Ich gehe erhobenen Hauptes

4. identifikační_fotografie)Denkt man an die Herrschaft der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, waren die 1950er Jahre eindeutig die schlimmsten, härtesten. Im Volk herrschten Schweigen und Angst, manchmal Desinteresse und Gleichgültigkeit, in Teilen sicherlich auch Zustimmung für dieses Regime, das der Nation mit Gewalt aufgezwungen worden war; und von oben Terror, Verhaftungen, Gefängnis und auch Hinrichtungen. Sicher gab und gibt es viele Länder auf der Welt mit einem viel härteren Regime, aber in Mitteleuropa?! Aber ja, die Sowjetunion war schließlich nicht weit …

In unserem Land wurden über 260 Hinrichtungen vollstreckt, doch unter diesen Hingerichteten war nur eine einzige Frau: die Juristin Milada Horáková, deren Tod sich in diesem Jahr genau zum 70. Mal jährt. Sie wurde am 27. Juni 1950 hingerichtet. Während der kommunistischen politischen Prozesse wurde sie Opfer eines Justizmordes, wurde wegen „Verschwörung und Hochverrats“ verurteilt zur Zeit der größten Tyrannei von Präsident Klement Gottwald.

Milada Horáková war auch schon während des Krieges inhaftiert. Zusammen mit ihrem Ehemann Bohuslav wurde sie von der Gestapo wegen Widerstandsaktivitäten im „Petitionsausschuss Wir bleiben treu“ (Petiční výbor Věrni zůstaneme) schon im August 1940 festgenommen und beide wurden erst im April 1945 freigelassen. Milada konnte daher die Verhörmethoden und die allgemeine Behandlung von Verurteilten unter beiden Regimen vergleichen – das kommunistische war letztendlich „gründlicher“.

4. MiladaMilada Horáková kämpfte als Abgeordnete für die Tschechoslowakische Volkssozialistische Partei. Wie die Erinnerungen ihres Ehemannes Bohuslav Horák zeigen, hatten allerdings die demokratischen Kräfte nach dem Krieg gar keine Chance gegen die tschechoslowakischen Kommunisten, welche von den sowjetischen Genossen aus Moskau beschützt und gleichzeitig in der Hand gehalten wurden.

Der Prozess gegen Milada war eine völlig künstliche Konstruktion, die von der Führung der Kommunistischen Partei unter direkter Beteiligung sowjetischer Berater und unter persönlicher Aufsicht Klement Gottwalds entworfen und inszeniert wurde. Die Parteiführung brauchte einen fiktiven Feind, auf den sie verweisen und den sie exemplarisch hart bestrafen konnte, damit niemand auch nur zu versuchen wagte, wirklichen Widerstand zu leisten.

Die Wahlen im Mai 1946 gewannen die Kommunisten. Viele glaubten wirklich an die Idee des Kommunismus, und formal waren es vielleicht „freie“ Wahlen. Nur stimmte man damit für den allgegenwärtigen gesellschaftlichen Druck der Kommunisten, die unter anderem medial oder bessergesagt durch ihre Propaganda bereits den öffentlichen Raum beherrschten. Sie folgten zu diesem Zeitpunkt schon absolut rücksichtslos dem Motto „wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Als Oppositionsabgeordnete wurde Milada Horáková von der Geheimpolizei beobachtet, und wenn sie in ihren Wahlkreis in Südböhmen fuhr, wurden ihre Äußerungen überwacht. Was dann im Februar 1948 geschah, kann man, trotz aller politischen Scharaden im Hintergrund, nur als gewaltsame Machtübernahme bezeichnen. Bewaffneter Putsch. Ende.

Milada wurde „erst“ im September 1949 verhaftet; Bohuslav gelang die Flucht aus der Tschechoslowakei. Den Prozess, den die Kommunisten als „Prozess gegen die Führung einer hinterhältigen Verschwörung gegen die Republik – Horáková & Co.“ bezeichneten, konnte er im Juni 1950 nur aus fragmentarischen Informationen, die ihn im Flüchtlingslager Valka in Nürnberg-Langwasser erreichten, verfolgen.

Heuer, zum siebzigsten Jahrestag von Miladas Tod, tauchten in Prag Transparente mit ihrem Porträt und der Aufschrift „Von den Kommunisten ermordet“ auf. Eines davon hängt auch an der Kirche der EKBB in Prag-Smíchov. Milada war Mitglied der dortigen evangelischen Gemeinde gewesen.

Milada Smíchov - kopie1

In den Briefen, die Milada kurz vor ihrer Hinrichtung aus dem Gefängnis in Prag-Pankrác an ihre Angehörigen schrieb, heißt es: „Weint nicht zu sehr um mich. Ich weine ja auch nicht. Mit Blick auf die Ewigkeit ist das menschliche Leben eigentlich nur ein so kleines Ereignis … In den schwersten Augenblicken, in den Kasematten von Theresienstadt, in der Hauptzelle Nr. 8, habe ich erkannt, was Gott ist, und ich habe gespürt, dass Er mich angenommen hat. Und deshalb stützt auch Ihr Euch auf den Glauben an Ihn … Bedauert mich nicht! Ich ertrage meine Strafe ergeben und unterwerfe mich ihr demütig – vor dem Urteil meines Gewissens habe ich bestanden – und ich hoffe und glaube und bete, dass ich auch vor dem höchsten Gericht bestehen werde, vor Gott.“

Daher stammt auch der Satz „Ich gehe erhobenen Hauptes“. Dieser Satz von Milada gab einem Buch seinen Titel, das der Journalist Daniel Anýž geschrieben hat, der auf die Politik der USA und die transatlantischen Beziehungen spezialisiert ist. Die Zitate aus den Briefen stammen aus diesem Buch. Daniel Anýž schrieb das Buch dank der großen Hilfe von Milada Horákovás Tochter Jana Kánská, die in den USA lebt. Sie ist jetzt 87 Jahre alt und voller Leben. Ihren Lebensmut und ihre Liebe zur Wahrheit hat sie wohl geerbt.

Jana Plíšková, Daniel Anýž