Die EKBB in Zeiten der Corona-Krise

20200521_164124Ende Mai 2020 erwacht das gesellschaftliche Leben in Tschechien langsam wieder – nach drei Monaten im Ausnahmezustand, der weite Teile des Lebens auch in Tschechien lahmgelegt hat. Auch wenn die Pandemie von Covid-19 sicher noch lange nicht besiegt ist, wird schon einmal bilanziert. Was hat das Coronavirus verändert? Wird es langfristige Veränderungen geben, die durch dieses Virus nötig werden? Viele Fragen lassen sich nur vorläufig oder noch gar nicht beantworten. In diesem Beitrag möchte ich mich auf einige Beobachtungen im Zusammenhang mit der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) beschränken. Wie ging der EKBB mit der Krise um?

Die ersten Fälle von Covid-19 wurden in Tschechien am 1. März 2020 festgestellt. Am 31. Mai 2020 liest sich die Statistik in Tschechien folgendermaßen: 9 233 Menschen wurden vom Coronavirus infiziert, 6 546 Menschen wurden inzwischen geheilt und 319 Menschen sind im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben. 2 368 Menschen kämpfen gegenwärtig mit der Krankheit, 123 Erkrankte werden im Krankenhaus behandelt. Natürlich ändern sich diese Zahlen jeden Tag. Doch kann man wohl sagen, dass sich die statistische Bilanz in der Tschechischen Republik sehen lassen kann, auch wenn es deutlich günstigere Statistiken gibt, wie zum Beispiel aus der benachbarten Slowakei. Sicher haben viele Faktoren zu diesem relativ günstigen Ergebnis beigetragen: das relativ schnelle Handeln der tschechischen Regierung, die hervorragende Arbeit des Personals im Gesundheitswesen und in sozialen Einrichtungen und insgesamt eine disziplinierte Bevölkerung, die sich im Wesentlichen an die strikten Maßnahmen und Einschränkungen des Lebens gehalten hat. Zur hohen Akzeptanz der Einschränkungen haben sicher die Szenarien mit erschreckend hohen Zahlen von Verstorbenen aus Italien, Spanien, USA und Großbritannien beigetragen, die regelmäßig in den tschechischen Medien präsentiert wurden. Nein, so etwas sollte es in Tschechien nicht geben! Und solche Szenarien hat es hier auch nicht gegeben.

20200517_091148„Während der Corona-Krise haben wir uns bewusst gemacht, auf was es wirklich ankommt im Leben und in unserer Kirche“ sagt Daniel Ženatý, der Synodalsenior der EKBB, in einem Gespräch über die Erfahrungen in dieser Krise. Im Blick auf die Reaktion der EKBB auf die Corona-Krise möchte ich drei Dimensionen nennen. Auf was kommt es uns als Kirche an? 1. Dass wir Gottes Wort für alle Menschen verkündigen und die Gemeinschaft in unseren Gemeinden pflegen. 2. Dass wir die Menschen, die es brauchen und möchten, begleiten. 3. Dass wir den Menschen, die Hilfe brauchen, auch ganz praktisch helfen.

Das wir Gottes Wort für alle Menschen verkündigen und die Gemeinschaft in unseren Gemeinden pflegen

Im Rahmen des Ausnahmezustands, der am 12. März 2020 ausgerufen wurde, war es untersagt, Gottesdienste in den Kirchen und Bethäusern zu feiern. So mussten sich die Gemeinden neue Wege einfallen lassen, wie man verkündigen kann, ohne sich unter der Kanzel zu versammeln. Neben der Möglichkeit, eine gedruckte Predigt in die Haushalte der Gemeindeglieder zu versenden, war dies vor allem die Chance des Internets. Man kann wohl zu Recht behaupten, dass das Coronavirus die Kirchen gezwungen hat, die Möglichkeiten des Internet zu nutzen. Gottesdienste wurden on-line gesendet, und zwar in vielen verschiedenen Formaten: vom youtube-Gottesdienst, der an die Gemeindeglieder versandt wurde bis hin zu online-Gottesdiensten über Skype, Zoom oder eine andere Plattform, an denen die Gemeindeglieder aktiv teilnehmen und miteinander Gemeinschaft halten konnten, auch wenn sie sich nicht zum Gottesdienst in der Kirche versammeln durften. Einige Pfarrerinnen und Pfarrer haben mir berichtet, dass auf diese Weise der Gottesdienstbesuch an den Bildschirmen wesentlich stabiler war als in der Kirche. Ein Pfarrer erzählte: „Im Gottesdienst sind in der Regel dreißig bis vierzig Personen, in den letzten Wochen haben manchmal dreihundert Menschen meine Predigt im Internet gehört. Deshalb werden wir die Predigt auch weiterhin aufnehmen und am Sonntagvormittag senden, wenn auch in vereinfachter Form. Und danach steht die Predigt im Archiv der Homepage der Gemeinde, so dass man jederzeit noch die Predigten hören kann.“ Dieser Pfarrer sieht in diesen digitalen Möglichkeiten auch eine große missionarische Chance, wenn die Gemeindeglieder die Einladung verbreiten, sich die Predigt des Pfarrers anzuhören. Ähnlich sieht dies auch Martin Balcár in der Zentralen Kirchenkanzlei der EKBB. „Die Homepage der EKBB (www.e-cirkev.cz) ist sehr viel lebendiger geworden. Wir haben jeden Tag ein neues Wort der Hoffnung einer Pfarrerin oder eines Pfarrers der EKBB. Und über die Woche sind es ca. 500 Menschen, die sich diese Worte der Hoffnung, Kurzpredigten von fünf bis zehn Minuten Länge, anhören. Wir haben festgestellt, dass sich auch viele Menschen, die nicht Glieder unserer Kirche sind, diese Botschaften anhören.“ Ein gutes Echo finden auch die Gebete, die jeden Tag von einem Laien für die Homepage der EKBB geschrieben werden. Und daneben gibt es auf der Homepage noch vieles andere zum Lesen und zum Anhören, aber auch zum Ansehen. „Durch die intensive Nutzung des Internet zur Verkündigung ist die Kirche im 21. Jahrhundert angekommen“ sagt Pavel Hošek, Professor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karlsuniversität. Es wäre sehr zu wünschen, dass diese digitale Dimension kirchlicher Aktivität erhalten und stark bleibt, auch wenn jetzt Gottesdienste, Bibelstunden und weitere Veranstaltungen wieder real in den Gemeinden stattfinden können. Doch es bietet sich an, dass manche On-line-Sitzung auch weiter digital geschieht, um viel Zeit und Aufwand auf der Straße oder in der Bahn zu sparen. Freilich ist es auch wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass gerade viele Ältere keinen Zugang zum Internet haben und auch nicht haben wollen. Und wichtig ist auch, dass die digitale Kommunikation in keinem Falle den persönlichen menschlichen Kontakt ersetzen kann. Die persönliche Begegnung von Mensch zu Mensch ist auch im digitalen Zeitalter grundlegend für das menschliche Zusammenleben.

Dass wir die Menschen, die es brauchen und möchten, begleiten

Für manche Menschen waren die strikten Kontaktbeschränkungen ein riesiges Problem, das ihre Einsamkeit noch wesentlich vertieft hat. Darauf haben Gemeinden reagiert, indem sie einen Telefondienst eingerichtet haben: Pfarrer und Gemeindeglieder haben regelmäßig bei anderen Gemeindegliedern angerufen und haben sie wenigstens per Telefon besucht und begleitet, zugehört und wohl auch manchen guten Rat gegeben. Ein Besuchsdienst ist in der christlichen Gemeinde nichts Neues. Dazu regt uns schon Jesus an, doch vielleicht kann sich auch etwas von diesen Telefon-Besuchen in Zukunft erhalten, als eine Möglichkeit bei beschränkter Zeit doch Zeit für einander zu haben.

Dass wir den Menschen, die Hilfe brauchen, auch ganz praktisch helfen

Die praktische Hilfe für ältere und kranke Menschen war in Corona-Zeiten sicher keine Spezialität der christlichen Gemeinden und der Diakonie. Viele Bürgerinitiativen haben dazu aufgerufen, zu helfen. Und viele haben geholfen. Die erste große Hilfsaktion war das Nähen von Mund- und Nasenschutz, die sogenannten roušky. Das war eine richtige Hilfswelle, die in kurzer Zeit den großen Engpass an Mund- und Nasenschutz überwunden hat, der von einem Tag auf den anderen Pflicht wurde, und zwar immer und überall, abgesehen von der eigenen Wohnung. Gemeinden haben sich auch daran beteiligt und haben für die Gemeindeglieder und für andere diesen Mund- und Nasenschutz genäht. Inzwischen kann man ihn überall in den verschiedensten Formen kaufen, doch das war am Anfang ganz anders. Viele haben angeboten, für Ältere und Kranke einzukaufen, den Hund auszuführen oder anders für benötigte Hilfe zu sorgen. Auch das haben viele Gemeinden unserer Kirche organisiert – und nicht nur für die eigene Gemeinde. Und auch die Diakonie der EKBB hat ihre Hilfe angeboten und tut dies immer noch. Sei es durch ein zentrales Hilfe-Telefon, an das man sich mit allen Problemen wenden kann, und von wo aus dann konkrete Hilfe vermittelt oder organisiert wird. Auch dieses Angebot wird von vielen Menschen angenommen, nicht nur aus unserer Kirche. Bei Bilanzierungen wird immer wieder die Hoffnung geäußert, dass die große Bereitschaft menschlicher Solidarität in der ganzen Gesellschaft auch nach der Krise weitergeht.

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Das Coronavirus in seiner Unberechenbarkeit hat alle überrascht. Nach einigen schwierigen und schmerzlichen Monaten mit dem Virus und der Krankheit Covit-19 können die Epidemiologen, Mediziner und Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen schon viel mehr über das Virus und sein Verhalten sagen. Doch vieles ist auch noch ganz unklar. Wichtig ist, die Komplexität der Auswirkungen dieses Virus gründlich zu untersuchen. Der Schaden, den das Virus angerichtet hat, ist riesig. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Maßnahmen gegen das Virus werden noch lange zu spüren und werden Opfer fordern. Der Weg in eine „neue Normalität“ ist nicht einfach. Sicher wird uns das Virus noch lange beschäftigen. Die Kirchen tun gut daran, kritisch und solidarisch an der Gestaltung dieses Weges mitzuwirken, in der Begleitung von betroffenen Menschen, in der Diskussion, was für die Einzelnen und die Gesellschaft nötig und wünschenswert ist. Auch sollten wir uns in die Diskussion um die Lehren aus dieser Krise einbringen und die Chance nutzen, einen neuen Lebensstil zu suchen, der mit den Ressourcen der Erde schonender und achtsamer umgeht. Auf europäischer und auf weltweiter Ebene sollten wir gerade auch zwischen den Kirchen neu über die Chancen und Gefahren der globalisierten Welt nachdenken. Und denken wir dabei auch an die Menschen, die in Hunger und Armut leben, unter Ungerechtigkeit und Krieg leiden oder auf der Flucht sind.

Gerhard Frey-Reininghaus