Professor Petr Pokorný (1933–2020)

9.Petr Pokorný_cb (2)In den frühen Morgenstunden des 18. Januar 2020 starb Petr Pokorný, Professor für Neutestamentliche Studien an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karlsuniversität, im Alter von 86 Jahren im Kreise seiner Familie. Mit ihm verloren die Fakultät und die Kirche einen herausragenden und beliebten Lehrer, einen scharfsinnigen Forscher von internationalem Ruf und einen unermüdlichen Organisator wissenschaftlicher Arbeit, dessen tiefgreifende Gelehrsamkeit in Bibelstudien, Theologie, Philologie und Philosophie mit der freundlichen und offenen Gewissheit eines Zeugen des christlichen Glaubens verbunden war.

Petr Pokorný wurde am 21. April 1933 in Brünn geboren. Nach seinem Theologiestudium an der Evangelisch-Theologischen Comenius-Fakultät (heute Evangelisch-Theologische Fakultät der Karlsuniversität) wurde er 1958 ins Amt eines Pfarrers der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder eingesetzt, und von da an diente er bis 1967 der Kirche als Hilfspfarrer und Pfarrer in Prager Gemeinden. Während dieser Zeit studierte er auch koptische Sprache und griechische Literatur in Prag und Wien und verbrachte ein Semester zu einem Aufbaustudium in Oxford. 1963 verteidigte er seine Doktorarbeit und 1967 seine Habilitationsschrift, in beiden Fällen nach mehrjähriger Verzögerung seitens der kommunistischen Behörden.

Ab 1968 unterrichtete er als Assistent und späterer Nachfolger seines Lehrers Josef Bohumil Souček neutestamentliche Bibelkunde an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Prag und wurde 1972 zum Professor ernannt. In der Zeit von 1996 bis 1999 war er Dekan der Fakultät. Er war Gastprofessor an mehreren ausländischen Universitäten (Greifswald, Pittsburgh, Tübingen, St. Petersburg) und wurde von den Universitäten in Bonn, Budapest und St. Petersburg mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Er war aktives Mitglied in einer Reihe führender akademischer Organisationen, insbesondere der Studiorum Novi Testamenti Societas und der Gelehrten Gesellschaft der Tschechischen Republik, deren Präsident er war. Ein wichtiges Ergebnis seiner Bemühungen um eine Zusammenarbeit in der Forschung ist das Zentrum für Bibelstudien, das der Karlsuniversität sowie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften angehört, das er 1998 gründete und von 2001 bis 2010 leitete.

9.Petr Pokorny foto iForumDie Forschungsinteressen von Professor Pokorný waren breit gefächert. Allgemein umschlossen sie die literarische und theologische Interpretation der neutestamentlichen Schriften und anderer zeitgenössischer Texte, im Speziellen die synoptischen Evangelien und deuteropaulinischen Briefe, den Gnostizismus sowie die Person und Bedeutung Jesu von Nazareth. Er war Mitglied des Übersetzerteams, das in den 1970er Jahren die tschechische ökumenische Übersetzung der Bibel erstellte.

Neben seiner Lehr- und Forschungsarbeit hörte Petr Pokorný nicht auf, praktizierender Theologe zu sein. Er war nicht nur ein akademischer Lehrer, sondern auch ein Prediger und zum Nachdenken anregender Interpret biblischer Texte, der Vorträge über theologische, historische und philosophische Fragen für kirchliche Kreise und die breite Öffentlichkeit hielt. In seiner eigenen Kirche war er Mitglied des theologischen Komitees und trug zum Gesangbuch seiner Kirche bei, indem er Texte für mehrere Kirchenlieder verfasste.

Als er vor einigen Jahren in den Ruhestand ging, sah er dies als Rücktritt von leitenden Funktionen und nicht als Rücktritt von der Arbeit. Bis zu seinem Tod spielte er eine aktive Rolle im Leben der Fakultät, hielt Vorlesungen und betreute mehrere Doktoranden. Im November 2019 hielt er die Predigt beim Festgottesdienst zum hundertsten Jahrestag der Gründung der Fakultät.

Er wird der Fakultät, seiner Kirche und natürlich seiner Familie sehr fehlen.

Daniela Ženatá