Auf den Spuren von Sváťa Karásek

1. Pamět národa441-photoMit Svatopluk Karásek (18. Oktober 1942 – 20. Dezember 2020) ist ein evangelischer Pfarrer verstorben, der den tschechischen Protestantismus grundlegend beeinflusst hat. Mit der gleichen Souveränität war er in so verschiedenen Bereichen wie dem kulturellen Underground, der Kirche und dem Establishment aktiv.

Im Jahre 1981 kam Sváťa Karásek in die schweizer Stadt Zürich. Ein, für diese Umgebung, nicht ganz typischer Pfarrer. Lange Haare, mächtige Figur, lautes Lachen. Er griff oft zur Gitarre, die er zwar schlecht, dafür ganz ohne Hemmungen spielte. Er kam aus der kommunistischen Tschechoslowakei, von wo ihn die geheime Staatspolizei vertrieben hatte. Diese hatte es sich in dieser Zeit zum Ziel gesetzt, so viele Regime-Gegner wie nur möglich durch unendliche Verhöre, Hausdurchsuchungen, Entführungen und Schläge aus dem Land zu vertreiben. Sváťa erlag deren Versuchen, wenn auch ungern. Vor allem aus Rücksicht auf seine Familie. Seine Ehefrau Stáňa kümmerte sich um drei Kinder und hatte ein schwaches Herz, das die sich wiederholenden Stresssituationen aushalten musste.

Die Staatspolizei konnte feiern. Sie schaffte es, eine charakteristische Persönlichkeit zu verjagen. Karásek gab vielen Menschen durch Wort und Tat den Mut, frei zu handeln. Wie sich aber einige Jahre später herausstellte, war das Werk, an dem er beteiligt war, mächtiger als die Macht des scheinbar allmächtigen totalitären Staates.

Kunst und Gesellschaft

Er wurde in einer antikommunistischen Familie geboren. Der Vater, eigentlich ein Beamter, später Arbeiter, war in den Fünfzigern aus politischen Gründen in Haft. Von seiner Mutter hatte er den eigenen Worten nach den Sinn für Humor und Spaß geerbt, weswegen er in seiner Schulzeit oft schlechte Noten in Betragen und Verweise bekam. Geistige Inspiration waren ihm die amerikanische Beat – Generation und die Bibel, vor allem das Neue Testament, welches er nicht wegen des Rufes fast schon verbotener Literatur las, sondern weil er sich durch die biblische Botschaft angesprochen fühlte. In Kontakt mit dem Christentum kam er schon als Kind. Den evangelischen Gottesdienst besuchte er mit seiner Mutter.

Sein Weg zum Studium an der damaligen Theologischen Comenius-Fakultät – der einzigen protestantischen Fakultät in Tschechien – war nicht einfach. Dem nichtkonformen Jugendlichen wollten die Staatsvertreter damals maximal ein Landwirtschaftsstudium erlauben – mit der Begründung, er habe ja seine mittlere Reife auf dem Gebiet Gärtnerei und Weinanbau abgelegt. Karásek arbeitete deshalb für kurze Zeit als Bergarbeiter in den Bergwerken bei Kladno, versuchte die Aufnahmeprüfungen erneut und wurde 1964 angenommen. Auch dank der Fürsprache von Fakultätsdekan J.L. Hromádka, dessen Wort Macht hatte. Dieser bedeutende Theologe und Träger des Leninpreises hatte nämlich gute bis ausgezeichnete Beziehungen zum kommunistischen Regime.

In die Fakultät brachte der Student Karásek eine neue Perspektive. Studenten und Lehrer waren um ein möglichst ungestörtes Studium und Forschung in den theologischen Wissenschaften bemüht, die Mutigeren bemühten sich auch um einen kritischen Dialog mit dem Regime. Mit Karásek kam aber allmählich ein künstlerischer, kreativer Geist zu Wort. Sein Tatendrang, seine Direktheit, seine hohe Gestalt, der langsame, besonnene Redestil und vor allem sein unerschütterliches Selbstvertrauen verhelfen ihm dabei zu unübersehbarer Autorität. Was die Form betrifft, so denkt er sich da nichts Neues aus. Im Land ist schon seit Vorkriegszeiten eine starke Tradition  lebendig, die Theater, Kabarett und engagiertes Liedermachen verbindet. In Karáseks Studienzeiten erlebt sie einen neuen Boom. Karásek schließt sich dieser Richtung an. Seit seiner Jugend hat er einige Erfahrungen mit Theater, Band und der Vertonung von Poesie gesammelt, er schreibt sogar selbst Gedichte. Und er schafft es, nicht wenige andere Menschen an der Fakultät und von außerhalb mitzureißen. Ihm geht es nicht um künstlerische Perfektion, sondern vielmehr um die Gemeinschaft, die sich bei solchen Aktivitäten bildet, und um die Botschaft des Evangeliums, die man auf diese Weise verbreiten kann.

Die freien Jahre

Durch den Einfluss der Erziehung seiner Familie glaubte er weder an den Kommunismus noch an den Sozialismus. Bis zum Jahr 1968 hatte er aber keinen Grund, sich gegen das System in der Tschechoslowakei zu stellen. Die Wandlung kommt erst mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts und sie hängt auch mit einer Familientragödie zusammen. Mit seiner Frau Stáňa erwarten sie die ersten Kinder. Die vorzeitig geborenen Zwillinge jedoch sterben. Im Krankenhaus gibt es keinen Inkubator und bei dem Transport erfrieren die Zwillinge im ungeheizten Rettungswagen. Als ein Kirchenvertreter Karásek mit den gottesfürchtigen Worten, es sei „Gottes Wille“ gewesen, trösten will, erwidert der zornige junge Pfarrer, dass es vielmehr an der Nachlässigkeit eines nicht funktionsfähigen Staates lag. Die Eheleute lassen sich aber nicht entmutigen. Ein Jahr später kommt ihre Tochter Adélka zur Welt.

1. Paměť národa2449-photoDa ist die Familie Karásek schon in Hvozdnice bei Prag tätig. Und mit großem Erfolg, denn die Gemeinschaft rund um das evangelische Pfarrhaus wird durch Karáseks Wirken immer größer. Den kommunistischen Ämtern gefällt dies nicht, deshalb wird Karásek unfreiwillig ins nordböhmische Grenzgebiet versetzt. Dort aber wiederholt sich die Geschichte. Der Pfarrer mit den langen Haaren und der Gitarre, der noch dazu einen Jeep fährt, zieht die Jugendlichen wie ein Magnet an. Das Ergebnis ist der Verlust der staatlichen Erlaubnis, den Pfarrberuf auszuüben – die Ämter haben ihm einfach verboten zu predigen. Mit der Familie zieht er auf die verlassene Burg Houska in einer Gegend voller romantischer Felsen und Schluchten. Er bekommt hier die Stelle des Kastellans und Verwalters der Bücher im Depositorium. Und er erlebt hier – wie er später selbst bestätigt – den freiesten Lebensabschnitt.

Auf der Burg Houska bleibt er abseits des offiziellen Geschehens. Dafür besuchen ihn Freunde aus Nah und Fern und auch Unbekannte suchen ihn auf. Rund um die Burg bildet sich eine neue Kommunität, für die Karásek seine Predigten bereits zielstrebig in Liedform schreibt, weil er die Abende beim Feuer nicht mit theologischen Reden stören will. Gitarre und Gesang hingegen passen perfekt dazu, und das obwohl Karásek ein schlechter Sänger und noch schlechterer Gitarrist ist. Die musikalischen Grundlagen leiht er sich vom amerikanischen Spiritual, die Texte aber schreibt er selbst. Er spielt geschickt mit der Sprache, hat ein Gefühl für den Klang der Worte, die Botschaft hinter den Texten bleibt aber immer klar. Amateurhafte Aufnahmen seiner Lieder verbreiten sich auf Kassetten.

„Ich weiß nicht, welche Aufnahme es war, vielleicht die zwanzigste, es klang sehr gedämpft, aber vor allem klang es, als käme es aus dem Inneren der Erde. Seine Stimme war sehr tief und hypnotisch. Es war unmöglich, sich von dem Kassettenrekorder zu entfernen.“ So beschreibt Michal Plzák, heute Pfarrer, damals atheistischer Gymnasiast, seine erste Begegnung mit Karáseks Liedern. Es war Karásek, der ihn auf den – im kommunistischen Staat – gefährlichen Weg ins Theologiestudium brachte. „Durch seine Lebensphilosophie und Worte zeigte er uns das Christentum in einer Form, die nicht dumm, altertümlich und lächerlich ist. Eine glaubwürdige und tragende Alternative, die eine lebendige Gemeinschaft bildet und dutzende, hunderte Menschen in die Kirche zog – für kurze oder längere Zeit, manche für immer.“ Der fromme tschechische Protestantismus war nun einer regelrechten Invasion an jungen Menschen ausgesetzt, die im Aussehen, Benehmen und Denken ziemlich nonkonform wirkten. Plzák meint aber, „dass die Kirche sich daran gewöhnt hat und von Zeit zu Zeit auch Dankbarkeit zeigte.“

Insbesondere sein Erfolg bei der Jugend machte Karásek in den Augen der kommunistischen Ämter zum Feind, und das in solchem Ausmaß, dass er zusammen mit der Gruppe um die legendäre Underground-Band The Plastic People of the Universe verurteilt wurde. Gerade dieser Band hat er öfters Raum und Zuflucht auf der Burg Houska geboten. Dieser Prozess mit den jungen Leuten ging in die Geschichte ein als ein wichtiger Vorbote der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. Diese begann, mit Václav Havel an der Spitze,  vom Regime das Einhalten von Menschenrechten zu fordern.

1. Benjamín Skála-Jimramov2009h

Karásek blieb dem Underground bis zu seinem Tod treu. Aber ging über dessen Grenzen hinaus. Er übernahm die äußere Ästhetik des Underground, formte sie wahrscheinlich sogar selbst und wirkte als eines der visuellen Symbole des Underground. Er nahm am Leben der Underground–Community teil. Nach dem Vorbild Jesu hatte er Verständnis für problematische, am Rande stehende Menschen. Dies war bei ihm aber keineswegs eine Vorliebe für Nihilismus oder Niedrigkeit. Seine ganze Persönlichkeit war in die gegensätzliche Richtung gewandt. In seinen Predigten, die er unter dem selbsterniedrigenden Titel Gottes Dummkopf (Kalich, Torst, 2000) veröffentlichte, lesen wir wieder und wieder Worte des Glaubens an den guten Willen und an Gottes Führung, deren Ziel der Prediger oft mit dem Bild eines großen Festes für alle darstellt. Darin war sein Glaube einfach und fest. Mit Versen aus dem Evangelium, die dem widersprachen, zögerte er nicht zu polemisieren.

In der Salvator-Gemeinde

Nach der Revolution im Jahre 1989 pendelt er mehrere Jahre zwischen Prag und der Schweiz, wo ein Teil seiner Familie sesshaft geworden ist, und im Jahre 1997 wird er evangelischer Pfarrer in der Prager evangelischen Kirche des Heiligen Salvators, einem der wichtigsten Gotteshäuser der tschechischen protestantischen Tradition. Gleichzeitig engagiert er sich in der Politik. Vier Jahre wirkte er als Parlamentsabgeordneter, zwei Jahre war er Beauftragter der Regierung für Menschenrechte, bis ins Jahr 2018 war er in der Verwaltung des Stadtteils Prag 1 tätig. Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau Stáňa heiratete er erneut. Mit seiner Ehefrau Pavla hatte er zwei Kinder.

Das Ende seines Lebens wurde durch einen Schlaganfall geprägt, nach dem er die Sprache verlor und das Reden wieder neu lernen musste. Für jemanden, der das ganze Leben als Pfarrer tätig ist, mag dies ein schrecklicher Schlag sein. Karásek jedoch lobte die Vorteile, die ihm das Handicap brachte – sein Intellektualismus nahm ab, er verlor das Bedürfnis, sich zu streiten, seine charakteristische Explosivität verschwand. Sein Glaube an das gute Ende war unerschütterlich. So bekannte er in einer seiner Adventspredigten: „Gottes Friede, das Königreich der Gerechtigkeit und Freiheit, das ist keinesfalls verloren! Das ist – glaubt es, oder glaubt es nicht – unsere Zukunft, das ist Gottes heiliges Land, […] es ist Gottes Zukunft, die uns nahe wird.“

Adam Šůra