Über „Vaters Haus“ zu den Landsleuten

000923_05_009978In den 1990er Jahren, nach der Unabhängigkeit der Ukraine, arbeitete in Kiew ein erfolgreicher Chirurg mit akademischer Stellung, Roman Korniiko. Er konnte sich nicht damit abfinden, dass es Hunderte von obdachlosen Waisenkindern auf den Straßen der Stadt gab, also begann er, Hilfe für sie zu suchen. Er brachte Ehepaare zusammen, die bereit waren, sich um sie zu kümmern, und versuchte gleichzeitig, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Angelegenheit zu lenken. Vonseiten der Behörden stieß er auf Ablehnung. Oft ermittelte die Polizei gegen ihn, mehrmals wurde er geschlagen. Doch er gab nicht auf, scharte nach und nach einen Kreis gleichgesinnter Christen um sich und baute mit ihnen ein Haus, in dem er die Waisen zusammen mit ihren Pflegeeltern beherbergte.

58717925_1054761288055221_5508975703846027264_oSie gaben dem Haus im Vorort von Kiew den Namen „Vaters Haus“ – also Haus des Vaters im Himmel. Und es ist nahezu unvorstellbar, wie viele hundert Kinder dort kamen und gingen und eine neue Familie fanden. Ehepartner, ob kinderlos oder mit Kindern, manchmal mit bereits erwachsenen Kindern, nahmen Waisen von der Straße in ihre Familien auf. Auch eine Schule wurde im Haus eingerichtet. Eltern aus dem Dorf bemühen sich heute darum, dass ihre Kinder in „Vaters Haus“ zur Schule gehen können. Das schöne, farbenfrohe und fröhliche Haus wurde später um ein zweites Gebäude erweitert, in dem man sich noch weitergehend um die Kinder kümmern kann. Hier arbeiten auch ein Arzt, ein Physiotherapeut und ein Psychologe.

In diese wunderbare Gemeinschaft kam ich im Sommer auf dem Weg zu unseren evangelischen Landsleuten in Bohemka und Veselinovka. Eigentlich wollte ich diese Reise gemeinsam mit Jan Dus unternehmen. Als der Krieg im Donbass begann, half Jan Dus, damals Leiter des humanitären Zentrums der Diakonie der EKBB, für „Vaters Haus“ Wohncontainer aus Zlín zu beschaffen. In diesen Häuschen wurden Flüchtlinge aus der Ostukraine untergebracht, vor allem Mütter mit Kindern aus dem Donbass, die zum Teil heute noch dort leben. Jan Dus konnte aber schließlich doch nicht mit mir in die Ukraine fahren. Er war von der Diakonie gebeten worden, nach dem Tornado den Hilfseinsatz im Dorf Hrušky zu leiten.

So fuhr ich gemeinsam mit Pavel Kalus, einem Pfarrer aus Prag-Žižkov, und seinem Sohn Jan [genannt „Honza“] in die Ukraine. Wir sagten den vereinbarten Besuch in „Vaters Haus“ nicht ab und sind bis heute gerührt von der Art und Weise, wie die Mitarbeiter uns empfangen haben. Eine der Bewohnerinnen dieser Zlín-Container gehört jetzt zum Führungsteam des Heims. Sie kümmerte sich um uns und zeigte uns an zwei Tagen alles, was „Vaters Haus“ ausmacht.

Eine Oase für Straßenkinder

Ich staunte darüber, was Roman und seinen Mitstreitern trotz des anfänglichen Widerstands gelungen war. Roman meint, dass sie das alles ohne die Hilfe von oben nicht geschafft hätten. Sie stellten ein Team von Leuten zusammen, die mit Kindern arbeiten können. Über die freundliche Atmosphäre des Hauses brauchte man nicht zu sprechen, man spürte sie hier, und es war offensichtlich, dass die Arbeit seit mehr als 20 Jahren gut funktionierte. Viele der „Kinder“, die hier einst Asyl fanden, sind heute Mitarbeiter oder Helfer des Heims und der gesamten Gemeinschaft. Roman spricht von ihnen als „Absolventen“.

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Nur wenige verstanden, dass jemand seine akademische medizinische Karriere für Straßenkinder opfern konnte. Roman berichtete, dass in der Anfangszeit eine Einsatztruppe zu ihrem Haus geschickt worden sei, die das ganze Haus durchsucht habe. Am nächsten Tag kam der Leiter des Einsatzes und entschuldigte sich. Er sei beauftragt worden, Drogen als Falle in das Heim zu bringen. Doch dazu sei er nicht in der Lage gewesen.

Es gelang nach und nach, die öffentliche Meinung zu ändern. Jetzt findet man an der Wand des Büros mehrere Auszeichnungen, zum Beispiel „Held der Republik Ukraine“.

In diesem Jahr ist ein kompletter Umbau des ersten Hauses im Gange. Die Kinder sind daher auf dem Gelände der riesigen Präsidentenresidenz untergebracht. Präsident Wolodymyr Selenskyj stellte ihnen einen der älteren Pavillons zur Verfügung. Die Kinder können an den Teichen auf dem Residenzgelände sogar ein Sommerlager veranstalten. Wir wurden auch in dieses militärisch bewachte, mehrere Kilometer große Gebiet geführt. Im Hinterhof von „Vaters Haus“ wurden wir Zeugen, wie sehr die Kinder Roman lieben und wie natürlich er mit ihnen umgehen kann.

Die bewundernswerte Kraft der Persönlichkeit Roman Korniikos, die einem aufrichtigen Glauben entspringt und in schwierigen Situationen einfallsreich Hilfe vermitteln und ein vertrauensvolles Umfeld schaffen kann, erinnert mich an die Arbeit von Přemysl Pitter in Tschechien.

Wir besuchten die Gemüse- und Obstgärten, in denen die Kinder mithelfen, sowie das große Gebäude des unvollendeten Zentrums, das die Stadt mitsamt Grundstück an „Vaters Haus“ verkauft hat. Es gibt Pläne, darin in Zukunft neue Räumlichkeiten und auch eine Schule für Assistenten einzurichten. Bisher befindet sich im Untergeschoss ein Kleiderspendenlager und im Erdgeschoss eine improvisierte, eigene Kinderkirche, zu der am Sonntag bis zu 200 Menschen kommen, darunter auch Dorfbewohner. Hier wird angeblich in einer Sprache gepredigt, die Kinder verstehen.

Die Kinder schickten Jan Dus ein schönes Geschenk, einen Handyständer aus Keramik. Sie haben ihn selbst gemacht und wollen damit an die Hilfe unserer Diakonie erinnern.

Gottesdienste in der Garage

Erfüllt mit Energie aus „Vaters Haus“ eilten wir zu unseren Freunden und Landsleuten in den tschechischen Gemeinden. Zuerst in die Stadt Perwomajsk, wo mehrere Menschen wohnen, die ursprünglich aus Bohemka stammen. Wir trafen uns am Samstag in der zauberhaften Garage von Václav Jančík wieder. Mit 17 Brüdern und Schwestern feierten wir Gottesdienst und Abendmahl. Wir waren froh, uns nach anderthalb Jahren wiederzusehen. An einer gedeckten Tafel voller Leckereien unterhielten wir uns noch lange.

Am Vorabend hatten wir bereits alles mit dem Ehepaar Kučer besprochen, das uns für eine Nacht beherbergte und bewirtete. Ludvík Kučera ist Spezialist für Schiffsmotoren. Er hat auf Schiffen die ganze Welt umrundet.

Betlémská kapleAm Samstagabend begrüßte uns bereits Bohemka. Pavel Kalus sah die Kirche wieder, die Bethlehem-Kapelle, zu deren Geburtsstunde vor einem Vierteljahrhundert er zusammen mit Pfarrer Václav Hurt anwesend war. Dank seines Lehrers Petr Pirocht von der Baugewerbefachschule in Brünn konnte er dieses Bauprojekt für Bohemka in die Wege leiten.

Dank des größeren zeitlichen Abstandes von einer ganzen Generation hatte Pavel noch die begeisterten Anfänge der Erneuerung der Gemeinde vor Augen, als die Kirche gebaut wurde, und auch die vielen Menschen, die sich jahrelang in der Kirche versammelt hatten, aber heute nicht mehr unter uns sind.

Am Sonntag predigte er sehr schön und hoffnungsvoll über Jesus, den Hirten der Schafe. Das Hirtenbild ist sowohl in Bohemka als auch in Veselinovka jedem verständlich, denn täglich sieht man, wie der Hirte morgens das Vieh wegführt und abends von der Weide zurück in den Stall bringt. Auf jeden Fall, früher wie heute, in Bohemka, Veselinovka, in unserem eigenen Land und in „Vaters Haus“ können wir uns darauf verlassen, dass wir einen guten Hirten haben, der uns sicher führt, wie auch immer wir ihn uns vorstellen.

Ich war besonders froh, dass Bohemka nach den anderthalb Jahren, während derer ich wegen der Corona-Pandemie nicht in der Ukraine sein konnte, noch immer voller Leben ist. Dank dreier unverzagter Frauen konnten die Gottesdienste trotz der Schwierigkeiten, die Corona mit sich brachte, aufrechterhalten werden. Die Leute kommen gerne zu den Versammlungen, und ihre Zahl ist nicht wesentlich zurückgegangen. Nach anderthalb Jahren feierten wir wieder das Abendmahl.

Am Montagabend kam eine Gruppe von Frauen ins Pfarrhaus zum Treffen der „mittleren Generation“. Es war zu sehen, wie glücklich sie sind, wenn sie inmitten harter Arbeit zusammenkommen, zusammen sein, über eine biblische Geschichte nachdenken können. Pavel und ich stellten das Buch Parabible vor und daraus ein originell bearbeitetes Gleichnis über die Arbeiter im Weinberg in der Geschichte „Lauter Einser“. Den größten Teil des Abends haben wir gesungen. Wir sangen Lieder aus dem Gesangbuch Svítá und auch Volkslieder. Die meisten Teilnehmer des Kreises sind Landmädel aus Bohemka. Sie wollten auch einige Melodien für die Aufführung ihres Ensembles klären.

Wir vermissten Ola Andršová, die ehemalige Vorsitzende des Landsleute-Vereins. Im Frühjahr ist sie mit ihrer Familie nach Tschechien gezogen. Ihre Nachfolgerin Aljona Hortová macht sich aber ebenfalls ausgezeichnet.

Über die holprige Straße nach Veselinovka

Veselinovka05Am Mittwoch machten wir uns auf kurvigen und sehr holprigen Wegen auf nach Veselinovka. Auch dieses schöne, inmitten von Feldern gelegene Dorf lebt. Diesmal war es voller Einheimischer, die schon früher nach Tschechien gezogen waren und nun, nach zweijähriger Unterbrechung, ihr Dorf besuchten. So war es auch bei unserer Gastgeberin Marie Provazníková. Ihre Tochter Ola und die Enkelin Dáša waren schon abgereist, aber Enkelin Marína aus Liberec war noch mit uns dort. Der Sonntagsgottesdienst wurde wieder von Mädchen organisiert, zwei Studentinnen aus Tschechien, die für drei Wochen gekommen waren, um das Tschechisch der Kinder aus Veselinovka zu perfektionieren.

Ich habe mich sehr gefreut, Maries „Mädchen“ wieder zu treffen, wie sie die Frauen nennt, die in die Kirche gehen. Die meisten sind in ihrem Alter.

Veselinovka01Der Sonntag ging aber noch weiter: Fast das ganze Dorf versammelte sich zum Jubiläum der Gemeindegründung. Die Lehrerin Valentýna Gavrot hatte mit Kindern und dem Chor Zlatá rosa [„Goldener Tau“] ein Programm einstudiert. Heutige und ehemalige Bewohner sahen zu, was ihre Kinder und Erwachsenen darzubringen vermochten. Das Stärkste für mich ist, wenn Ráďa Provazník singt. Er ist der einzige erwachsene Mann, der sich nicht verlegen versteckt, sondern mit fesselnder Stimme ein berührendes ukrainisches Lied singt. Der Abend wurde mit Speis und Trank fortgesetzt, und auf der Straße wurde bis zum Morgen getanzt. Daran nahmen wir jedoch nicht mehr teil. Morgens um halb fünf machte ich mich mit Pavel, Honza, Šárka und Tereza auf den Weg in Richtung Lemberg und nach Hause.

Ich verließ „unser“ Dorf wieder erfreut und ermutigt davon, wie gut es unseren Freunden geht. Ich gebe aber zu, dass ich es immer als Schatten empfinde, wenn kluge Leute von dort wegziehen, zu uns nach Tschechien. Ich gönne es ihnen, aber „zu Hause“ fehlen sie.

David Mašek, ein Vertreter unserer Konsulin in Kiew, mit dem wir uns in Kiew getroffen haben, schrieb mir, wie froh er sei, dass das Dorf trotz der Entvölkerung noch bestehe. „Ich wünschte, die Dinge würden sich zum Besseren wenden und es gäbe Arbeit und eine Perspektive in den Dörfern. Ich sage mir, wenn sich ein tschechischer Investor fände, zum Beispiel aus der Lebensmittelindustrie, würde das meiner Meinung nach helfen.“

Veselinovka und Bohemka hätten es verdient.

Miroslav Pfann