Ein Kreuz als Symbol der Versöhnung nach vierhundert Jahren

5. Bílá hora Die mittelalterliche militärische Auseinandersetzung auf dem Weißen Berg bei Prag im Jahr 1620 spaltete die tschechische Nation und stürzte sie für die folgenden hundertfünfzig Jahre in Finsternis. Der Jahrestag dieser Schlacht bietet die Gelegenheit zu einem gemeinsamen symbolischen Akt der Versöhnung. Auch wenn die Kirchen schon lange einen gemeinsamen ökumenischen Weg beschreiten, wurde im November 2020 auf dem Weißen Berg ein Versöhnungskreuz als beständiges Zeichen der Vergebung und des gegenseitigen Verständnisses aufgestellt.

In der Schlacht am Weißen Berg wurde der Aufstand der Böhmischen Stände, die unter anderem die religiöse Gleichberechtigung zwischen Katholiken und Protestanten forderten, endgültig niedergeschlagen. Es folgte stattdessen eine Zeit der Vorherrschaft und Unterdrückung, für die sich der Begriff „Zeit der Finsternis“ eingebürgert hat. Während der gewaltsamen Rekatholisierung gingen bis zu eine halbe Million Menschen ins Exil, einschließlich weltweit bedeutender Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Johann Amos Comenius.

(foto: Jiří Šťástka/Člověk a víra)
(foto: Jiří Šťástka/Člověk a víra)

Nach vier Jahrhunderten bietet die Erinnerung daran die Möglichkeit vergangene Traumata, historisches Unrecht und die beidseitige Trennung über viele Generationen hinweg zu verarbeiten. Grundlage dafür ist all das, was uns als Angehörige verschiedener Kirchen eint und nicht das, was uns trennt.

Ein beständiges Zeichen dieser Bemühung soll gerade auf dem Weißen Berg auf der Allee der Exilanten das Kreuz der Versöhnung sein. Das Versöhnungskreuz ist Teil der tschechischen geistigen und kulturellen Tradition und wird an Orten aufgestellt, an denen sich etwas Unheilvolles zugetragen hat. Es dient als Symbol vergangenen Unrechts und des erneuerten Verständnisses und der Vergebung.

Die moderne Form dieses Kreuzes, dessen Autor der deutsche Benediktinerpater Abraham Fischer ist, weist auf die tiefere geistige Bedeutung der Versöhnung hin, die nicht durch menschliche Kraft entsteht, sondern ein Werk Gottes ist.

(foto: Jiří Šťástka/Člověk a víra)
(foto: Jiří Šťástka/Člověk a víra)

Das Gesamtkreuz besteht aus drei Einzelkreuzen: zweien aus Stahl und einem aus Titan. Die zwei rostigen Stahlbalken stehen für zwei unversöhnliche Konfliktparteien, der Rost steht für unsere Sünden und unsere konfliktbelastete Welt. Der dritte Teil, das blaue Titankreuz, das nicht den Einflüssen der Umwelt unterliegt, steht für den Himmel und dafür, dass wir wahren Frieden vor allem dann erreichen, wenn wir uns dessen bewusst werden, dass uns das eint, was außerhalb dieser Welt liegt.

Das Versöhnungskreuz ähnelt auf dem Boden liegend einer Stahlspinne, die den Weg versperrt. Erst wenn sie mit vereinten Kräften aufgestellt und ausgerichtet wird, wird sie zu einem Kreuz – und zwar zu einem solchen Kreuz, das von allen Seiten und aus allen Blickwinkeln gleich gut sichtbar ist. Das Kreuz ist ein Zeichen der Versöhnung, auf die beide Kirchen setzen und die heute, trotz der Last der Vergangenheit, größtenteils zur Realität geworden ist.

Der Hauptteil des gemeinsamen Andenkens, das der Ökumenische Rat der Tschechischen Republik gemeinsam mit der Tschechischen Bischofskonferenz organisiert hat, sollte eine ökumenische Vesper auf dem Weißen Berg direkt am Jahrestag, am Sonntag, den 8. November, sein. Damit verbunden sollten Jugendliche aus allen Ecken Tschechiens eben zu diesem Ort pilgern.

Einer Veranstaltung in dieser Form standen jedoch die aktuellen Maßnahmen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie entgegen. Das Programm musste daher deutlich eingeschränkt werden und der gemeinsame Gottesdienst, an dem hunderte Gläubige teilnehmen sollten, fand in Form einer Fernsehübertragung ohne die Teilnahme einer breiten Öffentlichkeit statt. Die Vesper beinhaltete auch ein Bußgebet, im Rahmen dessen die Vertreter der Kirchen vergangenes Leid anerkannten und Gott nicht nur um Vergebung, sondern auch um Hoffnung für den gemeinsamen zukünftigen Weg baten.

(foto: Jiří Šťástka/Člověk a víra)
(foto: Jiří Šťástka/Člověk a víra)

Bestandteil des Gedenkens ist auch eine langfristige Kooperation der Tschechischen Bischofskonferenz und des Ökumenischen Rats, die gemeinsam eine Fachkommission zur Untersuchung der Konfessionsgeschichte des 17. Jahrhunderts und zusammenhängender Themen ins Leben gerufen haben. Die Kommission veröffentlicht regelmäßig Arbeitspapiere für Gemeinden, Pfarreien, Schulen und die Öffentlichkeit und veranstaltet Fachkolloquien. „Wir bemühen uns darum, Vorurteile abzubauen, die zwischen uns bestehen und uns wahrheitsgemäß den Ereignissen anzunähern, die uns zur Wahrheit führen, da sie von Christus gelenkt werden. Es geht darum, dass wir uns auch durch die Arbeitsergebnisse der Kommission als Christen näher kommen“, so der Vorsitzede des Ökumenischen Rats der Kirchen und Synodalsenior der EKBB Daniel Ženatý.

Mit Unterstützung des Ökumenischen Rats der Kirchen Jiří Hofman