Wir helfen auch im Ausland

11. IMG_5387Zu dem Interview trafen wir uns zu einer Zeit, als die Medien von den turbulenten Ereignissen an der türkisch-griechischen Grenze berichteten, die Massen von Migranten zu überqueren versuchten. Die Türkei soll sie sogar gewaltsam gezwungen haben, ihr Land zu verlassen. Dies ist ein heißes Thema für Erik Siegl und Kristina Ambrožová, denn Kristina steht an der Spitze des diakonischen Zentrums für humanitäre und entwicklungspolitische Zusammenarbeit, und Erik leitet die Auslandsabteilung dieses Zentrums.

 Kristina Ambrožová

Direktorin des Zentrums für humanitäre und entwicklungspolitische Zusammenarbeit der Diakonie der EKBB. Sie arbeitete in der Nichtregierungsorganisation YMCA als Außenbeauftragte.

Erik Siegl

Er arbeitete als Diplomat in Deutschland und der Türkei und ist Autor des Buches „Widerständige Demokratie“ über die heutige Türkei. Er leitet die Auslandsabteilung des Zentrums.

Das Zentrum für humanitäre und entwicklungspolitische Zusammenarbeit wurde 2011 gegründet und widmet sich als einziges diakonisches Zentrum der humanitären Arbeit und Entwicklungshilfe im Ausland. Seit 2012 unterstützt es etwa Flüchtlinge aus Syrien:

- In Jordanien wurde im Flüchtlingslager in Zaatari der Bau eines Kindergartens und des Gemeinschaftszentrums „Peace Oasis“ für Jugendliche und Erwachsene gefördert, wo sich etwa Sport- und Musikgruppen treffen und Fortbildungen stattfinden. Es gibt auch einen schattigen Sportplatz und einen Kinderspielplatz.

- Das im letzten Jahr eröffnete Gemeinschaftszentrum in der Stadt Zarqa funktioniert ähnlich.

- Im Libanon hilft die Diakonie den ärmsten Familien, die in einem Slum am Stadtrand von Beirut und im Winter auch in der Bekaa-Ebene leben. Die Hilfe ist hauptsächlich materiell: Es gibt Lebensmittelgutscheine, Milch für Kinder, Babywindeln. Für Neuankömmlinge steht ein Sozialfonds zur Verfügung, aus dem sie für ihre Grundausstattung etwa Matratzen, Decken oder einen Ofen beziehen können.

Was passiert eigentlich an der türkisch-griechischen Grenze?

11. SieglErik Siegl (ES): In der Türkei gibt es ungefähr vier Millionen Flüchtlinge und Migranten. Die meisten sind Syrer, die vor dem blutigen Konflikt in ihrem Heimatland geflohen sind, und die Türkei hat ihnen vorübergehend Asyl gewährt. Dies bedeutet zum Beispiel, dass sie freien Zugang zu Dienstleistungen wie Bildung oder Gesundheitswesen haben. Die Türkei bietet anderen Migranten aus Ländern wie dem Irak, Afghanistan oder Pakistan jedoch keine solche Absicherung und wird dies wohl auch zukünftig nicht tun. Diese versuchen also logischerweise, weiter nach Europa zu gelangen, wo sie Hoffnung auf Asyl haben.

Laut Medienberichten hat das jedoch zur Folge, dass türkische Sicherheitskräfte die Menschen geradezu aus dem Land vertreiben.

ES: Die Türkei scheint sie jetzt als eine Art Druckmittel zu benutzen. Sie hat ein Abkommen mit der Europäischen Union geschlossen, um illegale Überfahrten aus ihrem Hoheitsgebiet zu verhindern, und Europa soll im Gegenzug einen finanziellen Beitrag zur Unterstützung syrischer Flüchtlinge leisten und sogar eine kleinere Anzahl umsiedeln. Die Türken behaupten jedoch, dass die Europäer ihren Teil des Abkommens nicht erfüllen. Die Türkei ist ein sehr gastfreundliches Land, aber die wirtschaftliche Situation dort hat sich in den letzten zwei Jahren verschlechtert, und dadurch haben sich auch Einstellungen gegenüber Migranten und syrischen Flüchtlingen zugespitzt. Die türkische Regierung muss ihren Bürgern jetzt wahrscheinlich zeigen, dass sie die Angelegenheiten energisch lösen und Europa an die Wand drücken kann.

Die Diakonie versucht, Flüchtlingen in Ländern weiter östlich zu helfen – im Libanon und in Jordanien. Wie gut gelingt das?

11. AmbrožováKristina Ambrožová (KA): Dank der Unterstützung der tschechischen Regierung helfen wir Menschen, die durch den Krieg in Syrien in diese Länder gerieten und dort nun schon lange leben, manchmal acht oder neun Jahre. Konkret sind wir in Jordanien im Flüchtlingslager Zaatari engagiert und jetzt auch in der Stadt Zarqa, wo wir letztes Jahr ein Gemeinschaftszentrum eingerichtet haben. Außerdem arbeiten wir im Libanon in einem Armenviertel von Beirut, wo mittellose Libanesen und syrische Flüchtlinge zusammenleben. Wir sind zudem in der Bekaa-Ebene tätig, die sich gleich hinter der syrischen Grenze befindet.

Sie helfen nicht vor Ort, sondern organisieren die Hilfe. Was genau umfasst Ihre Arbeit?

ES: Wir haben vor Ort unsere Partnerorganisationen, die zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen, Gemeinschaftszentren oder Pfarreien sein können. Ein weiterer unserer Partner ist der Lutherische Weltbund. Die Teams, die vor Ort im Einsatz sind, setzen sich größtenteils aus Einheimischen oder auch Flüchtlingen zusammen. Sie haben den besten Überblick über die Situation und die Bedürfnisse. Wir in Prag schreiben dann einen Förderungsantrag, der meistens an das tschechische Außenministerium gerichtet ist, und wir kümmern uns um die gesamte damit verbundene Verwaltung und Kontrolle. Mindestens zweimal im Jahr reisen wir in die Länder, die durch unsere Vermittlung vom tschechischen Staat unterstützt werden, zu sogenannten Kontrollbesuchen, wodurch wir im Laufe der Zeit größere Kompetenzen und mehr Verständnis erlangen. Und natürlich versuchen wir auch, die Bedeutung der Auslandshilfe bei uns in Tschechien deutlich zu machen.

Wie gelingt Ihnen das? Der übliche Einwand lautet: Warum im Ausland helfen, wenn wir bei uns zu Hause genug ungelöste Probleme haben?

KA: Die Diakonie hat diese Entscheidung schon vor Jahren getroffen. Unser Zentrum wurde mit dem Gedanken gegründet, dass es an der Zeit sei, über die Grenzen hinauszublicken. Wenn Sie zum Beispiel in den Libanon reisen, werden Sie feststellen, dass selbst die ärmsten Menschen in unserem Land um ein Vielfaches besser leben als die große Mehrheit der syrischen Flüchtlinge dort. Deshalb ist es sinnvoll, im Ausland zu helfen.

Warum haben Sie sich für eine Arbeit bei der Diakonie entschieden? Was hat Sie dazu motiviert?

ES: Ich kannte die Diakonie vorher nicht gut, aber ich war fasziniert vom Arbeitsprofil des Leiters der Auslandsabteilung. Und mir hat auch die Sachlichkeit gefallen, mit der die Diakonie ihre Auslandshilfe präsentiert. Nach einem Jahr wurde mir dieser erste Eindruck bestätigt: Es herrscht hier eine nüchterne und ehrliche Arbeitsweise. Das kommt mir sehr entgegen.

KA: Ich stand vor der schwierigen Entscheidung, ob ich in den privaten Sektor wechseln oder eine höhere Position im gemeinnützigen Sektor anstreben sollte. Die Diakonie bot mir an, Direktorin des Zentrums zu werden. Ich habe mich auch deshalb für diese Arbeit entschieden, weil ich in der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder aufgewachsen bin und eine persönliche Beziehung dazu habe. Ein Jahr später kann ich sagen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Meine Arbeit hier hat Sinn.

Was ermutigt Sie bei Ihrer Arbeit für die Diakonie? Woraus schöpfen Sie Ihre Energie?

ES: Das sind die kleinen Erfolge, zum Beispiel der Kindergarten im Flüchtlingslager Zaatari, den wir zusammen mit dem Lutherischen Weltbund aufgebaut haben und den wir dank der Fastensammlung in den Pfarrgemeinden der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder betreiben. In diesem Jahr bemühen wir uns um einen ähnlichen Kindergarten im Libanon, in einem Armenviertel von Beirut. Und ich treffe auch viele interessante Persönlichkeiten, wie einen Pfarrer im Libanon, der nicht nur seine Gemeinde leitet, sondern auch Krisenmanager ist und Dinge sehr gut organisieren kann. Solche Leute inspirieren. Und im Allgemeinen hilft es einem, Menschen zu sehen, denen es gelingt, unter sehr schwierigen Bedingungen zu leben und sich dabei noch eine positive Lebenseinstellung zu bewahren.

KA: Ich würde definitiv die Kollegen in unserem Zentrum erwähnen. Wir unterstützen uns gegenseitig. Und ich spüre eine starke Unterstützung von der ganzen Diakonie.

Was hat sich Ihnen aus Ihrer Arbeit ins Gedächtnis eingebrannt? Welches Erlebnis wird unvergesslich bleiben?

KA: Ich hatte keine Erfahrung mit den Ländern, in die unsere Hilfe geht. Aber gleich zu Beginn meiner Arbeit für die Diakonie unternahm ich zwei Auslandsreisen, nach Äthiopien und in den Libanon. Besonders die Reise nach Äthiopien war eine Erfahrung für das ganze Leben: kein öffentlicher Verkehr, keine Internetverbindung, der Individualverkehr mit all seinen Autos, Motorrädern und Fahrrädern bricht oft zusammen. Selbst in einem Hotel in der Hauptstadt, das sehr prunkvoll aussieht, schalten sie tagsüber den Strom aus. Von den Bedingungen außerhalb der Hauptstadt ganz zu schweigen. Da habe ich einiges gelernt.

Adam Šůra