Eine Schule – weithin bekannt. Interview mit Ivana Kováčova, Leiterin der Diakonischen Schule in Merklín

IMG_0877.1Manche Familien ziehen wegen dieser Schule sogar über 100 Kilometer um. Als eine von wenigen in der Tschechischen Republik nimmt sie nämlich langfristig Schülerinnen und Schüler mit Autismus auf und sie bietet neben der Ausbildung auch eine Ganztagesbetreuung an. 114 Kinder besuchen die Schule. Eine bestimmte Form von Autismus haben mehr als die Hälfte von ihnen, 80 % der Kinder sprechen nicht und mit den Lehrern kommunizieren sie über das sog. „Bildaustausch-Kommunikationssystem“ (engl. PECS). Mit den Eltern und den Angestellten bildet die Schule eine große Gemeinschaft, wie auch aus dem Gespräch mit ihrer Leiterin Ivana Kováčova hervorgeht.

Was ist bei Ihnen in Merklín neu in diesem Schuljahr?

Wir haben zwei Neuheiten. Zum einen den Außenbereich unserer Schule. Der neue Spielplatz dient unseren Schülerinnen und Schüler zur Entspannung und zur Übung. Und als zweites haben wir seit Beginn des neuen Schuljahrs einen schönen neuen Mikrobus mit neun Sitzen. Bei der Einweihung des Busses war der Pilsner Landrat dabei. Der Bus bringt die Kinder zur Schule und zurück, und er wird auch eingesetzt, wenn die Kinder zum Schwimmen, zur Reittherapie oder auf Ausflüge fahren.

Unsere Schule bot von Anfang an einen Fahrdienst für die Kinder an. Heute wird der Fahrdienst von externen Firmen ausgerichtet. Wir brauchten aber auch dringend ein eigenes Auto. Es kommen immer mehr Kinder zu uns und ein Abflauen des Interesses ist nicht absehbar. Wir sind gewachsen. Allein in Merklín haben wir drei Gebäude, außerdem haben wir Außenstellen in Sušice und Pilsen. Ein eigener Wagen hilft uns in unserer Arbeit sehr.

Die Schule in Merklín betreibt auch ein Internat. Das ist für eine Förderschule alles andere als gewöhnlich.

Das ist unsere Besonderheit, die dann von anderen Schulen der Diakonie übernommen wurde. Als im Jahr 1994 unsere Schule gegründet wurde, gehörte zur Schule auch das Wohnheim „Radost“, es bot für die Schüler auch eine Unterkunft. Dann musste man aber wegen einer Gesetzesänderung beide Einrichtungen trennen.

Das Wohnheim „Radost“ gehört heute zur Diakonie West. Als eines von wenigen Wohnheimen in der Tschechischen Republik nimmt es auch Erwachsene mit Autismus an. Unsere Schule verlor also ihr Wohnheim und das war für uns gar nicht einfach. Die Eltern wollten für ihre Kinder nicht nur eine Schule, sondern auch eine Form von betreutem Wohnen. Als wir das nicht mehr bieten konnten, gingen sie woanders hin.

Warum wollen die Eltern für ihre Kinder einen Wohnplatz?

IMG_0895Damit sie sich um sich selbst, um ihre Arbeit und um die Geschwister kümmern können. Ein Kind mit schwerer Behinderung in der Familie zu haben ist äußerst anspruchsvoll. Darum können Eltern, wenn sie es wünschen, und wenn wir die Kapazität haben, ihr Kind unter der Woche von uns in der Schule und im Internat betreuen lassen, am Wochenende holen sie das Kind nach Hause.

Wir bieten auch eine Ganztagesbetreuung an, also die Kinder sind bei uns werktags von sieben bis vier Uhr nachmittags und die Eltern können normal zur Arbeit. Das ist überhaupt nicht gewöhnlich. Heute waren bei mir Eltern, deren Tochter von einer Schule in Pilsen abgelehnt wurde, weil das Kind epileptische Anfälle hat und sich oft aggressiv zeigt. Aber es kann nicht sein, dass so ein Kind im Alter von 14 Jahren zu Hause bei der Mutter eingesperrt wird. Wir haben es so besprochen, dass wir es versuchen und das Mädchen zu uns kommt.

Das Internat befindet sich in dem sehr schön restaurierten historischen Gebäude der alten Schule in Merklín. Wie sind Sie dazu gekommen?

Wir suchten überall nach einem möglichen Gebäude und fragten auch in der Evangelischen Gemeinde in Merklín. Der Kurator der Gemeinde Pavel Šalom hatte das Haus gerade restauriert und wollte es vermieten, also hat er uns eine der Wohnungen angeboten. Wirklich ein guter Ort. Mit dem Rest des Hauses hatte er erst andere Pläne, aber schließlich hat er sie geändert und somit ist in dem Haus unser Internat für 12 Menschen untergebracht. Weitere 12 Plätze haben wir im vergangenen Jahr eröffnet in einem weiteren restaurierten historischen Gebäude am Ort. Dort sind wir auch zur Miete. Das Haus hatte eine unserer Angestellten schon mit dem Ziel, dort das Internat hin auszuweiten, gefunden. Aber das genügt für uns nicht. Wir schauen uns schon nach weiteren Plätzen um.

Wie sind Sie persönlich zur Schule in Merklín gekommen?

Zufall. Ich habe nie gedacht, dass ich eines Tages mit Kindern mit Behinderung arbeiten würde. Studiert habe ich Tschechisch und Musik auf Lehramt für die weiterführende Schule. Als ich schwanger wurde, habe ich das Studium unterbrochen und nach der Elternzeit habe ich mir Arbeit gesucht. Marta Mikolová, die Gründerin der Förderschule in Merklín und des Wohnheims Radost, ist die Mutter meiner Mitschülerin aus dem Gymnasium. Sie suchte damals eine Erzieherin und so kam eins zum anderen. Im August 1995 habe ich angefangen und ich habe am Anfang einen Jungen mit Autismus betreut. Ich begleitete ihn beim Schulweg, im Bus vom Wohnheim zur Schule und zurück. Das war eine Feuertaufe. Ich wusste gar nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte. So habe ich es gelernt. Ich habe mich immer weitergebildet und seit 2004 bin ich selbst Rektorin der Schule.

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Welche drei Eigenschaften muss ein Mensch mitbringen, wenn er mit Kindern in Ihrer Schule arbeiten möchte?

Man muss die Arbeit mit Kindern mögen, das eigenständige Arbeiten und vor allem muss man die Arbeit von seinem Privatleben gut abgrenzen können. Kinder mit Behinderung oder Autismus zu unterrichten, das ist nichts, was man um des Geldes willen macht. Man braucht dazu eine Beziehung, anders würde man das nicht lange aushalten. Es ist außerdem unerlässlich, dass man die Arbeit nicht nach Hause nimmt. Man muss sich zu Hause ausruhen können, um am nächsten Tag wieder voller Energie zu starten. Auch wichtig ist ein gutes Team, was wir, meiner Meinung nach, hier haben. Unser Alltag ist sehr anspruchsvoll, wir sind eine große Schule, wir könnten nicht funktionieren, wenn wir nicht miteinander auskommen würden.

Haben Sie in der Zeit eine Krise erlebt?

Die ursprüngliche Schule bestand aus Containern. Das war nichts Schönes. Und so passierte uns einmal dieses: Ohne dass sie sich bei uns erkundigt hatten, zogen Eltern mit ihrem autistischen Jungen nach Merklín. Davor lebten sie über 100 Kilometer entfernt in einer Stadt. Ein Berater hatte ihnen unsere Schule empfohlen. Sie verkauften ihr Haus und kamen in unsere Gegend. Als sie dann zum ersten Mal unsere Schule sahen, haben sie ziemlich direkt gesagt, wie schrecklich die Schule aussieht.  Das war so ein letzter Impuls dafür, dass wir anfingen das Gebäude richtig zu restaurieren und zu erweitern. In dem ersten Gebäude hatten wir bereits nur schwerlich genug Platz. Wir haben ein Projekt ausgeschrieben, gebaut auf EU-Mitteln, nur dass sie in der Zeit alle Mittel einstellten, weil es den Verdacht gab, dass Gelder unterschlagen wurden.

Das mühsam vorbereitete Projekt landete in der Schublade. Am Ende hat uns die Diakonie mit ihrem damaligen Leiter David Šourek und das schweizerische Hilfswerk HEKS geholfen. Die Schule haben wir umgebaut. Nicht direkt nach den ursprünglichen Vorstellungen, aber auf der anderen Seite war das so ein Durchbruch, der uns weiter antrieb – es begannen immer mehr Kinder zu uns zu kommen und heute ist das so, dass wir die Schule weiter und weiter bauen können. Zu uns kommen Kinder aus allen Richtungen.

Das Beispiel, dass eine Familie über hundert Kilometer bis zu ihnen nach Merklín zieht, ist das einmalig oder kommt das häufiger vor?

Wir haben drei solcher Fälle. Wir sind dafür bekannt, dass wir Kinder gern mögen und sie nicht wegen schwierigen Formen von Autismus ablehnen. Darin sind wir uns durch alle Entwicklungen und alle Veränderungen auch immer treu geblieben, seit dem Jahr 1994. Seit der Zeit sind wir weithin bekannt.

Adam Šůra