Wie leben Protestanten in Schottland

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

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Boreland

im August 2019 wurde ich im Rahmen der zwischenkirchlichen Zusammenarbeit von der EKBB in die Kleinstadt Lockerbie in Schottland entsendet, wo ich seitdem als Pfarrer für die Church of Scotland arbeite. Nur allzu gern würde ich mit meiner Familie bis Ende August 2021 hier bleiben – sofern das Coronavirus uns das ermöglicht.

Die Church of Scotland war über mehrere Jahrhunderte eine der bedeutendsten Kräfte in der Gesellschaft. Sie war ursprünglich aufgebaut wie unsere katholische Kirche und trug maßgeblich zur Meinungsbildung praktisch aller Einwohner Schottlands bei. Doch das Ende des 20. Jahrhunderts brachte eine allmähliche Abwendung von der Kirche mit sich und zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde sie sogar höflich aber bestimmt aus dem öffentlichen Leben verdrängt, beginnend mit der Politik von Schulwesen und Bildung über gesellschaftliche Institutionen bis hin zum Hochzeits- und Beerdigungsgeschäft. Das alles lässt sich heutzutage auch ohne kirchliche Räume und Predigt gestalten. Die überwiegende Mehrheit der Einwohner, auch derjenigen, die die Sonntagsschule besuchten, nimmt die Kirche nicht als lebendige Gemeinschaft wahr, sondern vielmehr als ehrwürdige Institution, die sich der Vergangenheit widmet und verschiedene Jubiläen und Jahrestage begeht – also als eine Institution, die ihnen nicht viel für ihr eigenes Leben und ihre eigenen Probleme anbieten kann. Erinnert Sie das an etwas?

Im Grundsatz werden hier dieselben Probleme gelöst, wie auch in der Kirche der Böhmischen Brüder, nur in wesentlich größerem Ausmaß: Der Mangel an Pfarrern und Finanzen und damit verbunden der rapide Rückgang der Menschen in der Kirche. Eine Kirche steht fast in jedem Dorf, aber nur selten findet sich eine engagierte Gemeinschaft, die es schafft die alternden (gar verfallenden) Gebäude angemessen zu nutzen und Instand zu halten.

Aber man muss sagen, dass sich die Schottische Kirche diesen Herausforderungen aktiv stellt. In der top-down Richtung hat die General Assembly (Synode) im letzten Jahr über eine grundlegende Umstrukturalisierung entschieden (Zusammenlegung von Gemeinden und Senioraten, Umorganisation der Zentrale etc.). So wurde die Anzahl der heimischen und ausländischen Seniorate von 46 auf 13 (!) gekürzt.

In der Kirchenzentrale existiert eine Abteilung für Mission und Kirchenaufbau, die sich bei Weitem nicht mit Überseemission befasst, sondern viel mehr Programme erarbeitet, die die Gemeinden beleben und verjüngen sollen.

In der bottom-up Richtung gibt es in der Kirche mehrere Förder- und Bildungsaktivitäten. Eine davon ist das zukunftsgewandte sogenannte Futurefocus-Programm, eine Diskussionsplattform, die nur selten von den unbequemen Fragen des wackeren Moderators belebt wird. Ziel des ganzen Programms ist es, die einzelnen Gemeinden dazu anzuregen genau zu definieren, was sie ihrer Umgebung eigentlich anbieten können. Eine weitere Herausforderung, die die Kirche bewusst angeht, ist das Christentum im Dschungel der Massenmedien und in der Flut der elektronischen Information. Dabei ist es ermutigend zu sehen, dass auch in Zeiten des Gemeindesterbens es doch Gemeinden gibt, die geradezu aufblühen. Sie schaffen es den Bedürfnissen, Möglichkeiten und der Kultur der Menschen gerecht zu werden. Ein Beispiel dafür ist die Umgestaltung von Gottesdiensträumen mit Hilfe von moderner Technik oder Musik, was der heutigen Mehrheitsbevölkerung deutlich zugänglicher ist. Ein bekanntes Beispiel dafür ist eine Gemeinde in Glasgow, die eine verlassene Kirche zu einem Café mit Gebetsraum umgebaut hat. Die Menschen kommen auf Kaffee und Kuchen hierher und lauschen dabei einer Predigt, einem Interview oder Musik, bringen sich in Gottesdienste ein oder helfen bei einer von den unzähligen sozialen Aktionen der Kirche.

Und ich sitze gerade im Warmen einer viktorianischen Pfarrei, hinter den Fenstern hat sich der Orkan Sabine langsam gelegt, der uns gestern Nacht einen Baum im Garten umgeweht hat und möchte mit Ihnen meine Eindrücke der letzten sechs Monate teilen.

Lockerbie ist weltberühmt. Es ist vielleicht eine der bekanntesten Kleinstädte auf der Welt und das aus einem betrüblichen Grund: Am 21.12.1988 explodierte hier (wegen lybischer Terroristen, tschechischem Semtex und erheblicher Verspätung) genau über der Stadt ein Flugzeug der amerikanischen Gesellschaft PANAM mit 250 Fluggästen an Bord, davon ein Großteil Studenten, die Weihnachten zu Hause verbringen wollten. Das größte Stück des Flugzeugs landete etwa 300m entfernt von der Pfarrei, zerstörte mehrere Häuser und erschlug weitere 11 Menschen. Das Ereignis ist in Lockerbie bis heute spürbar, früher oder später kommt man in jedem Seelsorgebesuch darauf zu sprechen.

„Meine“ Pfarrgemeinde Dryfesdale, Hutton and Corrie ist nicht weltbekannt. Eigentlich kennen sie nur Menschen in Lockerbie und naher Umgebung und das auch nur sehr oberflächlich. Gottesdienste gibt es jeden Sonntag, an jedem zweiten und vierten Sonntag auch in Boreland, einem Dorf etwa 12km von Lockerbie entfernt. Früher war hier eine eigene Pfarrei, sie wurde vor ca. 30 Jahren der großen Gemeinde angeschlossen – zu wenig Mitglieder und mangelnde Finanzen. An den Hauptgottesdiensten nehmen in etwa 70 Menschen teil, nach Boreland kommen etwa 20 Gläubige – wenn die Berge nicht verschneit sind und die Straßen nicht überschwemmt.

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Dryfesdale Church, Lockerbie

Die Kirche in Dryfesdale, im Tal des Flusses Dryfe gelegen, steht mitten in der Stadt und gleichzeitig mitten auf einem alten Friedhof. Beerdigungen sind hier die häufigsten kirchlichen Dienste. Allein im letzten Monat hatte ich mehr Beerdigungen als bei uns in Orlová (Schlesien) in den letzten fünf Jahren zusammen.

Neben Gottesdiensten und Beerdigungen finden allerdings in der Kirche oder auf der anderen Straßenseite in der ChurchHall (Gemeindehaus) viele verschiedene weitere Aktivitäten statt. Die Räumlichkeiten werden von unterschiedlichen Gemeindegruppen benutzt – zum Beispiel von der Frauenbewegung „Guild“ oder von einem Freundeskreis, der sich ab und zu zum Quiz trifft, aber hauptsächlich unter Begleitung von zwei Akkordeonspielern und einer begeisterten Geige zu schottischen Volksliedern das Tanzbein schwingt. Das Altersdurchschnitt der Band liegt bei 85 Jahren, der von den Tänzern vielleicht noch höher, aber dadurch lässt sich keiner den Spaß an der Sache nehmen. Vor Weihnachten, das sei noch kurz erwähnt, nahmen für einige Tage die hiesigen Schüler die Kirchenräume in Beschlag – von Kindergarten bis Mittelschule waren alle dabei.

Außerdem darf nicht vergessen werden, dass die Kirche in Schottland traditionell Dreh- und Angelpunkt von sehr vielen unterschiedlichen sozialen Projekten ist – von der Unterstützung missionarischer Organisationen über Hilfe für Obdachlose, Alleinverdiener, tödlich an Krebs Leidenden… Es lässt sich sagen, dass die schottische Mentalität absolut nicht geizig, sondern im Gegenteil sehr freigiebig ist. Schotten sind höchst erfinderisch darin Wege zu finden, wie sie eine gute Sache unterstützen und dabei viel Spaß haben können.

Das Zusammenleben mit den Protestanten in Schottland ist ein interessantes Abenteuer und eine spannende Inspiration, für die ich sehr dankbar bin. Vielleicht erreicht auch Sie ein bisschen von diesem frischen Wind, der uns hier um die Nase weht. Gott sei mit Euch!

Štěpán Janča