Die Debatte über die Homo-Ehe: spät aber dennoch

pexels-marta-branco-1173576Die Kommission für den Dialog mit der LGBTQ+ Community hat drei Online-Diskussionen in Form eines moderierten Interviews vorbereitet. Diese hatten ein recht klares Ziel: die Debatte über Positionen zur Homo-Ehe in unserer Kirche eröffnen. Der Zahl der Zuschauer*innen nach lässt sich sagen, dass es innerhalb der Evangelischen Kirche ein großes Interesse gibt.

Die erste Diskussion fand am Mittwoch, den 10. Februar statt und trug den Titel „Biblische, theologische, ethische und psychologische Aspekte der Homosexualität“. Zu Gast waren die Psychotherapeutin Dagmar Křížková, der Ethiker Jindřich Halama und der Bibelwissenschaftler Martin Prudký, die Diskussion wurde von Pfr. Mikuláš Vymětal, dem kirchlichen Beauftragten für Minderheiten moderiert.

Die Diskussion thematisierte das Dokument „Die Problematik homosexueller Beziehungen,“ das von der Kirche im Jahr 2006 im Anschluss an die 1. Sitzung der 30. Synode (Mai 2004), herausgegeben wurde. Alle drei Gäste waren an der Vorbereitung dieses Dokuments beteiligt und sie sollten sich in der Diskussion, jetzt nach 15 Jahren, zu dem Dokument äußern. Alle vertreten den gleichen Standpunkt zu dieser Thematik: Homosexualität ist keine Krankheit und für Christ*innen handelt es sich nicht um ein Problem.

Martin Prudký erinnerte am Anfang, dass alle Texte des Alten und Neuen Testaments, die als Beweis für die Abscheulichkeit gleichgeschlechtlicher Liebe bezeichnet werden, im Kontext der Zeitperiode zu verstehen sind. Wichtig ist es zu betonen, dass die Bibel eigentlich den Begriff homosexuelle Orientierung gar nicht kennt. Sie kennt nur homosexuelle Handlungen, die fast in allen Texten als Form von Gewallt und Dominanz verstanden werden.

Jindřich Halama ist der Meinung, dass Homosexualität nicht das wichtigste Thema der christlichen Glaubenslehre ist, es ist viel mehr ein Thema der Seelsorge.

Dagmar Křížková präsentierte die sexologische/medizinische Sichtweise. Die sexuelle Orientierung ist angeboren, man kann sie mit medizinischen Maßnahmen nicht ändern. Alle Versuche, sie zu heilen, sind gescheitert, die Weltgesundheitsorganisation hat die Homosexualität schon im Jahr 1990 aus der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen.

Die zweite Diskussionsrunde fand am Mittwoch, den 24. Februar unter dem Titel „Wie ergeht es lesbischen und schwulen Menschen in der Kirche und in der Tschechischen Gesellschaft“ statt. Diesmal waren konkrete Lebensgeschichten das Thema.

pexels-sharon-mccutcheon-3738057-scaledMehrere Menschen haben die Einladung angenommen, darunter das Ehepaar Pospíšil, die Eltern einer jungen lesbischen Frau, desweiteren zwei Mitglieder der christlichen LGBT Community, Zdeněk Turek, Theaterschauspieler und Hilfspfarrer der EKBB, und Veronika Dočkalová, Vorsitzende des Vereins Logos. Außer der Katholikin Veronika Dočkalová sind alle Gäste aktive Kirchenmitglieder der EKBB. Die Debatte wurde wieder von Mikuláš Vymětal, dem Pfarrer für Minderheiten, moderiert.

Gleich zu Beginn entwickelte sich eine Diskussion zum Thema Coming out, dem Moment, in dem ein Mensch seine sexuelle Orientierung öffentlich bekannt macht. Eine interessante Perspektive zeigte das Ehepaar Pospíšil, die den Coming out von der anderen Seite her erlebten, also als Empfänger der Nachricht ihrer Tochter. „Wenn ich mich daran erinnere, brachte die Erklärung unserer Tochter über ihre Sexualität vor allem Erleichterung, weil all die Dinge, die wir irgendwie gefühlt hatten, auf einmal klare Realität wurden,“ sagte Lenka Pospíšilová.

Desweiteren wurde das bedeutende Thema der Wahrnehmung homosexuell orientierter Menschen in der Kirche diskutiert. Veronika Dočkalová erzählte von oft schmerzvollen Situationen in der Römisch-katholischen Kirche: „Als ich mich auf die Firmung vorbereitet habe, traf ich auf die Wand des Katholischen Rechts und des Katechismus, die mir klar sagten: Du gehörst hier nicht so ganz hin.“ Zu der Situation in der Katholischen Kirche fügte sie hinzu: „Falls jemand in einer stabilen Beziehung mit einem gleichgeschlechtlichen Partner oder einer gleichgeschlechtlichen Partnerin lebt, hat er oder sie keinen Zutritt zu den Sakramenten. Ich finde das äußerst bizarr. Falls ein Mensch einzelne Erfahrungen mit gleichgeschlechtlichen Partner*innen gemacht hat und sie in der Beichte aufrichtig bereut, hat er oder sie Zugang zu allen Sakramenten. Wenn aber herauskommt, dass der Mensch eine stabile Liebesbeziehung mit dem Partner oder der Partnerin hat, ist er für die Kirche praktisch nicht mehr von Bedeutung. Aus meiner Sicht handelt es sich dabei um Förderung der Promiskuität auf Kosten von stabilen Beziehungen.“ Auf Hürden im evangelischen Umfeld ist wiederum Zdeněk Turek gestoßen, der gleich mit mehreren Kirchen Erfahrungen gemacht hat, darunter die Brüderkirche und die Siebenten-Tags-Adventisten. Auch er erlebte unangenehme Situationen und traf auf Unverständnis.

Wie das Ehepaar Pospíšil betonte, ist es eine Tatsache, dass die EKBB Homosexualität nicht als Sünde wahrnimmt. Im Kontext anderer tschechischer Kirchen handelt es sich dabei aber um eine Minderheitsposition. Als Beweis für das Dialogbedürfnis im kirchlichen Umfeld kann auch das ökumenische und sogar internationale Interesse gewertet werden: Die Debatte wurde von Laien und einigen Geistigen verfolgt; aus dem Ausland hat sich zum Beispiel eine slowakische lutherische Pfarrerin gemeldet, der wegen ihrer Offenheit gegenüber Menschen der LGBT-Comunity, die Gefahr droht, dass ihr die Erlaubnis geistlicher Betätigung in ihrer Kirche entzogen wird.

Die Diskussion brachte keine klaren Antworten, und zwar absichtlich, wie man anfügen muss. Der Zweck war nicht eine klare Positionierung oder das „Markieren des Spielfeldes“. Ziel war es, Raum für Diskussion zu schaffen und offen über das Thema zu debatieren.

Die dritte Diskussion fand am Mittwoch, den 14. April 2021 statt.

Das Gespräch wurde von Pavel Pokorný, dem Stellvertreter des Synodalseniors der EKBB, moderiert und zu Gast waren: Ivan Eľko, Generalbischof der Evangelischen Kirche A. B. in der Slowakei, Benigna Carstens, Mitglied der Leitung der Brüder-Unität im deutschen Herrnhut, und Ondřej Stehlík, Pfarrer der Presbyterianischen Kirchgemeinde in New York.

Die Vertreter der internationalen Kirchen sprachen über ihre Standpunkte und Einstellungen zur Homosexualität, über die Erfahrungen mit dem Dialog innerhalb der Kirche und der Gesellschaft und über die Suche nach einem Konsens.

Ema Pospíšilová, Adéla Rozbořilová