Wie das Theologiestudium den eigenen Glauben erschüttern kann. Ein Gespräch mit dem Prodekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät Ladislav Beneš

7. portrety009_300x300Die Evangelisch-Theologische Fakultät ist Teil der Karlsuniversität und eine von drei theologischen Fakultäten. Im Jahr 2019 feierte sie ihr hundertjähriges Bestehen. Wie sie zur Zeit aufgestellt ist, wie das Studium dort aussieht und wie neue Studenten gewonnen werden, sind Themen, über die wir mit dem Prodekan für Studienangelegenheiten, praktischen Theologen und Pfarrer Ladislav Beneš gesprochen haben.

Als ich Mitte der Neunziger Jahre mein Studium an der Fakultät aufgenommen habe, war die Zusammensetzung der Studenten sehr durchmischt. Die Mehrheit hatte nicht vor, sich auf den Dienst in der Kirche vorzubereiten. Wie ist das heute?

Die Situation hat sich sehr verändert und zwar in vielerlei Hinsicht.  Was das Studium der evangelischen Theologie angeht, so kommt tatsächlich ein Großteil der Studenten aus dem kirchlichen Umfeld und erwägt hinterher in der Kirche zu arbeiten. Dabei kommen sie nicht nur aus der EKBB, sondern praktisch aus allen unseren Kirchen. Es sind junge Menschen nach dem Abitur, aber auch Presbyter, die ihre Kenntnisse vertiefen oder als Hilfsprediger mitarbeiten wollen. Außerdem kommen Menschen, die eine zweite Karriere in Erwägung ziehen – sie wollen anfangen etwas “Sinnvolles” zu tun. Aber die Situation an der Fakultät hat sich auch sehr dadurch verändert, dass das Studium im Fachbereich Soziale Arbeit hinzugekommen ist. Studenten in diesem Bereich machen etwa zwei Drittel der Studierendenschaft aus. Oft sind zwischen ihnen kirchlich Engagierte, aber natürlich auch solche, die sich zu keiner Kirche bekennen. Voneinander zu lernen – sowohl fächerübergreifend als auch in Hinblick auf verschiedenste unterschiedliche Weltanschauungen ist tatsächlich eine Herausforderung und ein spannender Ansatz, in dem wir eine vielversprechende Zukunft sehen.

Die Fakultät trägt zwar den Namen „Evangelisch“, aber sowohl unter den Studenten als auch unter den Dozenten sind Christen unterschiedlicher Konfession. Was macht diese Fakultät zu einer evangelischen?

Wie schon erwähnt, sind an unserer Fakultät nicht nur bekennende Christen. Wir sind Teil der Universität und deshalb stehen wir jedem offen, der die Werte der Universität teilt. Wir sind eine von drei theologischen Fakultäten. Es ist daher vielleicht einfacher zu formulieren, was uns voneinander unterscheidet. Ja, bei uns sind vielleicht die meisten Protestanten. Aber ich vermute, bei uns steht eher die enge und traditionelle Verbundenheit mit den evangelischen Kirchen im Vordergrund, in erster Linie und am stärksten mit der EKBB. Außerdem – oder vor allem –  geht es bei uns um die Entwicklung der evangelischen Theologie mit ihrem Schwerpunkt auf kritischer Forschung im Bereich der Bibelwissenschaften.  Damit hängt auch die Reflexion über die Wirkung des Evangeliums in der Geschichte und Gegenwart, über Fragen der christlichen Perspektive in der Ethik und über menschliche Freiheiten und Rechte in den Beziehungen zu anderen Religionen und Weltanschauungen zusammen. Diese Reflexion geschieht gewissermaßen frei, kritisch, aber auch mit Rücksicht auf die Traditionen des Protestantismus und vor dem Hintergrund der ökumenischen Zusammenarbeit und Offenheit gegenüber anderen und gegenüber allem, was kommt. Diese kritische Reflexion und diese Offenheit zeigen sich sowohl im Bereich der Theologie als auch in unseren anderen Fachgebieten.

Zur Arbeit der Fakultät gehören unabdingbar auch lebendige, langfristig aufgebaute Beziehungen zu ausländischen theologischen Hochschulen. Gibt es einige Beispiele für eine gelungene Zusammenarbeit mit dem Ausland?

Vielleicht bin ich darüber nicht ausreichend informiert, aber mir fällt keine „nicht gelungene“ Zusammenarbeit ein. An einige ausländische Hochschulen gehen die Studenten in den letzten Jahren nicht mehr, aber insgesamt ist das Studium im Ausland eine grundlegende Lebens- und Berufserfahrung. Einer der Vorteile unserer Fakultät liegt tatsächlich in der Anzahl an Kontakten und Möglichkeiten. Bei Erfüllung gewisser Mindestvoraussetzungen kann jeder, dem etwas daran liegt, im Ausland studieren. Zunächst fällt mir die traditionelle Zusammenarbeit mit Tübingen oder Heideberg in Deutschland ein oder die Kooperation mit Oxford in Großbritannien und den Universitäten Atlanta und Princeton in den USA. Im Bereich der sozialen Arbeit sind eher Hochschulen in Skandinavien attraktiv. Sehr stolz sind wir natürlich auf die Kooperation unserer Bibelwissenschaftler mit der Universität Tel Aviv. Diese besteht  im Rahmen archäologischer Ausgrabungen in der Umgebung von Jerusalem, die nicht nur viel Erfahrung und Arbeit mit sich bringen, sondern insbesondere Erkenntnisse über das Leben zur Zeit des Reichs Juda. Und nochmal – zur Teilnahme kann sich grundsätzlich jeder unserer Studenten anmelden.

Für ausländische Studenten bietet die Fakultät auch Kurse auf Englisch an. Was ist der Hauptanreiz sich ausgerechnet diese Fakultät auszusuchen?

TF_social_media87Das müsste man die Studenten fragen. Es ist wahrscheinlich überflüssig zu betonen, dass im letzten Jahr die Auslandsaktivitäten deutlich eingeschränkt waren. Trotzdem studieren bei uns ausländische Studenten für ein oder zwei Semester. Das geht heute von zu Hause aus oder hier in Prag. Ich weiß nicht genau, inwiefern das Interesse an der Fakultät seiner fantastischen Lage und seinem attraktiven kulturell-gesellschaftlichen und historischen Kontext geschuldet ist oder inwiefern es eher an den Dozenten liegt, sie sich stark im Ausland engagieren und dort publizieren. Es kommt eine Reihe ausländischer Forscher zu uns, die sich dann mit ihren Studenten ausgiebig über uns unterhalten. Gewöhnlich interessieren sich die Studenten für ein konkretes Thema oder eine Epoche der tschechischen Geschichte, ob nun Reformation oder Neuzeit. Manchmal ist auch die für Prag so typische Vermischung der Kulturen ausschlaggebend oder sie kommen mit einem speziellen Interesse für z.B. Biblistik. Ganz neu werden wir jetzt einen kompletten Bachelorstudiengang der evangelischen Theologie auf Englisch anbieten. Wir stellen fest, dass es auf der Welt viele Absolventen verschiedener theologischer Studiengänge gibt, die Interesse an einer grundlegenderen Ausbildung haben, einschließlich der Bibelsprachen oder systematischer Theologe oder Geschichte, sodass sie in ihren jeweiligen Ländern anschließend den Abschluss machen und sich weiter der Theologie widmen können.

An wen richten sich die auf soziale Arbeit ausgerichteten Studienfächer, die doch in ganz ähnlicher Form auch an anderen Hochschulen angeboten werden?

Wir bieten im Bachelorstudium Soziale und Pastorale Arbeit an. Aber ungefähr ein Viertel aller Vorlesungen und Seminare sind Grundlagen der theologischen Bildung, die der Stärkung der Motivation zu dieser Arbeit dienen. Damit zusammen hängt eine kritische Reflexion über das Menschenbild und die Würde und Rechte des Menschen, aber es geht auch um Notsituationen, Krankheiten, usw. Gelehrt wird eine theologische Reflexion über die Wirklichkeit der Sozialen Arbeit vor dem Grundverständnis der Einzigartigkeit des menschlichen Lebens. Der anschließende Masterstudiengang Krisen – und Pastoralarbeit in der Gemeinschaft – Diakonik verbindet die Elemente Arbeit in der Gemeinschaft mit pastoraler Arbeit, wobei der Schwerpunkt auf einer komplexen Reflexion über zwischenmenschliche Zusammenarbeit und Beziehungen liegt.

Steht es zur Debatte weitere Studiengänge einzuführen?

Derzeit nicht. Wir ziehen eher in Erwägung einige Spezialisierungen auszuweiten. Vor kurzem haben wir das Studienangebot um den konsekutiven Masterstudiengang Theologie – Spiritualität – Ethik erweitert, der einen tiefen Einblick in die christliche Denkweise und Ethik in einem ökumenischen Kontext bietet. Er schließt gewissermaßen an den Bachelorstudiengang Theologie christlicher Traditionen an. Das Studium eignet sich auch für alle, die sich bisher nicht mit Theologie befasst haben. Unser Grundgedanke war, dass ihn Studenten absolvieren, die einen Abschluss aus einem anderen Studiengang mitbringen und zusätzlich Kenntnisse in diesem Bereich erwerben wollen. Zum Beispiel Interessierte aus den Bereichen Kunst, Medien, Geschichte, Wirtschaft oder Medizin und selbstverständlich auch sogenannte kirchlich engagierte Laien. Bislang ist es uns allerdings nicht gelungen den Studiengang richtig anzubieten.

Auf der Webseite der Fakultät kann man Profile der Absolventen aus den einzelnen Studiengängen einsehen. Wie ist das tatsächlich? Finden die Absolventen leicht eine Stelle?

Soweit ich weiß findet jeder, der sich auf den Dienst in der Kirche vorbereitet und dort arbeiten möchte, eine Stelle. Dasselbe gilt für den Bereich der sozialen Arbeit. Das liegt sicher in gewisser Weise daran, dass dort immer eine gute Ausbildung verlangt wird, aber auch daran, dass die Studenten in diesen Bereichen bereits tätig sind und sich weiterqualifizieren oder Kontakte zu zukünftigen Arbeitgebern aufbauen. Sie entdecken, was sie interessiert und können das dann weiterverfolgen. Ich denke, das sagt Einiges über die hervorragende Qualität unserer Fakultät aus – das motiviert dazu in einer Reihe interessanter Berufe zu arbeiten, in der Kirche, im gemeinnützigen oder nicht-gemeinnützigen Bereich, in der Kultur oder der staatlichen Verwaltung.

Was würdest du dir wünschen, was  die Studenten aus ihrer Zeit an der Fakultät mitnehmen sollen?

Das wird einigen vielleicht sehr wenig vorkommen – die Fähigkeit zu kritischem Denken. Das beinhaltet allerdings eine Menge nicht geringer Kenntnisse, die Fähigkeit methodisch nachzudenken, einen Überblick über eine ganze Reihe wissenschaftlicher Fächer, die Fähigkeit mit anderen in den Dialog zu treten und mit unterschiedlichsten Menschen zusammenzuarbeiten und gleichzeitig erfordert es eine gewisse Begeisterung für das lebenslange Lernen. Gibt es etwas Nützlicheres für unsere Kirche und Gesellschaft? Gibt es eine spannendere Art zu leben?

Ondřej Kolář