Was wir nicht vergessen wollen

2.6.1990 fSeit der Samtenen Revolution, die am 17.11.1989 begonnen hat, sind 30 Jahre vergangen. Das ist ein bedeutender Meilenstein und darum ein guter Grund, warum wir uns diesem Jahr dem Jubiläum mehr widmen, als wir es in den vergangenen Jahren getan haben. Die Nachricht von der Demonstration auf der Nationalstraße (Národní třída) in Prag am 17.11.1989 verbreitete sich schnell in der ganzen Welt und brachte weitere unerwartete Ereignisse in Gang, die sich auf einmal über die ganze Republik ausweiteten und schließlich zur Befreiung von der Kommunistischen Diktatur führten.

Warum aber hat diese spontane Demonstration genau an diesem Tag stattgefunden?

Der 17. November ist seit dem Jahr 1941 der internationale Tag der Studenten. Den Grund dafür muss man paradoxerweise genau in unserem kleinen Land suchen: Im Jahr 1939, nach großen Studentenprotesten gegen die Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis, wurden auf Bestimmung des Reichsprotektors am 17. November alle tschechischen Hochschulen geschlossen. Studenten und Dozenten wurden inhaftiert, neun Studenten wurden erschossen, 1200 Studenten wurden ins KZ Sachsenhausen deportiert.

Zu einer symbolischen Person dieser grausamen Zeit wurde der Student Jan Opletal. Bei einer Demonstration im Herbst 1939 wurde er angeschossen und nach 14 Tagen starb er. Sein Beerdigungszug fand im Prager Stadtviertel Albertov statt, an dem Ort, wo das Treffen einberufen wurde, das genau 50 Jahre nach der Nazi-Herrschaft an das Jahr 1939 erinnern sollte.

14.12.1989

Dort begann also 1989 der friedliche Marsch, ausgehend von Albertov bis zur Nationalstraße, wo aber die Polizei, damals die sog. Öffentliche Sicherheit, die Demonstranten hart mit Knüppeln auseinandertrieb.

Obgleich so hart gegen die Demonstration vorgegangen worden war, konnte auf einmal der Lauf der Dinge nicht mehr aufgehalten werden, die Demonstrationen wiederholten sich Tag für Tag und es begann die sog. Samtene Revolution, die zum definitiven Ende der Herrschaft der Kommunisten in der Tschechoslowakei führte. Nach 40 Jahren der Unfreiheit wurde zu der ersten demokratischen Wahl des Präsidenten aufgerufen, welche Vaclav Havel gewann.

2.6.1990 dGern erinnern wir uns hier aber auch an die Synode der EKBB, die an eben jenem Freitag, dem 17. November stattfand. Nach der gewaltvollen Auflösung der Demonstration kamen später am Abend evangelische Jugendliche zu der Versammlung der Synode und berichteten, was auf der Nationalstraße passiert war. Der damalige Synodalsenior Josef Hromádka schrieb sofort einen Protestbrief an den Regierungsvorsitzenden Ladislav Adamec, es war überhaupt der erste offizielle Protest im ganzen Land, allerdings ohne fühlbare Folgen. Die EKBB blieb aber auch in den weiteren Tagen, Wochen und Monaten im Zentrum der Geschehnisse, und hat zur Gründung einer demokratischen Gesellschaft entscheidend beigetragen.

Und weil wir dieses Jahr das bedeutende 30-jährige Jubiläum dieser Ereignisse feiern, haben wir seitens der Kirche eine Homepage mit dem Titel: 30-Freiheits-Jahre gestaltet. Über das ganze Jahr möchten wir auf dieser Homepage an die Geschichte erinnern, die festgehalten werden soll. Es werden dort zeitgeschichtliche Materialien zusammengesammelt, Berichte von Ereignissen, Erinnerungen, Videos und Fotos, alles, was an die berührende Zeit erinnert und was es wert ist, geteilt zu werden. Es geht uns darum zu dokumentieren, wie der Übergang zu der freiheitlichen Gesellschaft gerade in den Gemeinden der EKBB vor sich gegangen ist. Die Beiträge kommen von evangelischen Gemeinden der ganzen Republik, es schreiben uns Pfarrer, die 1989 im Dienst waren, es erinnern sich auch Gemeinderatsmitglieder. Solche gewichtigen Momente unserer Geschichte dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Prof. Jan Heller, ein bedeutender tschechischer Theologe, sagte einmal in diesen bewegten Tagen: „Dass in diesen revolutionären Tagen niemand sein Leben lassen musste, das ist für mich ein eindeutiges Zeichen eines Wunders.“

 Jana Plíšková, Photos Pavel Capoušek