die beste Möglichkeit ist. Wir haben uns viel mit der tschechischen Sprache auseinandergesetzt. Er sprach schön fließend, aber mit manchen sprachlichen Nuancen kam er nicht zurecht. Es war spannend, sie mit ihm zu erörtern. Wir spielten auch Schach zusammen, das konnte er sehr gut, und lernten Physik. Sein Faulenzen konnte ich wahrscheinlich nicht überwinden, aber Angst um ihn habe ich nicht, er wird in der Welt schon nicht verloren gehen. Und jetzt helfe ich einem Mädchen, das die achte Klasse wiederholt, vor allem deswegen, weil sie oft krank war. Sie ist sehr motiviert, in die neunte Klasse zu kommen. Wenn manchmal eine Stunde ausfällt, möchte sie sie schnell nachholen, so sehen wir uns manchmal zweimal die Woche. Wir machen zusammen Hausaufgaben, vor allem in Mathematik und Englisch. Es ist gar nicht einfach, besonders Mathematik in der achten Klasse ist ziemlich schwierig. Dem Kind fehlen leider die Grundlagen – sie versteht die Aufgabe, errechnet dann aber nicht wie viel acht mal neun ist. In Englisch ist es ähnlich – ihre Aussprache ist besser als die meine, aber die grundlegenden Vokabeln kennt sie nicht. Aber uns geht es nicht um Einsen und ich denke, sie wird dieses Jahr weiter kommen.

Sie sprachen von vier Kindern, eines haben Sie noch nicht erwähnt.

Es ging nämlich eher um einen jungen Mann. Er kam aus Afrika und nach der Mittelschule wollte er bei uns an einer Kunsthochschule studieren und wollte seine Kulturkenntnisse erweitern. Es ging hier wieder um einen komplett anderen Stil der Zusammenarbeit. Wir trafen uns im Café und plauderten beispielsweise über Impressionismus. Nach einiger Zeit bekam ich von ihm eine SMS, dass er die Prüfungen erfolgreich abgelegt hat.

Wie viel Zeit brauchen Sie für die ehrenamtliche Arbeit für die Diakonie?

In der Regel einmal die Woche 90 Minuten Nachhilfe und 90 Minuten Pendeln. Also um die drei Stunden pro Woche. Einmal im Jahr haben wir eine Art Auswertungstreffen, das ist ein Treffen mit dem Kind, seinen Eltern und einem Vertreter der Diakonie.

Mit den anderen Kollegen treffen Sie sich aber auch noch auf speziellen Supervisionstreffen. Wie läuft das ab?

Ein Supervisionstreffen findet einmal aller zwei Monate statt. Das Freiwilligenteam trifft sich und in Gegenwart eines Psychologen tauschen wir uns über unsere Erfahrungen aus. Bei der Arbeit in den Familien müssen wir nämlich vorsichtig sein, damit wir nicht unsere Mission verfehlen. Wir sind dort, um dem Kind Nachhilfe zu geben, nicht um die Probleme der Familie zu lösen. Ein Psychologe berät uns deshalb, wie wir uns da verhalten sollen. Für die Anfänger unter den Freiwilligen ist diese Supervision sicher entlastend. Sie sehen, dass sie bei ihrer Arbeit mit dem Kind die gleichen Probleme lösen wie ihre erfahreneren Kollegen. Diese Treffen finden in freundlicher Atmosphäre und mit sympathischen Menschen statt. Die meisten sind um einiges jünger als ich, aber ich fühle, dass wir auf gleicher Wellenlänge sind. So bin ich mit allem sehr zufrieden.

Adam Šůra