Pfarrer fesseln auf YouTube die tschechische Öffentlichkeit

01Sie nennen sich Pastoral Brothers und stellen neben ihrer normalen Arbeit auch sehr originelle Videos ins Internet. Jakub Malý und Karel Müller. Zwei evangelische Pfarrer aus Prag. Der Erfolg ihrer Beiträge, mit denen sie biblische Themen der breiten Öffentlichkeit näherbringen und gleichzeitig satirisch zum öffentlichen Geschehen Stellung nehmen, hat ihre Erwartungen übertroffen. Tausende Fans folgen ihnen regelmäßig. Ihre Videos sprechen wöchentlich Zehntausende Menschen an, und ihre Reichweite in den sozialen Netzwerken geht weit über den Kreis des Seniorats und sogar der gesamten Kirche hinaus.

Dabei kam die Idee, Videos für junge Leute zu drehen, den beiden spontan – sie wollten gar nicht unbedingt Youtuber werden. Es war eher eine verrückte Entscheidung als ein konkreter und gut durchdachter Plan. Sie wollten es einfach mal probieren. Lange Zeit hatte ihnen nämlich ein Kommunikationskanal in der Kirche gefehlt, über den sie die jüngere Generation ansprechen konnten. Doch hatten weder Jakub noch Karel größere Erfahrung mit dem Erstellen von Filmen.

Die Anfänge waren also schwierig. Aber es war den Werken anzusehen, dass die beiden gern zusammenarbeiteten. „Es macht uns Spaß zu überlegen, wie wir christliche Inhalte mit Humor rüberbringen können. Wir lernen ständig etwas Neues – vom Schreiben der Drehbücher bis zur Erstellung des Videos selbst“, erläutern die Pastoral Brothers.

07Nach einem Jahr Arbeit, als sie allmählich Fans gewannen, beantragten sie über die Kirche eine Förderung aus Schottland. „Wir haben rund 200 000 Kronen [gut 7 600 Euro] erhalten, wovon wir semiprofessionelle Geräte und Software gekauft sowie die Erstellung grafischer Elemente für unsere Videos und Werbung in den sozialen Netzwerken bezahlt haben. Das hat uns ganz schön weitergebracht“, beschreibt Karel die Anfänge.

Der Durchbruch gelang im Frühjahr 2020. Die Tschechische Republik erlebte die erste Welle der Pandemie und die Regierung erließ außerordentliche Maßnahmen, die das soziale und kulturelle Leben im Land einschränkten. In einem traditionell atheistischen Umfeld vergaß sie dabei ständig die Kirche und den geistlichen Dienst.

Die Situation nahm absurde Ausmaße an – der Staatsapparat öffnete Baumärkte oder Zirkusse, während Gottesdienste noch verboten waren oder strengen Vorschriften unterlagen. Und dann entdeckten die Medien das Pastorenduo auf YouTube.

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Mit ihrem Video, in dem zu sehen ist, wie sie in Talaren durch einen Hornbach gehen und laut über die Möglichkeiten nachdenken, Gottesdienste im Einkaufszentrum abzuhalten, schafften sie es in eines der meistbeachteten Fernsehjournale des Landes. Einerseits ermöglichten die Maßnahmen der Regierung die Anwesenheit von Zehntausenden von Käufern, andererseits untersagten sie strengstens die Versammlung einer Handvoll Gläubiger in großen Kirchen. Die Absurdität der Situation war plötzlich leicht zu verstehen, selbst in einem Land, in dem sich nur ein Bruchteil der Bevölkerung zum Glauben bekennt.

In ihren normalen Videos bringen Karel und Jakub das biblische Zeugnis auch Menschen näher, die noch nie davon gehört haben. Zum Beispiel beschäftigten sie sich mit den Zehn Geboten Gottes, mit ethischen Fragen des Lebens, streamten während des Lockdowns Gottesdienste für Jugendliche und erklärten in einer Serie bizarre Bibelstellen, die bei einem ungeübten Bibelleser einen etwas seltsamen Eindruck hinterlassen können.

Von Anfang an überlegten sie auch, wie sie aus dem virtuellen Raum effektiv herauskommen und nahe bei den Suchenden und ihren Fragen sein könnten – und zwar live, nicht nur über Bildschirme oder Displays. „Wir haben einen Kurs über das Christentum ins Leben gerufen. Nach zwei Stunden waren alle Plätze vergeben“, erinnert sich Karel an den Sommer 2020, als es zu Lockerungen der Beschränkungen kam und es dadurch wieder möglich wurde, sich von Angesicht zu Angesicht zu treffen. „Wir sind immer noch in Kontakt mit diesen Menschen und einige wollen sich sogar taufen lassen. Zukünftig wollen wir niedrigschwellige Gottesdienste für unsere Fans anbieten. Wir schreiben auch an einem Buch. Es stellt christliche Grundgedanken auf verständliche Weise vor. Es wird in einem nichtkirchlichen Verlag erscheinen, der uns von sich aus angesprochen hat“, erzählen die YouTube-Pfarrer mit Blick auf ihre Zukunftspläne.

02Außerdem begannen sie mit der Vorbereitung eines Podcasts, in dem sie Referenten der Evangelisch-Theologischen Fakultät zum Gespräch einladen, um mit ihnen eingehend Fragen des Glaubens und der biblischen Zeugnisse zu erörtern. Sie widmen sich auch dem interreligiösen Dialog und sprechen mit bedeutenden Vertretern verschiedener Religionen und des öffentlichen Lebens. Zu den Gästen zählten bisher beispielsweise der Theologe und Träger des Templeton-Preises, Tomáš Halík, oder der prominente tschechische Ökonom und ehemalige Berater von Präsident Václav Havel, Tomáš Sedláček.

Das große Interesse von Menschen aus dem ökumenischen oder außerkirchlichen Umfeld überrascht Karel und Jakub bis heute. Ihre ursprüngliche Absicht war es, Videos für evangelische Jugendliche zu erstellen, aber es folgen ihnen auch Menschen bis 45 aus verschiedenen Kirchen oder auch ohne Religion.

Aus den Pastoral Brothers sind Influencer geworden. Die Medien und andere Mitglieder der YouTube-Community laden sie zum Gespräch ein. Mehrfach haben sie im nationalen Fernsehen und Radio Aufmerksamkeit erregt. Im Jahr 2020 setzte das Magazin Forbes sie auf die Liste der „30 unter 30“, zählte sie also zu dreißig einflussreichen Persönlichkeiten der Tschechischen Republik, die noch keine dreißig Jahre alt waren.

Dabei sind weder Jakub noch Karel in der Kirche großgeworden. Sie suchten ihren Weg zum Glauben erst nach und nach an der weiterführenden Schule. Bald schon beschlossen sie, Theologie zu studieren, und begannen ihren Dienst in der Kirche. Karel unterrichtet zudem Ethik an einer Schule der Evangelischen Akademie. In ihren Regionen widmen sie sich hauptsächlich der Jugendarbeit, und sobald die epidemische Situation dies zulässt, wollen sie wieder „live“ mit den Kursen des christlichen Glaubens starten.

Sie nennen sich selbst scherzhaft die besten Youtuber unter den Pfarrern und die besten Pfarrer unter den Youtubern. Seit dem Frühjahr dieses Jahres arbeiten sie an einer regelmäßigen Sendung in einer der beiden größten digitalen Fernsehanstalten der Tschechischen Republik.

Jiří Hofman