Sie alle bewegen sich einfach nur. Interview mit Tomáš Jun

2.17 (2)Es öffnet mir ein etwas legerer, höflicher junger Mann mit einer Zigarette zwischen den Fingern, gefolgt von einem großen, gutmütigen Hund.  Tomáš Jun ist ein Pfarrer am Beginn seines Dienstes wie andere. Nur, dass er sich für die Kirchengemeinde in Ústí nad Labem (Aussig an der Elbe) entschieden hat, deren Situation sich rasant verändert. Alles deutet jedoch gerade darauf hin, dass es die richtige Entscheidung war. Im Vergleich zur Vergangenheit sind die Aussichten ziemlich hoffnungsverheißend. Tomáš Jun hat evangelische Theologie studiert. Das Vikariat absolvierte er im Prager Stadtteil Libeň und 2018 wurde er in Ústí nad Labem in sein Amt eingeführt. Gemeinsam mit ihm zogen seine Frau, Absolventin des Studiums der pastoralen und sozialen Arbeit an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karlsuniversität, und seine zwei, noch sehr kleinen, Söhne um. Die Villa, welche das evangelische Pfarrhaus beherbergt, ist uralt. Im Amtszimmer hängen ein paar Fotos, eins davon von einer Konfirmation Anfang der 1950er Jahre. Es waren damals 50 Konfirmanden und die Gemeinde hatte insgesamt an die 4000 Gemeindeglieder (!). Zehn Jahre später waren es schon nur noch ein Zehntel so viel.

Wie war Ihr erster Eindruck von der Gemeinde in Ústí?

Der Gemeindekern ist verschwunden. Es gibt seit acht Jahren keinen Ältestenrat und eine Gemeinde ohne Älteste ist keine Gemeinde, denn sie hat keine Leute, die sich um sie kümmern. Es gab da mehrere Negativfaktoren. Zum Beispiel war während der ganzen Ära des Sozialismus das Gebäude der Staatssicherheit direkt gegenüber unserer Kirche, die wir uns mit der hussitischen Gemeinde teilen.

Deshalb hatten wohl einige einfach Angst, überhaupt zu kommen.

2.19 (2)Als ich bei einigen Senioren nachgefragt habe, meinten sie, sie wollten damals nicht, dass ihre Kinder Probleme bekommen. Ja, die Gemeinde hatte 4000 Mitglieder, aber diese hatten keinen großen inneren Zusammenhalt, es waren Leute, die nach dem Krieg hergekommen waren, nach der Vertreibung der Deutschen. Sie kannten sich nicht. Kirchenbesuche waren in der Arbeit nicht gern gesehen. Kein Wunder, dass die Mitgliedszahlen gesunken sind.

Und was ist mit der Stadt an sich?

Das kommt auf den genauen Ort an. Einige Örtlichkeiten hier sind grauenhaft.  Předlice, Střekov- tausende Leute, die in für uns unverständlich ärmlichen Verhältnissen leben. Die Löhne in Nordböhmen sind um ein Vielfaches niedriger als in Prag, da wohnen außerdem viele Roma, welche nur Hilfsarbeit, Arbeit ohne Bildungsabschluss, zum untersten Mindestlohn leisten. (Anm. der Übersetzerin: seit Januar 2020 erhöht auf 3,40€ pro Stunde) Vor dem Zweiten Weltkrieg war Ústí eine ungeheuer reiche Stadt. Und deshalb gibt es natürlich auch noch wunderschöne alte Villenviertel, wie unsere Pfarrei. Die Stadt hat mehrere Wunden. Eine ist die einschneidend hohe Anzahl von Vertreibungen- von 62 000 Einwohnern wurden 50 000 vertrieben. Es gab hier auch eine große jüdische Gemeinde, die ermordet wurde. Und dann wurde Ústí im April 1945 massiv bombardiert, das ganze Altstadtzentrum lag in Trümmern. Die Hauseigentümer wurden vertrieben und es wurden Neubauten errichtet.

Sie wussten, was Sie hier erwartet. Wie wollen Sie damit umgehen? Haben Sie sich Sorgen gemacht? Oder hat Sie gerade das Risiko gereizt?

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Ich bin schon nicht mehr so jung, als dass mich ein Abenteuer reizte. Es geht mir darum, dass es wenige Pfarrer gibt und, meiner Meinung nach, sollten die dorthin, wo es am meisten brennt. Wo sonst sollte man das Evangelium verkünden als in Nordböhmen, wo nur wenige Leute gläubig sind, wo es genug schlechte Neuigkeiten und viel Hoffnungslosigkeit gibt? Ich möchte nicht in eingefahrene Denkmuster geraten- wie mir der Ort gefällt, wie die Pfarrei ist, wieviel Mitglieder es gibt…es ist nötig, von diesen traditionell evangelischen Positionen wegzukommen, zu einer Kirche, die nach außen hin offen ist, die die Fähigkeit hat, „Suchende“ anzuziehen, wie Tomáš Halík sagt. Ich sage aber nicht, dass ich weiß, wie das geht.

 Angebote hatten Sie aber wahrscheinlich mehrere, oder?

Sicher, der Überdruck war riesig, Anfragen kamen aus 17 Kirchengemeinden und bei den anderen Kollegen im Vikariat war das ziemlich ähnlich.

Warum hat die Anzahl der Pfarrer, auch der Theologiestudierenden so abgenommen? In der kommunistischen Ära war es paradoxerweise besser.

Ich würde sagen, dass glauben heute nicht gerade trendy ist. Vor der Revolution ging viel über den Widerstand gegen das Regime. Aber jetzt? Der Meinung vieler Leute nach, ist man als Gläubiger irrational, oder gar dumm. Wenn man in der heutigen konsumorientierten und, zumindest scheinbar, rationalen Zeit diesen Stempel aufgedrückt bekommen hat, ist man abgeschrieben. Es braucht viel Unterstützung- von den Leuten und von Gott. Die Leute haben von der Evangelisch-Theologischen Fakultät ein verzerrtes Bild, es ist wirklich nicht so einfach. Mit dem Studium haben, auch mit Fernstudenten, mit uns 70 angefangen und zehn haben das Studium tatsächlich abgeschlossen.

Studenten schließen ein Theologiestudium ab und dann kommt nichts?

Ja, zu den Studienzeiten meiner Mutter wurden alle Absolventen danach Pfarrer. Heute sind es nur noch die Hälfte. Selbstverständlich hat das auch mit der Bezahlung zu tun. Aber vielleicht auch eine gewisse Verunsicherung – sollte ich Pfarrer werden, wer weiß, wie die Kirche in zehn Jahren aussehen wird? Aber mir erscheint tatsächlich schlimmer als der Pfarrermangel, wie die Evangelische Jugend abnimmt. Als ich auf unserem jährlichen Jugendtreffen war, waren wir um die 1000, heute sind es 500. Ich denke, dass unsere Kirche nicht in der Lage ist, mit jungen Leuten zu arbeiten, sie nimmt sie nicht wahr.

Kann man feststellen, ob es in der Zeit seit Sie da sind, sichtbare Veränderungen gibt? Etwa an der Anzahl der Menschen im Gottesdienst?

In der ersten Hälfte des Jahres 2018 kamen im Durchschnitt acht Leute. Ich bin im Oktober gekommen, zum Jahresende waren es schon 23 im Durchschnitt. Es freut mich auch, dass ich drei neue junge Männer in Taufvorbereitung habe und dass sie mit ihren Familien zu uns kommen. Ich muss dazusagen, dass einige Leute aus anderen Kirchen zu uns gekommen sind. Aber ich meine nicht, dass dies allein mein Verdienst sei.

Die Gemeinde in Usti ist ein „geförderter Ort“. Was genau bedeutet das?

Das betrifft in erster Linie den Personalfonds. Wenn eine Gemeinde nicht in diesen Fonds einzahlen kann, kann sie Unterstützung beantragen, diese muss allerdings von der Synode genehmigt werden. Die Förderung läuft für vier Jahre, danach kann sie weitergenehmigt werden.

Und was ist mit dem fehlenden Ältestenrat?

Dafür haben wir eine Verwaltungskommission gebildet. Sie tagt hier in Ústí nad Labem einmal im Monat, sie hat neun Mitglieder. Um einen Ältestenrat zu konstituieren, braucht man sechs Leute, die sich über sechs Jahre lang verpflichten und dazu noch zwei Vertreter. Dieses Jahr wird der aber nicht zustande kommen.

2.DSC05066Offensichtlich schaffen Sie das hier gut. Gibt es noch etwas, womit Sie nicht gerechnet hatten, was Sie irgendwie stört?

Den Großteil meiner Zeit rauben mir Tätigkeiten, die nichts mit dem Pfarrersein zu tun haben. Das sind Dinge, die das Gemeindeleben schrecklich ausbremsen. Über den Tag telefoniere ich, im Monat an die 40 Stunden, ich bin auf dem Bau und manchmal muss ich auch auf unsere beiden Jungen aufpassen. Und der Papierkram! Das ist wirklich enorm viel. Deshalb schreibe ich meine Predigten meistens Samstagnacht, gehe um fünf Uhr früh schlafen. In der Tat findet die eigentliche Pfarrertätigkeit nachts statt.

Sind Sie froh, dass Sie sich entschlossen haben, hierher zu kommen? Bereuen Sie etwas?

Ganz und gar nicht! Ich denke, ich bin dort, wo ich sein soll. Als niemand anderes hierher wollte, wollte ich. Und ich sehe, dass es gut ist, Hoffnung liegt in der Luft. Es kommen Leute, die schon lange nicht mehr hierher gekommen sind, es gibt neue Gesichter. Die Hauptsache ist, einen Gemeindekern zu bilden, der sich um die Kirche kümmert. Ich glaube, dass es in 15 Jahren eine starke Kirche geben wird und jeder hierher kommen wird.

Jana Plíšková