Technologie & Religion

26d5c882-71fc-4439-be31-b42ba2e71922„Der Glaube an die Technologie stellt eine Art moderne Eschatologie dar – den Glauben daran, dass die Technologie den Menschen und mit ihm die Welt rettet“, sagt František Štěch von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karlsuniversität.

Mag. František Štěch, Dr. theol., studierte Theologie an der Südböhmischen Universität in Budweis, wo er bis 2016 lehrte. Erfahrungen sammelte er an mehreren ausländischen Universitäten: in den Niederlanden, in Deutschland und den USA. Er befasst sich mit Fundamentaltheologie, theologischer Interpretation der Landschaft und konzentriert sich auf die Erforschung der Beziehung zwischen Theologie und neuen Technologien. An der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karlsuniversität leitet er eine internationale Forschungsgruppe zum Verhältnis von Theologie und zeitgenössischer Kultur und lehrt am Ökumenischen Institut.

Um den Einfluss der Technologie auf den Menschen geht es in Ihrem Projekt „Christentum nach dem Christentum: die Erforschung des menschlichen Schicksals im digitalen Zeitalter“. Worum geht es?

Es geht uns um einen ganzheitlichen Ansatz zum Thema menschliche Erfahrung in der Informationsgesellschaft. Die zentrale Hypothese lautet, dass fortschrittliche Informationssysteme nicht nur die menschliche Erfahrung der Welt oder die Konstruktion menschlicher Identität verändern, sondern auch ganze soziale und politische Gruppierungen prägen. Wir glauben, dass Theologie in dieser Situation einen wertvollen Blickwinkel darstellt, um die Veränderungen in der heutigen Welt zu verstehen, einschließlich Phänomenen wie der Digitalisierung oder der Datafizierung aller Dinge.

Versuchen Sie mir zu erklären, inwiefern eine theologische Sichtweise eigentlich nützlich sein kann.

Sie ist das mindestens in zweierlei Hinsicht. Erstens kann Theologie nützlich sein, um die Technologie sowie technologisches Denken zu analysieren und zu kritisieren, und zweitens erinnert sie uns wieder an das Thema Freiheit. Die Theologie will die Technologie nicht einfach kritisieren, sondern das freie Verhältnis des Menschen zur Technologie wiederentdecken. Und damit stellt sich erneut die Frage: „Wer ist der Mensch angesichts neuer Technologien?“ Auch technologisch hochentwickelte Zivilisationen sind nicht frei von religiösen Strukturen und Konzepten. Diese sind oft unauffällig in ihnen versteckt, kommen aber immer irgendwie an die Oberfläche. Der Glaube an die Technologie stellt eine Art moderne, säkularisierte Eschatologie dar – den Glauben daran, dass die Technologie den Menschen und mit ihm die Welt rettet. Manche setzen sogar neue religiöse Bewegungen in Gang und beten eine sogenannte technologische Singularität an – also den Wendepunkt, an dem die Fähigkeiten von Maschinen die Fähigkeiten des Menschen übersteigen. Es gibt zum Beispiel eine Sekte namens Weg der Zukunft, die vom ehemaligen Google-Entwickler Anthony Levandowski gegründet wurde. Ihre Mitglieder glauben an die Göttlichkeit der künstlichen Intelligenz. Aber selbst der Zukunftsforscher Ray Kurzweil glaubt daran, dass man dank der Entwicklung der Technologie Unsterblichkeit erlangen kann.

Was ist interessiert Theologen noch an diesem Thema?

Ein weiteres Thema ist zum Beispiel die Schöpfung. Ein Mensch, der seine Freiheit in schöpferischer Weise verwirklicht, schafft neue Technologien, um sein Leben einfacher und angenehmer zu machen, und wird so zum Gestalter – wenn Sie so wollen, zum Schöpfer – von Technologien. Natürlich will er die Kontrolle über seine Schöpfung behalten. Aber ist es möglich, alles, was wir erschaffen, vollständig zu kontrollieren? Die Fähigkeit, menschliches Verhalten vorherzusagen, wurde Gott (Leibniz) oder Engeln (Thomas von Aquin) zugeschrieben. Heute konkurrieren die Algorithmen technologischer Kolosse wie Google, Amazon oder Facebook tüchtig mit ihnen.

Religion trifft auf Technologie. Wie verändern sich dadurch das Christentum und seine Theologie?

88e6b9eb-4ee6-4243-9569-84ae5228b851Ich weiß nicht, ob es schon möglich ist zu sagen, wie sich das Christentum und seine Theologie in Abhängigkeit von neuen Technologien genau verändern. Aber ich bin überzeugt, dass sie sich ändern. Vielleicht könnten wir dies am Beispiel der Begegnung von Religion mit einem technischen Schlüsselmedium wie dem Internet veranschaulichen. Der amerikanische Soziologe Christopher Helland hat in der jüngeren Vergangenheit zwischen Religion online und Online-Religion unterschieden. Erstere könnte als statische Präsenz von Religion oder religiösen Inhalten im Internet bezeichnet werden. Also zum Beispiel Internetseiten von Pfarreien oder Kirchengemeinden und dergleichen. Diese bleibt natürlich bestehen, aber die allmähliche Verbesserung der Technologie hat ungefähr in den letzten zwei Jahrzehnten das Aufkommen einer „Online-Religion“ ermöglicht. Als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie wurden viele kirchliche Aktivitäten in einen virtuellen Raum verlegt. Während die Online-Übertragung von Gottesdiensten früher eine Ausnahme war, ist sie in diesem Jahr gängige Praxis und betrifft alle.

Interessierten Sie konkrete Ausprägungen dieses Trends?

Ein römisch-katholischer Geistlicher aus Maryland reagierte kreativ auf die aktuelle Situation und bot seinen Gläubigen ein Drive-Through-Sakrament der Versöhnung an, die Beichte. Das heißt, „Service“ mit Bedienung bis zum Auto, um die vorgeschriebenen Abstände für soziale Kontakte einzuhalten. Viel wird in diesem Zusammenhang auch über die Möglichkeit gesprochen, das Sakrament der Versöhnung online oder telefonisch zu erteilen. Und damit verbunden ist das Thema, Roboter zur Ausübung eines geistlichen Berufes einzusetzen. In einem buddhistischen Tempel in Kyoto in Japan gibt es bereits einen geistlichen Roboter namens Mindar, der die Gläubigen segnet und sogar ein geistliches Gespräch mit ihnen führen kann! 2017 wurde anlässlich des Jubiläums der Reformation vor 500 Jahren in Deutschland der Roboter BlessU-2 programmiert, der Gläubige segnet. In fünf Sprachen.

Ist nicht schon der Gedanke, dass ein Geistlicher von einem Roboter vertreten werden könnte, einigermaßen ketzerisch?

Es mag manchen so erscheinen, aber ich denke hier an den heiligen Paulus, der im ersten Brief an die Thessalonicher (5,21) schreibt: „Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ Und das kommt mir in diesem Zusammenhang wie eine wichtige Aufforderung vor. Persönlich kann ich mir vorstellen, dass künstliche Intelligenz in Zukunft Geistliche in christlichen Kirchen beim Verfassen von Predigten unterstützen oder sie bei dieser Tätigkeit eventuell komplett ersetzen kann. Es ist auch möglich, einen Roboter so zu programmieren, dass er – und zwar absolut genau – eine rituelle Handlung ausführt. Es klingt vielleicht nicht so ketzerisch wie amüsant, aber es wirft ernsthafte Fragen auf: Was sind Wesen und Zweck einer Kirchenpredigt? Wie ist eigentlich die Rolle eines Geistlichen gegenwärtig zu verstehen? Was ist wesentlich für sie? Was ist das Wesen des Priestertums? Und so weiter.

Kann dann der Glaube, der sich zwischen Gott und dem Menschen abspielt, nicht zum Glauben zwischen Gott, dem Computer und dem Menschen werden?

23eccbd4-5df9-4736-a6ed-11d0fe63ac79 (1)Die christliche Theologie vertritt den Schöpfungsgedanken. Sie knüpft dabei an die ältere jüdische Tradition an und behauptet, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. Die These, dass der Mensch Imago Dei ist, wird gerade durch die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen erhärtet, die aus dieser Sicht gewissermaßen das Werk Gottes widerspiegeln. Menschen sind wie Gott. Kann es nicht passieren, dass wir in dem Bemühen, wie Gott zu sein, künstliche Intelligenz nach unserem Bilde schaffen? Damit ein Computer (oder computergesteuerter Roboter) wie ein Mensch werde? Die Entwicklung künstlicher Intelligenz wird für christliche Kirchen zu einem sehr interessanten Thema. Und das nicht nur in ethischer Hinsicht. Fragen zur Entwicklung der künstlichen Intelligenz können uns helfen, nicht nur das Wesen des Menschseins, sondern auch das Wesen des religiösen Glaubens nochmals zu überdenken.

Jiří Novák, Foto: Martin Pinkas