Wodurch ist die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder für ihre ausländischen Partnerkirchen inspirierend und interessant? Eine deutsche Theologin antwortet mit einer Liebeserklärung an die „Böhmische Brüderkirche“:

7. Tabulky ČBIm Jahre 1957 war die Evangelische Kirche in Westdeutschland schon wieder reich und angesehen. Ich war damals blühende siebzehn Jahre alt. Ich hatte die besondere Chance, im Juni 1957 zum ersten Mal die Böhmische Brüderkirche zu besuchen. Ich war Mitglied einer Delegation der Rheinischen Landeskirche zur Prager Comenius-Fakultät. Eingeladen waren eigentlich meine Mutter und weitere sieben Kirchenmänner. Aber mich hatte Mutti mitgenommen.

I.

Ich kam aus einem Pfarrhaus im Rheinland. Mein Großvater, ein bekannter Evangelist, meine Mutter, eine der ersten Frauen im Amt der Pastorin, alles hochangesehene und sicher bezahlte Glieder der offiziellen Evangelischen Kirche. Sie lehrten mich, Gottes Führung zu vertrauen, für meine kleinen Sünden um Vergebung zu bitten, auf ein Wiedersehen mit meinem in russischer Kriegsgefangenschaft gestorbenen Vater im Himmel zu hoffen.

Und plötzlich stand ich, eine unbedarfte Schülerin, in Chodov u Karlových Varů (Schodau bei Karlsbad) unter Menschen, die ein seltsames Deutsch sprachen. Tschechische Landwirte, die in Oppeln in Oberschlesien seit 200 Jahren gelebt hatten und nach Kriegsende 1945 dort vertrieben worden waren: Re-Emigranten.

Jetzt hatten einige Tränen in den Augen. Sie drängten sich um uns. Eine Frau rieb ganz verstohlen den Stoff meines Kleides zwischen ihren Fingern. Sie brachten mir eine Rose aus Porzellan. Die kleine Kirche dort im ehemaligen “Egerland” war voll. Der tschechische Ortspfarrer Ctirad Novák saß neben mir in der Bank, er brauchte heute nicht zu predigen; denn von der Kanzel erklangen nach zwölf Jahren zum ersten Mal wieder Gottesworte in deutscher Sprache von unserer Delegation.

Damals, im Juni 1957, erhielt mein Leben eine entscheidende Wende. Ich erfuhr, dass Menschen um Christi willen litten. Es brachte kein Ansehen, kein Geld, keine Ehre, Mitglied einer Kirche zu sein. Es brachte vielmehr Tränen. Wir reisten bis nach Bratislava – und überall war es ähnlich: Bescheiden gekleidete Männer und Frauen erzählten von ihren Nöten als Pfarrer und Pfarrfrauen. Wo im Vorjahr 40 Jugendliche konfirmiert worden waren, kamen dieses Jahr nur noch drei. Wo sich früher zwei Küster um die Kirche gekümmert hatten, musste im Winter in der Nacht zum Sonntag der Pfarrer zweimal aufstehen, um im Ofen des Kirchenraumes Kohle nachzulegen. Zum Evangelischen Kirchentag nach Deutschland reisen? Ausreise verboten! Das Kind auf die Oberschule schicken? Ausgeschlossen! Pfarrer Novák in Chodov berichtete unlängst: Bedrohliche Herren von der Staatssicherheit besuchten immer wieder das Pfarrhaus, auch nach unserem Besuch 1957. Alles wollten sie wissen über diese Delegation aus dem Rheinland: Wer steckte dahinter?

Ich fragte mich, wie Gott so ungerecht sein konnte: Wir hier im Westen hatten als Christen alles. Alles. Und dort wollte die Mangelwirtschaft, ja, die Verfolgung kein Ende nehmen, fünfzig Jahre lang. Dort mussten Menschen um Christi willen leiden…weil Moskau es so wollte.

Diese Bereitschaft zum Opfer für Gott, die noch Bonhoeffer beseelte, fehlt uns heute in den deutschen Kirchen.

Euren Hus haben die Mächtigen getötet, Euren Comenius verjagt (andere Mächtige waren es allerdings, nicht die Herren Kirchensekretäre des Sozialismus). Aber Ihr böhmischen und mährischen Christen seid treu geblieben, bis heute. Darin können wir Eure Inspiration und Euer Vorbild brauchen.

 II.

Denn die Zeiten sind dabei, sich zu ändern. Das Ansehen der Kirchen in Deutschland schrumpft rapide. Der Reichtum ist gefährdet. Wo sich am Heiligen Abend die Gemeindeglieder in die Bänke pressen, sitzen ab 2. Januar wieder erschreckend wenige. Und für diese wenigen kann die Böhmische Brüderkirche neu inspirierend werden. Denn sie weiß ja, wie der Geist Gottes in kleinen Gruppen, ja in versteckten Zirkeln lebendig bleiben kann.

Die Deutschen gehen langsam den Weg von der Volks- und Staatskirche in eine Bekenntniskirche. Dieser Weg lässt fast niemanden leiden. Doch seufzt hier und da eine Pfarrerin vor Enttäuschung, wenn ihre sorgfältig ausgearbeiteten Einladungen zu Gemeindeseminaren ins Leere laufen.

Die Corona Restriktionen haben uns in West und Ost sehr gleich gemacht: Dürfen wir im Gottesdienst noch singen? Nein. Oder doch durch die Masken hindurch? Nein. Also, Ihr Schwestern und Brüder, wie macht Ihr das? Letzten Sonntag sangen Pfarrer und Organist all die schönen alten Choräle solo. Und bei Euch?

Was müssen wir von Euch alles lernen!

7. Dorothea Kuhrau-NeumärkerMit wenig Geld auszukommen als Kirche. Bibelgespräche in kleinen Gruppen führen. Einander wertschätzen: a l l e  in der Gemeinde. Gerne miteinander sein…soweit Corona erlaubt. Vor allem: einander helfen. Der Pfarrer begrüßt seine Leute sonntags und weiß genau, dass heute Frau Weidenpesch Geburtstag hat und gestern Frau Krämer aus dem Krankenhaus zurückgekommen ist. Möglichst viel mit den Mitgliedern der Freien Gemeinde, mit den Katholiken, mit den Mitgliedern der Synagogengemeinde zusammen studieren, was in der Heiligen Schrift steht und wie es eigentlich gemeint sein könnte. Wir wenigen Christen werden ausstrahlen in die Welt. Vielleicht werde ich dann auch wieder die Kraft finden, meinen Talar hervorzuholen und zu predigen. Und das Beffchen, das ich umbinde, wird eine Stickerei sein aus Javornik, ein Geschenk an meine Mutter im Jahre 1957.

(Die Autorin ist immer eine treue Freundin der Böhmischen Brüderkirche geblieben. Sie lernte Tschechisch beim Studium an der Comenius-Fakultät 1961, promovierte in Münster über J. L. Hromádka und übersetzte Bücher zum weltanschaulichen Dialog aus dem Tschechischen. Sie lehrte Sozialethik für zukünftige Sozialarbeiter an der Staatlichen Fachhochschule Münster. Sie lebt in Köln.)

Dorothea Kuhrau-Neumärker