Eine Botschaft an den postmodernen Menschen. Wie sich der Lebenslauf eines jungen italienischen Studenten mit den Ereignissen längst vergangener Tage kreuzt

1. Alberto Rocchini.1Ich, Alberto Rocchini, komme aus Pavia in Italien, wo ich Literatur und Geschichte studierte. Während eines Studienaufenthalts in Mainz in Deutschland, habe ich angefangen mich für die Reformation zu begeistern und nach meiner Rückkehr nach Italien bin ich in die Waldenserkirche eingetreten.

Diese kleine Kirche (in Italien etwa 50000 Mitglieder) breitete sich von ihrem ursprünglichen Zentrum in den Alpen an der Grenze zwischen Italien und Frankreich nach dem Toleranzedikt des Piemonter Königs Karl Albert im Jahr 1848 immer weiter aus. Die Waldenserkirche ist der Nachfolger jener mittelalterlichen Bewegung, die von Petrus Waldes aus Lyon angeführt wurde. Schon im Jahr 1532 schloss sie sich mit den Beschlüssen der Synode von Chanforan der Genfer Reformationsbewegung an. Siepflegte außerdem konstruktive  Kontakte zu den Böhmischen Brüdern.

Nach verschiedenen Arbeits- und Lebenserfahrungen bin ich von Wien über Brünn nach Prag gekommen, wo ich als Lehrer für Deutsch und Italienisch arbeitete. In Tschechien habe ich mehr über die hussitische Reformation gelernt und dass sie Teil der sogenannten „ersten Reformation“ ist, so wie die Waldenserbewegung auch. Im Jahr 2013 habe ich mich dann für Theologie an der Hussitisch-Theologischen Fakultät der Karlsuniversität eingeschrieben. Im Herbst diesen Jahres beende ich mein Masterstudium mit einer Arbeit über die Waldenserkirche, ihre Geschichte, Gedanken und Organisationsstruktur.

Ich bin Mitglied in der Kirche der Böhmischen Brüder und wenn Gott mich länger in Tschechien leben lässt, dann möchte ich als Pfarrer dienen. Ich würde gerne die geschichtlichen Verbindungen und heutigen theologischen Beziehungen zwischen der böhmischen und der italienischen Kirche verdeutlichen und vertiefen. Beide sind schließlich Erben der ersten Reformation und trotz unterschiedlicher soziologischer Kontexte verkünden sie dem postmodernen Menschen mutig und selbstbewusst das Evangelium unseres Herren.

Ein paar Gedanken aus der Abschlussarbeit von Albert Rocchini:

Ich habe versucht historische Schlüsselereignisse, die zur Entstehung der Waldenserbewegung Ende des 12. Jahrhunderts führten, chronologisch zu skizzieren. Typisch ist die enge Beziehung zur helvetischen Reformation im 16. Jahrhundert, die Emanzipation zur Zeit der Savoyen und dann des italienischen Staats und die Verbreitung des Evangeliums über Diasporen, die die Waldenserkirche bis heute charakterisiert. Ich wollte die sich entwickelnde Waldenserbewegung zeigen, die in neun Jahrhunderten evangelischen Zeugnisses und schlimmster Verfolgung in Europa ein alternatives, „nicht-konstantinisches“ Kirchenmodell von Männern und Frauen verbreitet hat, die für das Evangelium unseres Herren Christus brennen und die, wie auch der Apostel Paulus, von den Worten ermutigt werden: „Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“ (1. Kor, 9,16)

Es war mir ein Anliegen, die engen Beziehungen zwischen der Waldenser- und der Hussitenbewegung aufzuzeigen und wie sie sich gegenseitig bereichert haben: Wie die Waldenserbewegung die hussitische Revolution in Böhmen beeinflusst, vielleicht gar die Voraussetzungen dafür geschaffen hat und wie später die Waldenser auf dem akademisch-theologischen Gedankengut, das die Hussiten aus ihrer geopolitischen Situation schöpften, aufbauen konnten.

Gleichzeitig sollte die heutige Waldenserkirche mit ihrem reformierten Glauben, ihrer Struktur und ihren Hauptgedanken, die sie in die italienische Gesellschaft trägt, vorgestellt werden. Darüber hinaus präsentiere ich das sich seit 1975 entwickelnde Modell der Integration zwischen der Waldenserkirche und der Methodistischen Kirche. Das könnte ein Modell für weitere kleine europäische Kirchen sein, wie zum Beispiel die Tschechoslowakische Hussitische Kirche oder die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder.

Für einen kritischen italienischen Katholiken, der ein geistliches Zuhause sucht oder eine Alternative, wie er Christ in einer pluralistischen Gesellschaft sein kann, ist die kleine Waldenserkirche ein Licht, ein einfaches aber beständiges, wie es von einer Kerze kommt oder von einer geöffneten Bibel auf dem Altar. Ihr Erbe der Reformation – sola fide, sola gratia, sola skriptura (allein durch den Glauben, allein durch die Gnade, allein durch die Schrift) – ist befreiend und führt gleichzeitig zu Verantwortung. Und genau das braucht unsere postmoderne, durch Individualismus und Relativismus geprägte Gesellschaft.

Alberto Rocchini