Von der Kritik zur Tat. Warum man sich in Svitavy entschlossen hat, eine Diakonie zu gründen und ein Seniorenheim zu errichten

000142_59_001287Man erzählt sich Folgendes: Als die Diakonie vor dreißig Jahren ihre Tätigkeit wiederaufnahm, sind wie aus dem Nichts neue Schulen und Zentren entstanden und zwar dank des Enthusiasmus von Mitgliedern der evangelischen Kirche. Heute ist das anders, wenn auch nicht völlig. Auch im 21. Jahrhundert entstehen neue Diakoniezentren auf der grünen Wiese.

In diesem Falle ist es nicht gerade eine grüne Wiese, eher ein musterhaft begradigtes Baugelände. Ursprünglich stand hier ein verlassenes Gut, das von Abbruchmaschinen abgerissen wurde. Wir sind unweit von Svitavy in der Gemeinde Vendolí. Von hier aus hat man eine schöne Aussicht auf die Felder und den Wald. Gleich nebenan gibt es ein Lebensmittelgeschäft. Und wenn alles nach Plan verläuft, wächst hier in relativ kurzer Zeit ein neues Seniorenheim. Unter der Leitung der Diakonie Svitavy, was im Rahmen der diakonischen Familie ein Novum ist. Dessen Geburtsstunde schlug vor einigen Jahren in der Kirchgemeinde Svitavy. Im dortigen Pfarrhaus lebt das Ehepaar Keller. Filip Keller ist evangelischer Pfarrer, seine Frau Květa Juristin.

Gemeinsam mit anderen gingen sie im Ort ältere und kranke Gemeindeglieder besuchen. Häufig auf einer Pflegestation (im Tschechischen bekannt unter der Abkürzung LDN – Langzeitpflege). Als sie ihre Erfahrungen untereinander austauschten, waren sie sich einig, dass dieses Umfeld kein gutes Gefühl bei ihnen hinterlässt. Man hatte den Eindruck, die menschliche Würde leidet. Die anderen Mitglieder der Pfarrgemeinde sahen das ähnlich. „Aber uns ist noch nicht eingefallen, dass wir damit etwas machen könnten,“ sagt Květa Kellerová. „Es war eher ein gemeinsames Kritisieren.“

Dann kam ein Ausflug nach Nosislav bei Brünn. Die Brünner Diakonie hat dort zusammen mit den Protestanten vor Ort ein kleines Geschütztes Wohnheim für Senioren gebaut, so konzipiert, dass es einen gemeinsamen Haushalt nachahmt. Es steht unweit des Pfarrhauses, ungefähr in Dorfmitte. Nicht weit entfernt liegt der Weinberg. Die Führung hat die Besucher aus Svitavy beeindruckt.

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Als es im April 2018 zu einem weiteren von vielen Besuchen auf der Pflegestation von Svitavy kam, wo ein Mitglied der Pfarrgemeinde untergebracht war, nur weil für ihn kein Platz in einer würdevolleren Umgebung gefunden werden konnte, kam es zu einer Wende. „Wenn sie das in Nosislav geschafft haben, schaffen wir das auch,“ erinnert sich Květa Kellerová an den Moment, in dem die Entscheidung fiel, dass auf die Kritik Taten folgen müssen. Es begannen vorbereitende Arbeiten, was heutzutage vor allem bedeutet, dass man verhandelt und verhandelt und verhandelt … und verhandelt.

„Wir wollten nicht, dass das Ganze Sache eines kleines Kreises von Enthusiasten bleibt,“ sagt Květa Kellerová. Zuerst war es nötig, für die Idee, ein neues Seniorenheim zu bauen, die Gemeindeglieder zu gewinnen. Ihr Vorstand (der Ältestenrat) unterstützte den Vorschlag eindeutig und beauftragte eine Arbeitsgruppe mit den Verhandlungen. Und die machte sich auf den Weg zur Geschäftsleitung der Diakonie, ausgestattet mit dem starken Argument, dass der Bezirk Pardubice, in dem Svitavy liegt, der letzte tschechische Bezirk ist, in dem die Diakonie nicht wirkt, und dass jetzt die Gelegenheit ist, dies zu ändern. Nach Abwägen verschiedener Varianten wurde beschlossen, dass die Geschäftsleitung der Diakonie selbst die Schirmherrschaft über das Bauprojekt in Vendolí übernimmt.

000142_50_001282Und dann ging es zur Stadt und dann zum Bezirk. Květa Kellerová lud zusammen mit der Arbeitsgruppe alle Träger sozialer Dienste in der Stadt ein, um ihnen das Vorhaben vorzustellen, insbesondere, um den möglichen Eindruck zu zerstreuen, dass hier irgendein kirchliches Soloprojekt ohne Rücksicht auf alle anderen entsteht. Die Stadt wurde um Unterstützung angefragt. Erfolgreich.

Es klingt einfach und es lässt sich in wenigen Zeilen beschreiben. Dahinter stehen jedoch viele, viele Stunden des Überlegens, des Rechnens, des Vorbereitens von Unterlagen, des geduldigen Erklärens – ein Arbeitsumfang, der einen Einzelnen unter sich begraben würde. Mitstreiter sind notwendig. Květa Kellerová nennt in diesem Zusammenhang einen wichtigen Namen – Jiří Brýdl, emeritierter Senator, Bürgermeister von Svitavy, Bezirksabgeordneter und Mitglied des Ältestenrates der Kirchgemeinde Svitavy. Hinsichtlich seiner Berufserfahrung stellt er bei den Verhandlungen mit verschiedenen Institutionen eine vertrauenswürdige Autorität dar. Auch ihm ist es zu verdanken, dass gute Verbindungen zum Bezirk geknüpft werden konnten, so dass das künftige Heim in Vendolí bereits jetzt ins sogenannte Netz von Trägern sozialer Dienste des Bezirks eingefügt ist, was für die künftige Finanzierung ungemein wichtig ist.

000142_59_001287Der Architekt Radim Oblouk sollte die Vorschläge für das neue Heim ursprünglich nur konsultieren. Die Zusammenarbeit im Team hat ihn jedoch so sehr angesprochen, dass er heute dasjenige Teammitglied ist, das am stärksten ausgelastet ist. Das geamte Haus entwarf er nach dem Vorbild der Seniorenheime in Graz und Leoben. Am wichtigsten ist die Innengestaltung des Hauses, die in offenen gemeinsamen Wohnräumen besteht. In sie gelangt man direkt aus den Zimmern der Bewohner. So enstehen zwei „Haushalte“ von zehn bis elf Mitgliedern.

Als der Entwurf fertig war, begann eine weitere Verhandlungsrunde direkt in der Gemeinde Vendolí, die für das Projekt ein Grundstück anbot, denn ein Seniorenheim ist seit langem Plan des Ortes. Seine finale Gestalt betrachtete der Rat der Kommune jedoch mit gemischten Gefühlen. „Wir wussten, dass es nicht leicht wird,“ sagt Květa Kellerová. In dem schmucken Ort legt man Wert darauf, dass alle Häuser traditionelle Satteldächer haben. Der Architekt war bemüht, dies wenigsten teilweise zu berücksichtigen. Die heutigen Ansprüche an Gebäude, in denen Energie gespart werden muss, verlangen jedoch nach einer anderen Disposition. Einige Vertreter der Kommune waren darum unzufrieden. Es begann eine weiter Runde des Erklärens und des Verhandelns, die von September bis Dezember vergangenen Jahres andauerte. Am Ende aber erlangte das Projekt im Rat der Kommune die Mehrheit.

Aber es ist noch lange nicht fertig. Der Architekt hat nämlich damit begonnen, dass Heim so umzuarbeiten, dass es den Standart eines Passivhauses erfüllt, also keinerlei Energie benötigt. Das ist eine der Bedingungen, um EU-Förderung zu bekommen, die bis zu 85 % der Baukosten decken sollte. Damit sind weitere Komplikationen verbunden, u.a. die Notwendigkeit, eine neue Baugenehmigung zu beantragen und die Bedingung, den Bau bis Ende 2023 fertigzustellen. „Wie wir es auch drehen und wenden, immer kommt heraus, dass es sehr schade wäre, das nicht zu versuchen. Auch wenn wir damit ein erhebliches Risiko auf uns nehmen,“ sagt Květa Kellerová, die bereit ist, das fertige Heim zu leiten.

Adam Šůra