Warum es hilft ein Narr zu sein

11. bratr-3Unser Interview mit Pavel Novák, dem Leiter der Sozialeinrichtung für Kinder und Jugendliche der Diakonie Jablonec nad Nisou, haben wir, wie fast alles in dieser bewegten Zeit, online am PC geführt. Immerhin konnten wir uns hören und sehen, weshalb ich sicher bin, dass Pavel Novák sich tatsächlich an seinem Arbeitsplatz befindet. Das ist ziemlich wichtig, schließlich müssen die Menschen, mit denen er arbeitet, definitiv Vertrauen zu ihm gewinnen.

Der fast Vierzigjährige besuchte das Gymnasium in Semily und absolvierte dann ein Studium an der Pädagogischen Fakultät der Jan-Evangelista-Purkyně Universität in Ustí nad Labem. Anschließend widmete er sich allerdings nicht der Pädagogik, sondern nahm direkt eine Stelle bei der Diakonie der EKBB an. Pavel Novák lebt mit seiner Familie in Vysoké nad Jizerou und hat drei Kinder im Alter von sechs, fünf und drei Jahren: Die Namen von Vilemína, Hubert und Felix sollten einen Kontrast zum klassischen Nachnamen „Novák“ darstellen.

Lag Ihnen nach dem Studium nicht so viel daran zu unterrichten?

Ich wollte mich auf jeden Fall mit Jugendlichen beschäftigen, aber eine Stelle als Lehrer habe ich in der Nähe meines Wohnorts nicht gefunden. Als im Jahr 2009 die Diakonie in Jablonec eine Sozialeinrichtung für Kinder und Jugendliche eröffnete, hat mich das sehr interessiert. Und sie haben mich genommen.

Wenn Sie als Lehrer ohne Lehrerfahrung in einer sozialen Einrichtung anfangen, brauchen Sie da keine Fortbildung? Wollte man von Ihnen kein Diplom, keine Zusatzqualifikation?

11.bratr-10Tatsächlich konnte ich formell die Arbeit als Sozialarbeiter nicht ausüben. Ich musste eine Umschulung zum Sozialarbeiter machen. Die wurde damals vom tschechischen Streetwork-Verband eigens für die Arbeit in niedrigschwelligen Sozialeinrichtungen angeboten. Ich habe viele wirklich nützliche Dinge gelernt, zum Beispiel wie man seine Besucher voranbringen kann.

Als Leiter eines solchen Sozialangebots, sitzen Sie da eher am Schreibtisch oder arbeiten Sie direkt mit den Kindern?

Ich mache beides. Aber den größten Teil der Zeit verbringe ich schon mit den Besuchern. Ich leite zwei niedrigschwellige Sozialangebote und bin darüber hinaus als Sozialarbeiter in einem Projekt namens Kruháč aktiv.

Das Thema dieser Ausgabe ist „Hoffnung“. Das ist ein Begriff, über den oft gesprochen wird, mit dem wir irgendwie umgehen, aber kann er uns in der Praxis tatsächlich irgendwie helfen? Kann er einen im Alltag stützen? Bedeutet er dasselbe wie Sinnhaftigkeit?

Ich möchte nicht pathetisch sein, aber ich glaube, dass ohne ein gewisses Gefühl der Hoffnung diese Arbeit nicht machbar wäre. Ich halte das wirklich für eine grundlegende Voraussetzung. Woran mache ich das fest? Innerhalb der elf Jahre, die ich hier arbeite, hat sich hier eine Reihe von Kollegen abgewechselt, die mit dem offensichtlichen Willen kamen zu helfen, nur war dieser Wille bald ausgeschöpft und sie sind wieder gegangen. Bei anderen hingegen geht der Wille nicht verloren und das liegt daran, dass sie sich der Hoffnung in ihrer Arbeit bewusst sind. Vielleicht muss man dazu sagen, dass der Mensch für diese Arbeit ein bisschen ein „Narr“ sein muss.

Wie meinen Sie das?

Wir stoßen Tag für Tag darauf, dass diese Hoffnung irgendwie zu Nichte gemacht wird. Was wir planen funktioniert überhaupt nicht, manchen Menschen helfen wir über mehrere Jahre und es sieht „hoffnungsvoll“ für sie aus, aber dann verschwinden sie … Deshalb sage ich ein „Narr“, man muss etwas einfältig sein. Die Hoffnung muss sozusagen losgelöst von der Arbeit existieren, sie muss darüber stehen, unabhängig.

Wie fühlen Sie sich in diesem Zusammenhang bei der Arbeit? Wie ergeht es Ihnen als ein solcher „Narr“?

Ganz gut eigentlich. Es ist sehr spannend, ein Abenteuer. Unsere Jugendlichen sind besondere Charaktere und sie verhalten sich sehr unerwartet, das ist nie langweilig. Genau deshalb, weil sie so sind wie sie sind, geraten sie ständig in Schwierigkeiten.

Wie sieht also ein gewöhnlicher Arbeitstag von Ihnen aus?

Zunächst hat dieser gewöhnliche Arbeitstag relativ ungewöhnliche Arbeitszeiten. Wir fangen erst um 10 Uhr an und hören um halb sieben abends auf. Das finde ich nicht so gut, weil ich erst abends nach Hause komme. Morgens fange ich auf der Arbeit mit Verwaltungsaufgaben an, davon gibt es nicht wenig: individuelle Pläne, Verträge, Vorbereitung und so weiter. Von 13 bis 18 Uhr kommen dann unsere Besucher.  Es sind grob geschätzt etwa 30 am Tag.

Was passiert dann am Nachmittag?

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Das hängt von der Altersgruppe der Besucher ab. Dem Gesetz entsprechend haben wie die volle Altersspanne – von sechs bis 26 Jahren. Aber die Mehrheit ist nicht über 20. Es kommen Kinder und Jugendliche aus Roma-Familien, für die wir eine gute Alternative zum Rumhängen auf der Straße sind. Die jüngeren brauchen irgendeine Form der Unterhaltung, es muss ihnen hier gefallen, sonst kommen sie nicht. Dabei helfen wir dann zum Beispiel bei den Schulaufgaben. Die Älteren haben meist schon ein konkretes Anliegen mit dem sie zu uns kommen. Ein ernsthaftes Problem ist, dass in den letzten zirka drei Jahren immer mehr Menschen kommen, deren Existenz akut bedroht ist und das obwohl sie noch sehr jung, 18, 20 Jahre alt, sind. Wir begleiten sie zum Amt, helfen ihnen Arbeit und Wohnung zu finden und besprechen ihre persönlichen Probleme mit ihnen. Außerdem machen wir Streetwork, dabei geht es darum direkt auf den Straßen etwas zu bewirken.

Was macht das für einen Eindruck in der Umgebung, wenn Sie auf der Straße arbeiten?

Man hält uns ein bisschen für Narren, aber darüber sprachen wir schon. An den meisten Orten, wo wir arbeiten, kennt man uns und die Menschen haben sich an uns gewöhnt. Wir müssen uns die Hoffnung erhalten, dass es Sinn macht, obwohl es manchmal fast albern wirkt. Auf der Straße können wir einerseits auf jemanden treffen, den wir schon kennen, aber der uns irgendwie abhanden gekommen ist, auf der anderen Seite leisten wir Vorsorgearbeit, wir suchen aktiv potentielle Besucher. Ich glaube, darin sind wir ziemlich gut. Wir sind nicht aufdringlich, sondern wirken eher sympathisch. Das sieht man daran, dass die Betreffenden Interesse zeigen. Wir haben unsere eigenen Ansätze wie wir vorgehen, damit wir nicht aussehen wie ein Überfallkommando oder wie Straßenhändler.

Und wie sieht es jetzt in der Coronapandemie bei Ihnen aus?

Es ist alles ein bisschen zerstört. Die Besucher kommen in Kleingruppen oder einzeln. Und was die Arbeit vor Ort auf der Straße angeht, versuchen wir über soziale Netzwerke die Leute trotzdem anzusprechen. Das, was normalerweise auf der Straße oder bei uns in der Einrichtung passieren würde, geschieht halt jetzt auf Facebook.

Die Arbeit scheint Ihnen Freude zu bereiten, sie halten sich geradezu närrisch an das Prinzip Hoffnung. Aber gibt es nicht von Zeit zu Zeit Dinge, die Ihre Hoffnung ein wenig erschüttern?

Es kommt zum Beispiel nicht selten vor, dass uns hier einer verloren geht. Da kann es sein, dass einer von unseren Besuchern etwas klaut. Damit muss man rechnen. In der Regel ist das dann jemand, der bei uns neu ist. Oder jemand, der wirklich in große Schwierigkeiten geraten ist. Oder jemand, der sich an uns rächen möchte.

Wieso sollte sich jemand rächen wollen?

Es gibt viele Dinge, die unseren Kindern und Jugendlichen Freude bereiten, aber wir verlangen auch, dass gewisse Regeln eingehalten werden und das finden sie dann nicht mehr so toll, das ist manchmal neu für sie. Aber wenn sie diese Regeln nicht einhalten, dann hat das Konsequenzen. Sie kriegen zum Beispiel Hausverbot, für einen Tag oder manchmal auch länger. Dann denken sie, dass sie uns das zurückgeben müssen und wenn sie gehen, stecken sie irgendetwas ein und verschwinden damit. Wer das war, erkennt man zum Beispiel daran, dass der Betreffende plötzlich nicht mehr kommt. Aber wir nehmen das nicht allzu ernst. Es ist verständlich, das sind Menschen, die wirklich oft nicht einmal was zu Essen haben und auf der Straße schlafen. Im Endeffekt erschüttert es meine Hoffnung dann doch nicht so.

Wenn diese Hoffnung über den Dingen liegt und unabhängig ist, wie Sie sagen, dann ist sie auch ein bisschen theoretisch, oder? Oder äußert sie sich irgendwie konkret? Vielleicht durch Lob? Sehen Sie manchmal offensichtliche Erfolge?

Das gibt es sicher. Die Kinder geben uns auf gewisse Art etwas zurück. Das ist kein direktes Lob, aber wenn sie Dinge sagen wie – „Pavel, das hast du mir beigebracht!“, dann freut mich das natürlich! Das ist die Würze, ohne die jedes Essen langweilig wäre. Aber ich komme noch einmal auf diese gewissen Torheit zurück, die mit der Arbeit einhergeht – vierzigmal funktioniert es nicht, aber wenn der einundvierzigste kommt sage ich nicht, dass es von vorneherein klar ist, dass es keinen Sinn hat. Im Gegenteil, ich versuche es erneut, als ob er der erste wäre.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Es gibt hier sehr viele sehr junge Menschen, die früh ins Sexualleben einsteigen. Sie sind etwa 15, 16 Jahre alt, Jungen und Mädchen. Wir wissen das und denken uns eine ganze Reihe präventiver Maßnahmen aus. Wir sprechen mit ihnen, auch über Familienplanung und sie scheinen uns verstehen und die Prävention sinnvoll zu sein. Aber dann ist jemand 15, wirft alle unsere Ratschläge in den Wind und stürzt sich Hals über Kopf in das Abenteuer mit all seinen Folgen. Und das ist für mich genau jener Einundvierzigste. Aber ich muss dazu sagen, bei guter präventiver Arbeit ist das Ergebnis, dass „nichts passiert“. Also, das heißt nichts Schlimmes. Wir erfahren zwar, dass diesem oder jenem Jugendlichen dieses oder jenes passiert ist, aber wir erfahren nicht, was passiert wäre, wenn wir nichts unternommen hätten. Es könnte immer noch viel schlimmer sein! Es ist daher nicht immer einfach abzuschätzen, welchen Einfluss unsere Arbeit tatsächlich hat. Manch einen Besucher verlieren wir völlig aus den Augen und dann wissen wir nicht, was aus ihm wird und was unsere Arbeit bewirkt hat. Dann sagt uns sein Kumpel, dass er in Kanada ist.

Der Einundvierzigste ist also ein Beweis dafür, dass es immer Hoffnung gibt, wenn ich nur ein Narr genug bin?

11. bratr-6Ja. Völlig unabhängig davon, ob das sinnvoll ist, ob das Erfolg haben wird, versuche ich es einfach noch einmal. Mich macht das nicht fertig. Wenn wir uns dann auf der Arbeit über diese Dinge unterhalten und uns gegenseitig von diesen vergeblichen Versuchen erzählen, dann lachen wir darüber. Über uns selbst lachen wir dann, nicht über unsere Besucher! Ob das sinnvoll ist? Natürlich verfolgen wir die Ergebnisse, gerade für Berichte müssen wir einige Statistiken anfertigen, aber das ist nicht ausschlaggebend für uns. Das hat nichts mit der Energie zu tun, die wir in unsere Arbeit stecken.

Überkommt sie nicht trotzdem manchmal der Gedanke, dass Sie das alles besser sein lassen sollten?

Natürlich gibt es Dinge, die mich aufregen, ja. Aber das hat nichts mit unseren Besuchern zu tun. Das hängt eher damit zusammen, wie uns die Öffentlichkeit wahrnimmt, bzw. inwiefern wir unterstützt werden. Mit der Einstellung in der Gesellschaft. Ich weiß nicht, woher die bei den Leuten kommt – damit meine ich diejenigen, die entscheiden, ob wir weitermachen können oder nicht. Aber der Gedanke alles aufzugeben kam mir noch nicht. Eigentlich möchte ich gerne weiterhin dieser Narr sein.

Wenn Sie Ihrer Fantasie freien Lauf lassen, wo sehen Sie sich in Zukunft? Wollen Sie hier weitermachen?

Ja. Das ist zwar nicht sehr fantasievoll, aber so ist es nun mal.

Jana Plíšková