Für mich ist die Gemeinschaft wichtig. Ein Gespräch mit dem Direktor der Diakonie der EKBB über spirituelle Pflege, Aufgaben der Diakonie und über eine Ideologie

000705_51_006294Mit der Diakonie ist Jan Soběslavský schon seit seinem Studium verbunden, da er bei der Diakonie in der Rechtsberatung aushalf. Nach seinem Examen in Jura und Theologie bestritt er erfolgreich den Konkurs zum Direktor der Diakonie in Brünn, in dessen Position er zehn Jahre lang wirkte. Seit drei Jahren ist er Direktor der Diakonie der EKBB.

In der Diakonie arbeiten Sie bereits seit 15 Jahren. Wie hat sie sich in dieser Zeit verändert?

Sie hat sich stark verändert. Ich denke, ich selbst habe einen Teil dazu beigetragen, insbesondere im Bereich der Professionalisierung der Führung. In den neunziger Jahren funktionierte in der Diakonie alles etwas improvisiert. Es gab in den Bereichen Personal, Wirtschaft, Kommunikation und Investition der Diakonie keine festgelegten Regelungen, die es einzuhalten galt. Dank des Einsatzes vieler Menschen hat sich das mit der Zeit geändert und ich freue mich, dass wir heute ein funktionierendes Regelwerk haben. In einer Sache ist die Diakonie sich allerdings treu geblieben und das ist gut – in ihrer Fähigkeit Menschen zu helfen, sich für sie einzusetzen und interessante Dinge zu gestalten, eben das, was Sinn ergibt. Jetzt liegt es an uns, die Diakonie professionell und zugleich in gemeinnützigem Geiste zu leiten.

Welche Pläne haben Sie in den nächsten Jahren für die Diakonie?

Ich denke da derzeit viel in Richtung spirituelle Pflege. Der Mensch ist ein bio-psycho-sozio-kulturelles Wesen und deshalb muss man sich meiner Meinung nach auch seiner spirituellen Dimension widmen. Und das vor allem in Situationen, in denen der Mensch belastenden Lebensumständen ausgesetzt ist, zum Beispiel wegen seines Alters, seiner sozialen Situation oder einer Krankheit auch eines Angehörigen, etc.

Sollten in der Diakonie deshalb mehr Geistliche arbeiten?

Das Thema geht noch weiter. Die Diakonie besteht nicht aus einer Einheit gleichartig denkender Menschen, sondern aus zweitausend Angestellten, die über spirituelle Pflege eine Meinung haben und diese wird mit Sicherheit bei jedem unterschiedlich ausfallen. Das gemeinsam durchzudenken, wird auf jeden Fall sehr interessant und spannend und gleichzeitig auch ein bisschen kontrovers. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass die Diskussion, die uns erwartet, zu einer qualitativen Verbesserung unserer Dienstleistungen führt.

Inwiefern?

Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären. In den sozialen Dienstleistungen ist eins der großen Themen, dass der Mensch immer irgendwohin vorankommen muss. Stellen Sie sich etwa eine Person mit einer psychischen Störung in einer Klinik vor. Die Vision der Sozialarbeiter ist, dass sich der Zustand dieses Menschen immer weiter verbessert. Das bedeutet, dass er aus der Klinik ins betreute Wohnen kommt, dann in eine Wohnassistenz und idealerweise als selbstständig lebende Person endet, die Arbeit hat und ein „normales“ Leben führt. Ich habe mich gefragt, wie viele von uns die Möglichkeit nutzen würden immer wieder umzusiedeln und weiterzugehen. Ich frage mich, inwiefern das dem Menschen wirklich eigen ist und inwiefern es nur eine von unserer Zivilisation durchwachsene Ideologie ist. In unserem Fall kann das bedeuten, dass das betreute Wohnen für eine Person mit psychischer Störung eine Grenze ist, die wir nicht überschreiten sollten. Man muss diese Person nicht immerfort dem Stress einer nötigen Entwicklung und des Weiterziehens aussetzen. Wenn wir sie dazu zwingen, gelangt sie in einen Kreis des Misserfolgs und am Ende steht wieder die Klinik, von wo sie dann wieder irgendwohin vorankommen muss.  Genau das versuchen wir in der Diakonie zu vermeiden. Wir respektieren den einzelnen Klienten und denken über ihn nach. Das spiegelt sich logischerweise auch in der Art und Weise wieder, wie wir unsere Dienste anbieten.

Die Diakonie muss sich dennoch auch bodennahen Dingen widmen. Es soll zum Beispiel viel gebaut werden.

Uns erwartet die Erneuerung der Schule mit speziellem Förderbedarf für Kinder und Jugendliche in Prag, wir bereiten uns auf grundlegende Investitionen in das Zentrum in Valašské Meziříčí vor und werden zwei neue Seniorenheime in Svitavy und Nové Město na Moravě errichten. Ich nutze die Tatsache, dass jetzt das Seniorenheim in Nosislav hinter mir liegt, das haben wir vor ca. fünf Jahren gebaut. Darüber haben wir sehr lange nachgedacht, denn wir wollten, dass die Klienten, die dort wohnen, ein so gewöhnliches Leben wie nur möglich haben. Die Mehrheit der Wohndienste funktioniert nach einem Hotel-Prinzip und den Menschen wird alles serviert, alles wird für sie erledigt. Wir wollten aber eher ein gemeinschaftliches Wohnen erschaffen, in dem die Klienten sich an der Gartenarbeit oder an der Essensvorbereitung gemeinsam mit dem Personal beteiligen. Bei uns war dieses Konzept nicht gerade geläufig, aber es hat sich gezeigt, dass es notwendig ist. Und unseren Klienten gefällt es sehr. Die Wohndienste im Geiste eines gemeinschaftlichen Zusammenlebens bewähren sich und wir wollen sie auch in unseren beiden neuen Seniorenheimen einführen.

Welche weitere Aufgaben stehen vor der Diakonie?

Ein weiteres Thema, das mich beschäftigt, ist die Diakonie als eine Organisation mit Verantwortung für die Umwelt. Wir sollten darüber nachdenken, was wir als sozialer Dienstleister alles tun können, damit wir mit der Umwelt so schonend wie nur möglich umgehen. Wir alle nehmen sicher die Trockenheit im Land war, die globale Klimaerwärmung und die Situation mit der Plastikwirtschaft. Es ist offensichtlich, dass genauso wie Haushalte und Fabriken auch soziale Dienstleister die Umwelt belasten und deshalb müssen wir den laufenden Betrieb so ändern, dass diese Belastung so gering wie möglich ausfällt.

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Stellen Sie sich vor, Sie könnten der Diakonie eine ideale Sache oder einen idealen Dienst mitgeben, was wäre das?

Auf jeden Fall wäre das eine gut geführte Personalarbeit. Ich stelle mir das so vor, dass sich die Mitarbeiter der Diakonie nicht nur nach irgendeinem Handbuch richten, das ihnen genau vorschreibt, was sie zu tun haben, sondern dass ihnen Raum bleibt für persönliche Entwicklung, im Rahmen derer ihnen die Arbeit Spaß macht und sie ihre eigenen Träume und Ideen verwirklichen können. Und wenn es so eine Diakonie gäbe – und ich glaube in einigen Teilen ist sie schon so, und es gelänge, dass alle mehr als 2000 Angestellten das so wahrnehmen, dann hätte ich das Gefühl als Direktor ihnen das größtmögliche Geschenk gemacht zu haben.

Und was die Klienten angeht, so nehme ich diese gar nicht getrennt wahr. Für mich ist die Gemeinschaft wichtig, das ist einer der Werte der Diakonie. Wenn ich ein dreißigjähriger Junge mit einer Behinderung bin und in einer betreuten Wohnform, soweit mein Handicap es mir erlaubt, nach meinen eigenen Vorstellungen leben kann, dann bin ich ein Teil der Diakonie, dann habe ich in der Diakonie meinen Platz. Und die Angestellten sind meine Partner und teilen den Raum mit mir. So denke ich über die Diakonie.

Adam Šůra